Hamburg 2000
1.
Gutachter : Prof Dr. R. Carle, Hamburg
2. Gutachter : Prof. Dr. P. Pink,
Köln
Datum der Disputation :
13.12.1994
1. Gutachter : Prof Dr. R. Carle,
Hamburg
2. Gutachter : Prof. Dr. P. Pink,
Köln
Datum der Disputation :
13.12.1994
List of Publications
(a) Books
- KOZOK, U. Warisan Leluhur.
Naskah Lama dan Aksara
Batak. École Française
d’Êxtreme-Orient. Jakarta: Kepustkaan Populer Gramedia
1999. 158 pages.
- KOZOK, U. Surat Batak: Pengantar Filologi dan Aksara
Batak [The Batak Script:
Introduction to philology and the Batak writing system]. Medan:
University of North Sumatra Press 1999. 119+vi pages.
(b) Sections in books
- KOZOK, U. “Batak Languages, Script
and Literature” In: John McGlynn (ed.) Indonesian Heritage.
Singapore: Archipelago Press 1998, pp. 34-35.
- KOZOK, U. “De taal- en
onderwijspolitiek van de Rijnse Zending in de Bataklanden.”
[Language and educational policy of the Rhenish Missionary Society
in the Bataklands] In: Kees Groeneboer (ed.), Koloniale Taalpolitiek in Oost en West:
Nederlands-Indië, Suriname, Nederlandse Antillen en
Aruba. Amsterdam:University Press
1997 pp. 127-157.
- KOZOK, U. “Bark, Bones, and Bamboo:
Batak Traditions of Sumatra.” In: A.L. Kumar & John
McGlynn (eds.), Illuminations:
Writing Traditions of Indonesia. New
York: Weatherhill 1996, pp.231-246.
- KOZOK,U. “Prehistory”,
“Historical Survey”, “The Economic Foundations
of the Society”, “Batak Script and Literature”,
“Dance and Music”. In: Achim Sibeth (Ed.)
Living with Ancestors. Batak: Peoples
of the Island of Sumatra. pp. 13-15;
26-30; 31-37; 100-114; 211-216. New York: Thames and Hudson 1991
[Translation of No.6].
- KOZOK,U. “L’époque
préhistorique”, “Les terres batak du
Nord”, “Les fondements économiques de la
société”, “L’écriture et la
littérature batak”, “Danse et musique”.
In: Achim Sibeth (Ed.) Les Batak: Un
peuple de l’île de Sumatra. pp. 13-15; 26-30; 31-37; 100-114; 211-216.
Genéve: Editions Olizane 1991 [Translation of No.6].
- KOZOK,U. “Vorgeschichte”,
“Die nördlichen Batakländer”, “Die
wirtschaftlichen Grundlagen der Gesellschaft”,
“Schrift und Literatur der Batak”, “Tanz und
Musik”. In: Achim Sibeth (Ed.) Mit den Ahnen leben: Batak, Menschen in Indonesien.
pp. 13-15; 26-30; 31-37; 100-114;
211-216. Edition hansjörg mayer, Stuttgart, London
1990
(c) Articles
- KOZOK, U. "Literature and Literacy in a Pre-colonial 'Tribal'
Society : The Batak People of North Sumatra " Bijdragen tot de
Taal-, Land- en Volkenkunde 156, Leiden 2000 [in press].
- KOZOK, U. “Dunia Pernaskahan Karo
(I), bilang-bilang.” [The World of Karo Manuscripts (I),
bilang-bilang] Buletin
Tenah 55:21-24, Kabanjahe 1995.
- KOZOK, U. “Dunia Pernaskahan Karo
(II), Surat Batak”. [The World of Karo Manuscripts (II),
Batak script]. Buletin
Tenah 56:20-26. Kabanjahe
1995.
- KOZOK, U. “Lamentations of the
Karo-Batak, North Sumatra.” Indonesian Circle
59&60: 57-61, London 1992/1993.
- KOZOK, U. “Aksara Batak: Antara Mesin
Tik dan Komputer.” [Batak script: between typewriting and
computerisation]. Bona ni
Pinasa, August 1990, Jakarta.
|
Address:
|
2-33 Boyce Ave., Mt
Roskill, Auckland, New Zealand, Phone: +64-9-626 7193;
Facsimile 626 2058; Email uli@pl.net
|
|
Date of
Birth:
|
26 May 1959
(Hildesheim, Germany)
|
|
Marital
Status:
|
Married: 1
child
|
|
Employment
|
|
|
1987
|
Short time
employment (6 months), archaeological excavation in Biberach
(Germany)
|
|
1988-1989
|
Teachers Training
College, Medan – Full-time Lecturer
|
|
1990-1991
|
University of North
Sumatra – Honorary Lecturer
|
|
1993-1994
|
University of
Hamburg – Part Time Lecturer
|
|
1993
|
Carl v.
Ossietzky-University, Oldenburg (Germany) – Guest
Lecturer
|
|
Present
Position:
|
1994-1999 Lecturer,
since 2000 Senior Lecturer in Indonesian, Asian Languages
and Literatures Department, University of Auckland, Private
Bag 92019, Auckland, New Zealand, Ph.: (+64-9) 373-7599 Ext.
7728, Fax: (09) 373-7411, e-mail:
uli.kozok@auckland.ac.nz
|
|
Professional
memberships:
|
|
|
|
Royal Institute of
Linguistics and Anthropology (KITLV), Leiden, NL
European
Association of South East Asian Studies
(EUROSEAS)
American
Association for Asian Studies
The Australian
Society of Indonesian Language Educators
New Zealand
Society of Translators and Interpreters
New Zealand
Association of Asian Studies
|
|
Languages:
|
German (native),
Indonesian (native-like), English (fluent), Karo-Batak
(fluent), Dutch, Toba-Batak, Mandailing-Batak (semi-fluent),
Latin, Classical Greek.
|
|
Chief fields of
interest:
|
Batak literary
history, philology, codicology. Paleography of Island
Southeast Asia. Modern Indonesian literature. Prehistory of
South East Asia and Oceania. Ethnicity and Nationalism in
Indonesia, Methodology of Language Learning and
Teaching.
|
Zusammenfassung
Nach einer kurzen Einleitung wird an Hand von
verschiedenen Quellen nachgewiesen, daß die bestehenden
Theorien hinsichtlich der Verbreitung der Schriftlichkeit in
Nordsumatra grundsätzlich revidierungsbedürftig sind. Die
recht weit verbreitete Literalität in der vorkolonialen
Gesellschaft der Batak führte nicht zu einer weiten Nutzung
ihres Potentials, was u.a. auf die nahe Verbindung von Schrift und
Magie zurückgeführt werden kann. Bei näherer
Betrachtung entpuppen sich dann auch die zahlreichen Liebes- und
Schicksalklagen der Karobatak, die in Band 2 in diplomatischer wie
kritischer Transliteration sowie Übersetzung und umfassenden
Anmerkungsteil dargestellt werden, als Träger von Schutz- und
Liebesmagie bei einer bemerkenswerten Korrelation von
Schriftträger und Textfunktion. Eine ähnliche Funktion
eines Abwehrzaubers kann auch in der oralen Tradition der Toten-,
Hochzeits-, Schicksals- und Liebesklagen beobachtet werden, die
vergleichend dargestellt wird. Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit
sind die „historischen Klagen“, die sich gegen die
Entmündigung der batakschen Gesellschaft und den Zerfall
traditioneller Werte durch den Einfluß der Kolonialverwaltung
wenden. Dieser Versuch, ein traditionelles Genre und Medium als
politisches Sprachrohr gegen die Kolonialmacht einzusetzen,
führte zu einer Säkularisierung des Klagelieds und des
Schriftmediums im allgemeinen, und letztendlich zur Niedergang der
Klageliedtradition.
Uli Kozok
Prof. Dr. R. Carle
zum
Gedenken an
Dr. Petrus
Voorhoeve
1899-1996
Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen:
Abb. Abbildung
HKBP Huria Kristen Batak Protestan (Kirche
der Tobabatak)
Hs. Handschrift
Hss. Handschriften
Kab. Kabupaten (Bezirk)
Kb. Karobataksch
Kec. Kecamatan (Unterbezirk)
KIT Koninklijk Instituut voor de Tropen,
Amsterdam
KITLV Koninklijk Instituut voor Taal-, Land-
en Volkenkunde, Leiden
Mb. Mandailingbataksch
Mal. Malaiisch/Indonesisch
MfV Museum für Völkerkunde
MvV Museum voor Volkenkunde
Ndl. Niederländisch
NZG Nederlandsche Zendelinggenootschap
(Oegstgeest)
Pb. Pakpak-Dairibataksch
RMG Rheinische Missionsgesellschaft
(Wuppertal-Barmen)
Sb. Simalungunbataksch
Skt. Sanskrit
T Text
TA Textabschnitt
Tb. Tobabataksch
UB Universitätsbibliothek
UBL Universitätsbibliothek Leiden
Z. Zeile(n)
Rechtschreibung
Bei der Rechtschreibung batakscher und
indonesischer Wörter habe ich mich, außer in Zitaten und
Eigennamen, an die Regeln der neusten Rechtschreibreform des
Indonesischen, die Ejaan Yang Disempurnakan von 1972,
gehalten. Grapheme sind in spitze Klammern, Phoneme in eckige
Klammern gesetzt. Im Falle des Karobatakschen handelt es sich beim
/e/ stets um das Schwa [´], das betonte [é]
habe ich mit einem Akzent versehen. Bei allen Wörtern aus den
anderen Bataksprachen ist /e/ stets betont zu lesen. Weitere
Anmerkungen zur Orthographie des Karobatakschen siehe Kapitel
"Transliterationssystem" im Anhang.
Vorwort
Diese Arbeit wäre ohne die
Unterstützung und Hilfe von verschiedenen Personen und
Institutionen in dieser Form nicht realisierbar gewesen. An erster
Stelle möchte ich mich bei Herrn Dr. Petrus Voorhoeve bedanken.
Herr Voorhoeve hat sich seit der Publikation seiner Dissertation im
Jahre 1927 intensiv dem Studium der batakschen Sprachen und Literatur
gewidmet und durch eine Vielzahl von Publikationen den Reichtum
batakscher Handschriften der philologischen Forschung und einer
breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ihm bin ich
außerordentlich zu Dank verpflichtet für die
unschätzbare Hilfe und aktive Anteilnahme an meiner Arbeit seit
beinahe zehn Jahren.
Ausdrücklich zu Dank verpflichtet bin
ich meinem Doktorvater Professor Dr. Rainer Carle für seine
wertvollen Anregungen, seine konstruktive Kritik sowie für die
intensive Betreuung meiner Arbeit von Anfang an. Danken möchte
ich auch meinem langjährigen Hochschullehrer Professor Dr. Peter
Pink, der jahrelang meine Arbeit mit Interesse und persönlichem
Einsatz begleitete. Herrn Professor Dr. Henk Maier danke ich für
seine Unterstützung während meines Studienaufenthaltes an
der Universität Leiden.
Von unschätzbaren Wert waren die
zahlreichen Informationen, die ich während meiner Feldforschung
in Sumatra einer Anzahl von Personen zu verdanken habe, die ich hier
nicht alle einzeln aufführen kann. Erwähnt werden
müssen aber der unlängst verstorbene Major i.R. Payung
Bangun (Pa Berontak), Sohn des in den karobatakschen Klageliedern so
häufig genannten Kiras Bangun, der die Karohochfläche gegen
die militärische Annexion der Niederländer zu verteidigen
suchte, sowie Ngukumi Barus aus Kabanjahé, der, selbst
literarisch tätig, zu den wenigen Kennern des Genres des
karobatakschen Klagelieds zählt, und ohne dessen Hilfe mir die
Übersetzung einiger Klagelieder nicht möglich gewesen
wäre.*)
Während meiner Feldforschung lernte ich,
als ich an der Universität von Nordsumatra lehrte, den Studenten
und heutigen Drs. Nelson Lumbantoruan kennen, der mich über ein
Jahr lang begleitete, und sich nicht nur als treuer Begleiter,
sondern auch als ein Kenner der batakschen Kultur von
unschätzbaren Wert erwies.
Herzlichen Dank auch meinen Freunden und
Kollegen Johann (Hans) Angerler, Universität Leiden, und Achim
Sibeth, Museum für Völkerkunde Frankfurt, für die
vielen fruchtbaren Gespräche und Literaturhinweise, die mir eine
wertvolle Hilfe waren. Dr. Ulrike Leims, Auckland, danke ich für
die vielen Stunden, die sie mit der Korrekturlesung des ersten Bands
dieser Arbeit verbrachte.
Zu Dank verpflichtet bin ich auch den
zahlreichen Institutionen, die mir meine Forschungen während der
letzten Jahren ermöglichten, insbesondere dem Deutschen
Akademischen Austauschdienst (DAAD), der indonesischen
Forschungsbehörde Lembaga Ilmu Pengetahuan Indonesia (LIPI), der
Philologischen Fakultät (Fakultas Sastra) der Universitas
Sumatera Utara, Medan, der niederländischen Nederlandse
Organisatie voor Internationale Samenwerking in het Hoger Onderwijs
(NUFFIC), dem Erasmus-Programm der europäischen Gemeinschaft und
dem Department of Asian Languages and Literatures der
Universität Auckland.
Auckland, April 1999
Uli Kozok
*) Ngukumi Barus ist kurz vor Drucklegung des
Manuskripts verstorben.
1. EINLEITUNG
1990/1991 hatte ich vermittels eines
Forschungsstipendiums des DAAD die Gelegenheit, die
Klageliedtradition der Batak vor Ort zu studieren. Bereits Jahre
zuvor hatte ich begonnen, Klagelieder der Karobatak
(bilang-bilang) aus europäischen Museumssammlungen zu
transliterieren und zu übersetzen. Anliegen meines
Forschungsaufenthaltes war es, Informationen über die
schriftliche Klageliedtradition der Batakvölker zu gewinnen
sowie die orale Tradition des Klagelieds zu dokumentieren. Es war
enttäuschend für mich, während meiner Feldforschung zu
erfahren, daß es unmöglich war, relevante Informationen
über die schriftliche Klageliedtradition zu bekommen. Diese
Tradition ist seit einigen Jahrzehnten ausgestorben und ich hatte
Schwierigkeiten, einige ältere Leute zu finden, die sich an
diese Tradition noch vage erinnerten. Während meiner
Feldforschung wendete ich mich deshalb auch der oralen Tradition des
Klagelieds zu, die als Totenklage
in vielen
Gegenden des Bataklands noch bekannt ist.
Nach meiner Feldforschung in Nordsumatra
bekam ich, wiederum unterstützt aus Mitteln des DAAD als auch
der NUFFIC und des Erasmus-Programms, die Gelegenheit eines
einjährigen Studienaufenthaltes an der Universität Leiden.
Dort konnte ich an der Universitätsbibliothek den Nachlaß
von H.N. van der Tuuk
studieren, unter dem sich
zahlreiche Klagelieder der Angkola- und Mandailingbatak
(andung)
befinden.
Nach Abschluß meiner Studien
realisierte ich, daß mein Anliegen, in einer Arbeit die
verschiedenen Traditionen des batakschen Klagelieds darzustellen und
gleichzeitig das umfangreiche Textmaterial zu publizieren, nicht
durchführbar sei. So habe ich in der vorliegenden Arbeit die
schriftliche Klageliedtradition der Karo in den Mittelpunkt gestellt,
wobei der Schwerpunkt auf der Klageliedtradition der Karo liegt, da
vergleichsweise nur relativ wenig Klagelieder der Angkola- und
Mandailingbatak in den ethnographischen Sammlungen überliefert
sind.
Wie aus der im Anhang befindlichen
Konkordanzliste hervorgeht, ist eine große Anzahl der in
vorliegender Arbeit aufgenommenen karobatakschen Klagelieder bislang
noch nicht einmal katalogisch erfaßt worden. Die Handschriften
(Hss.), die bereits inventarisiert wurden, sind in der Regel nur
kurz, und nicht immer korrekt, beschrieben worden. Die fünf
bisher publizierten
bilang-bilang bieten einen nur sehr
unvollkommenen Einblick in das Genre des batakschen Klagelieds, das
in dieser Arbeit zum ersten Mal in seinen unterschiedlichen
Ausdrucksformen, ethnisch, sprachlich, oral und schriftlich,
erfaßt wird. Ich habe mich dabei nicht mit einzelnen
herausragenden Hss. befaßt, sondern habe alle mir zur
Verfügung stehenden Texte in die Analyse einbezogen, darunter
auch Hss., die in Katalogwerken als "fragmentarische Handschriften"
oder "Übungstexte" bezeichnet werden. Gegenstand dieser Arbeit
sind dabei nicht nur die Klageliedtexte, sondern auch ihre
Schriftträger
. Auf den Bambusbehältern
und Büffelknochen, in denen die Klagelieder eingraviert wurden,
befinden sich in einigen Fällen auch Orakel
und magische Formula, die, wie sich im Laufe meiner Studien zeigte,
in Zusammenhang mit den Klageliedern gesehen werden müssen. Auch
die Schriftträger selbst stehen in einem unmittelbaren Bezug zum
Text. Die hieraus resultierenden Erkenntnisse sind nur dann zu
gewinnen, wenn man sich nicht einzelnen Hss., sondern dem gesamten
Genre zuwendet. Aus diesem Grund habe ich eine Transliteration, eine
detaillierte Beschreibung und in den meisten Fällen auch eine
Übersetzung aller mir zur Verfügung stehenden 120
bilang-bilang der Karo als Anhang dieser Arbeit angefügt
(Band 2).
Die meisten Klagelieder der Angkola-,
Mandailing- und Simalungunbatak konnte ich erst nach meiner
Feldforschung transliterieren, so daß ich keine Gelegenheit
hatte, meine Übersetzungen durch Informanten vor Ort
überprüfen zu lassen. Dennoch habe ich ein Klagelied aus
Simalungun und zwei aus Angkola und Mandailing in diese Arbeit
aufgenommen. Zumindest im Falle der beiden letzteren bin ich
zuversichtlich, daß Übersetzung und Interpretation dieser
Hss. der Kritik standhalten können. Ich habe allerdings, auch um
den Umfang dieser Arbeit zu begrenzen, von einer Transliteration und
Übersetzung aller mir zur Verfügung stehenden Klagelieder
dieser drei batakschen Ethnien Abstand genommen.
Ein weiterer Grund, der mich
veranlaßte, das umfangreiche Textkorpus vorwiegend
karobatakscher Hss. in diese Arbeit einzubeziehen, ist der Mangel an
Texten, der für jeden offenkundig ist, der sich mit batakscher
Literatur, und insbesondere mit dem Genre Klagelied, befaßt.
Der Missionar Warneck
veröffentlichte drei
Klagelieder der oralen Tradition der Tobabatak, jedoch leider nur in
deutscher Übersetzung. Auch zahlreiche Mythen und Legenden der
Batak liegen nur in einer deutschen oder niederländischen
Übersetzung vor. Die meisten Texte in batakscher Sprache, die
der oralen Tradition entstammen, wurden während der Kolonialzeit
aufgezeichnet. In Ermangelung von modernen Tonträgern konnten
diese nicht den Wortlaut des Vortrags wiedergeben, wodurch sie viel
von ihrer Ursprünglichkeit verloren. Bataksche Texte der
schriftlichen Tradition liegen insbesondere aufgrund der
umfangreichen Arbeiten von Voorhoeve
vor, sind
aber, vor allem wegen der noch unzureichenden Erforschung des in
diesen Hss. gebrauchten Ideolekts, nur in wenigen Fällen auch
übersetzt worden.
Es erschien mir sinnvoll, am Anfang dieser
Arbeit zu klären, in wie weit die Schriftkunde bereits in
prä- und frühkolonialer Zeit unter den Batak verbreitet
war. Die Batak gebrauchten ihre Schrift niemals für
administrative Zwecke. Die bekanntesten Produkte batakscher
Schriftlichkeit sind die von den Magiern und Heilern verfassten
Rindenbücher, die vornehmlich aus Orakeltexten sowie Anweisungen
zur Ausführung von Ritualen und Herstellung von Medizinen
bestehen. Die Schrift diente also vorwiegend der Überlieferung
magisch-religiösen Wissens in dem eigenen Idiom der Magier, das
den Laien unbekannt war. Allgemein wird daher angenommen, dass die
Schriftlichkeit auf den Stand der Magier und Heiler als
professionelle Schriftkundige beschränkt war. Die Existenz von
zahlreichen Klageliedern, Briefen und Drohbriefen in den
Museumskollektionen, sowie Berichte der frühesten
europäischen Beobachter widerspricht jedoch dieser Annahme. In
Kapitel 2 habe ich vermittels verschiedener Quellen den Nachweis
versucht, daß die Kenntnis der Schrift unter der
männlichen Bevölkerung einst weit verbreitet war und erst
seit den christlichen und islamischen Missionen im 19. Jahrhundert
zurückgegangen ist.
Eines der zentralen Anliegen der vorliegenden
Arbeit ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der verschiedenen
Klageliedtraditionen der Batak herauszuarbeiten und diese
gegebenenfalls mit Klageliedtraditionen in anderen Teilen der Welt zu
vergleichen. Zu berücksichtigen waren dabei nicht nur die
regionalen, d.h. sprachlichen und kulturellen Varianten des
Klagelieds, sondern vor allem auch die unterschiedliche Form der
Überlieferung, nämlich oral und schriftlich. Ausgehend von
der Hypothese, daß sich die schriftliche Tradition des
Klagelieds aus der oralen entwickelte, habe ich mich (in Kapitel
3.1.) zunächst der letzteren zugewandt. Entgegen der weit
verbreiteten Annahme, daß es sich bei der oralen Tradition um
Totenklage
n, bei der schriftlichen dagegen um
Schicksals- und Liebesklagen
handelt, konnte ich
nachweisen, daß in der oralen Tradition Toten- und
Schicksalsklagen
ineinander übergehen und
daß auch die Liebesklage Bestandteil der oralen Tradition
war.
Ein Bindeglied zwischen der oralen und
schriftlichen Klageliedtradition ist die Klageliedterminologie. In
Kapitel 3.2. habe ich mich weitgehend auf eine Übersetzung der
andung-Wörter beschränkt, die in den in dieser
Arbeit vorgestellten Hss. vorkommen. Für weiterführende
Studien wäre es unerläßlich, eine Morphologie nicht
nur der andung-Terminologie, sondern auch der anderen
Ideolekte zu entwickeln.
In den verbleibenden Kapiteln wird die
schriftliche Klageliedtradition der Batak behandelt. Es handelt sich
zumeist um Schicksalsklagen
, die das
individuelle Leid des Klagenden thematisieren. Im Falle der
Klageliedtradition der Karo und möglicherweise auch der
Simalungun spielt die Liebesklage
eine wichtige
Rolle. Die mit Klageliedern beschriebenen Objekte dienten als
Liebesgeschenk
und waren in den Brauch der
Brautwerbung
eingebunden. Bei vielen Klagen ist
zudem zu erkennen, daß sie als Objekt der
Liebesmagie
dazu dienen sollten, sich der
Zuneigung einer Frau zu vergewissern. In allen Klageliedtraditionen
ist ferner zu erkennen, daß die Klagelieder vermittels der
magischen Kraft der Schrift und ihres
Schriftträger
s Leid von ihrem Verfasser
abwehren sollten. Diese unterschiedlichen Aspekte und Funktionen des
Klagelieds und ihrer Textträger werden in den Kapiteln 3.3 bis 7
behandelt.
Zehn Jahre nach Annexion des
Karolands
durch die niederländische
Kolonialmacht schrieb ein Angestellter der einheimischen
Selbstverwaltung eine Anzahl von Klageliedern, die das Leid der Karo
zur Zeit der Annexion und unter der Kolonialherrschaft beschreiben.
Der Verfasser benutzt hier ein traditionelles Genre um politische
Botschaften seinem Volk zu vermitteln. Diese Handschriften, die auch
als historische Quellen von Bedeutung sind, werden in Kapitel 6
ausführlich beschrieben. Etwa zu dieser Zeit (1915) begann die
Tradition des Verfassens von Klageliedern unter dem Einfluß
moderner Medien sich aufzulösen, aber das Genre des
karobatakschen Klagelieds erlebt durch diese politischen Pamphlete,
die auch von anderen Autoren nachgeahmt wurden, eine unerwartete
Renaissance. Die Tendenzen, die die Entmythologisierung der
batakschen Schrift und die Säkularisierung der
Klageliedtradition förderten, und gleichzeitig den Übergang
von einer begrenzten zu einer voll entwickelten Literalität
kennzeichnen, werden in den Kapiteln 5.4. und 6.4.
beschrieben.
2. SPRACHE, SCHRIFT UND LITERATUR DER BATAK
Die Batak, die das Bergland Nordsumatras
besiedeln, bilden eine der größten Stammesgesellschaften
Indonesiens. Obschon ihre Kultur sehr viel weniger vom
Hindu-Buddhismus beeinflußt wurde als die der
Malaie
n oder Javaner
, ist
das indische Erbe in vielen Bereichen ihrer traditionellen Religion
und Kultur unübersehbar. Indischen Ursprungs ist auch die
Schrift der Batak, die allerdings auf den ersten Blick nur noch sehr
wenig Ähnlichkeit mit den indischen Schriften des Festlands und
auch mit den anderen indisch beeinflußten Schriften
Inselsüdostasiens aufweist. Da die Sprachen der einzelnen
Batakvölker sich doch zum Teil beträchtlich voneinander
unterscheiden, haben sich unterschiedliche Varianten der batakschen
Schrift bei den einzelnen Völkern entwickeln können.
Im allgemeinen werden mindestens fünf
Batakvölker unterschieden. Die Karobatak besiedeln den
nördlichsten Teil des Bataklands. Die westliche Grenze des
Siedlungsgebiets der Karo verläuft entlang der Grenze, die die
Provinzen Nordsumatra und Aceh
scheidet.
Jenseits dieser liegt das Siedlungsgebiet des muslimischen und
nicht-batakschen Volks der Alas
(Kabupaten Aceh
Tenggara). Das zentrale Siedlungsgebiet der Karo ist die
Karohochfläche des heutigen Kabupaten Tanah Karo (250.000
Einwohner, Hauptort Kabanjahé
). Von der
Hochfläche aus besiedelten die Karo die Piedmontzone der
nördlichen Bergkette mit ihren höchsten Erhebungen Deleng
Sinabung
und Deleng
Sibayak
. Das Siedlungsgebiet der Karo
erstreckt sich in der Piedmontzone bis kurz vor die Städte
Binjai
und Medan
und
umfaßt somit große Teile der Kabupaten
Langkat
und Deli-Serdang
.
Dieses Gebiet wird
Karo Jahé 'das stromabwärts
gelegene Karoland' oder
dusun 'von der
Hochfläche aus besiedelte Dörfer, die von ihren
Mutterdörfern abhängig sind' genannt. Von der Straße
von Malakka trennt das
dusun ein schmaler Küstenstreifen,
der von islamischen Malaien
besiedelt ist. Die
dort beheimateten Sultanate Langkat
,
Deli
und Serdang
kamen in
den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts unter
niederländische Herrschaft. Seit etwa 1870 entwickelte sich dort
eine blühende Plantagenindustrie. Die als
Kontraktkulis
angeworbenen
Chinesen
und Javaner
haben inzwischen in weiten Teilen der
Ostküste
die einheimische Bevölkerung
(Malaien, Karo- und Simalungunbatak) zu einer Minderheit gemacht. Die
christliche Karo-Mission
der Nederlandsch
Zendelinggenootschap
(NZG
) war einer der am
wenigsten erfolgreichsten Missionierungsversuche in Indonesien. Heute
sind im Karoland - neben mehreren Varianten des Protestantismus -
Katholizismus, Islam, Hinduismus und die
agama
pemena genannte traditionelle Religion der
Karo vertreten.
Die Pakpak-Dairi
Batak
im Kabupaten Dairi (280.000 Einwohner, davon etwa die Hälfte
Tobabatak; Hauptort Sidikalang
) ist die
kleinste der fünf batakschen Ethnien. Zu Beginn der Kolonialzeit
zählten die zumeist in nicht-permanenten Siedlungen lebenden und
Brandrodungsfeldbau betreibenden Pakpak-Dairi
nur etwa 25.000 Einwohner (Karo
: ca. 120.000,
Toba
ca. 300.000). Die Bevölkerung ist zum
überwiegenden Teil protestantischen Glaubens.
KLICKEN SIE HIER:
Abb. 1 Sprach- und Dialektgruppen in
Nordsumatra
Das Siedlungsgebiet der Simalungunbatak, mit
etwa 60.000 Einwohner am Anfang der Kolonialzeit die zweitkleinste
bataksche Ethnie, liegt östlich des
Tobasee
s im Kabupaten Simalungun (850.000
Einwohner, vorwiegend Javaner
und Tobabatak;
Hauptort Pematangsiantar
). In die relativ
schwach besiedelten Landschaften Dairi
und
Simalungun
hat es seit den zwanziger Jahren
eine starke Migration von Tobabatak gegeben. Heute bilden die
Simalungun nur noch in der Hochfläche im südwestlichen Teil
des Kabupatens eine Mehrheit. Die Simalungun wurden erst Anfang
dieses Jahrhunderts, und anfänglich mit wenig Erfolg, von der
Rheinischen Missionsgesellschaf
t
(RMG
) zum Protestantismus
bekehrt. Insbesondere die in Nachbarschaft zu den
Malaien
wohnenden Simalungun haben es dagegen
vorgezogen, den islamischen
Glauben
anzunehmen.
Die Tobabatak sind im zentralen Batakland
rund um den Tobasee
und auf der Insel
Samosir
angesiedelt. Am westlichen Ufer des
Tobasee
s liegt der Vulkan Pusuk
Buhit
. Nach einem Mythos der Tobabatak liegt
hier der Ursprung der Menschheit. Die Ursprungsmythen vieler Klans
der anderen Batakstämme weisen auch auf diese Region hin, so
daß anzunehmen ist, daß die ältesten Siedlungen der
Batak in der Region um den Tobasee lagen. Bereits am Anfang der
Kolonialzeit gab es mehr als 300.000 Tobabatak. Heute zählt das
Kabupaten Tapanuli Utara, Hauptort Tarutung
,
nur 750.000 Einwohner; mehr als doppelt so viele Tobabatak leben
außerhalb ihres Stammlandes in
Pakpak-Dairi
, Simalungun,
Aceh
Tenggara, an der
Ostküste
Sumatras und auf
Java
. Beinahe alle Tobabatak sind heute
christlichen Glaubens, mit einer deutlichen Dominanz der Huria
Kristen Batak Protestan (HKBP
) und Gereja
Kristen Protestan Indonesia (GKPI), die sich beide aus der deutschen
Mission der Rheinischen Missionsgesellschaf
t
(RMG
) entwickelt haben.
Die Angkola
- und
Mandailingbatak, die das Kabupaten Tapanuli Selatan (900.000
Einwohner, Hauptort Padangsidempuan
) bewohnen,
sind zum überwiegenden Teil islamischen
Glaubens. Nach den sogenannten Padri-Kriegen
im
ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, in denen Krieger aus dem
benachbarten Minangkabau
(West-Sumatra)
große Teile des Landes beinahe entvölkerten, wurde
Mandailing als erste Region des Bataklands kolonisiert, während
die anderen Teile des Bataklands überwiegend erst nach 1904 der
niederländischen Herrschaft unterworfen wurden.
Die Unterschiede
zwischen den batakschen Dialekten sind so groß, daß Karo
und Toba als zwei eigene Sprachen bezeichnet werden können.
Karobatak gehört zur nördlichen, Tobabatak zur
südlichen Gruppe der Bataksprachen. Die nördliche Gruppe
besteht aus drei Dialekten: Karobatak, Alas
(Kab. Aceh
Tenggara) und
Pakpak-Dairi
batak, welches die Subdialekte von
Kelasan, Simsim, Pegagan und Kata Boang
(Ober-Singkel
) einschließt. Die
südliche Gruppe umfaßt die drei sehr nahe verwandten
Dialekte Toba, Angkola und Mandailing. Die Simalungun sprechen eine
Sprache, die etwa zwischen den Sprachen der Karo und Toba liegt und
daher oft als eine eigene dritte Gruppe (Zentral-Batak) bezeichnet
wird. Nach Adelaar (1981:18) handelt es sich aber bei der Sprache der
Simalungun um einen Zweig des Proto-Süd-Batak:
Abb. 1 Stammbaum der Bataksprachen (nach
Adelaar 1981)
Für europäische Forscher war es
eine große Überraschung festzustellen, daß das als
primitiv geltende Volk der Batak eine eigene Schrift und Literatur
besitzt:
"Es ist gewiss auffallend, eine solche bei
einem Volke anzutreffen, das der Anthropophagie ergeben, und das
Erstaunen wird kaum abgeschwächt, wenn man zugibt, dass die
Batak diese von einem anderen Volke, den Hindus, übernommen. Sie
haben jedoch ihre Lehrmeister vergessen und die Schrift ihrer Natur
und ihren Anschauungen entsprechend umgestaltet." (Brenner
1894:293)
Die Schrift der Batak besteht aus 19
Radikalzeichen, die mit Ausnahme der Radikale <i>und <u>
stets konsonantisch sind und auf /a/ auslauten. Vokale und einige
konsonantische Schlußlaute werden durch diakritische Zeichen
wiedergegeben, die oberhalb oder rechts des Radikalzeichens
geschrieben werden. Die Schrift wird von links nach rechts und von
oben nach unten geschrieben. Die Schriftzeichen werden ohne
Leerzeichen aneinander gefügt. Satzzeichen sind unbekannt,
außer einem dekorativen Zeichen,
bindu genannt, das
Textabschnitte voneinander absetzt.
[1]
Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts
wußte man nur sehr wenig über Sprache, Schrift und
Literatur der Batak. 1849 wurde der niederländische
Sprachgelehrte Herman Neubronner van der Tuuk
von der Nederlandsch Bijbelgenootscha
p mit dem
Studium der batakschen Sprache beauftragt. Nachdem Van der
Tuuk
einige Monate in
Sibolga
an der Westküste Nordsumatras
gelebt hatte, entschied er, sich in
Barus
niederzulassen, wo
er bis zu seiner Rückkehr im Jahre 1857 lebte. Bevor er sich in
Barus
niederließ, unternahm er eine Reise
ins südliche Batakland bis nach
Panyabungan
in Mandailing, zusammen mit einem
befreundeten Batak, von dem er die Sprache lernte. 1853 unternahm er
eine Reise ins Binnenland, wo er als erster Europäer den
Tobasee
zu Gesicht bekam (Pleyte 1895; 1904;
Voorhoeve 1927). Der "Vater der indonesischen Philologie" (Braasem
1955) verfaßte eine umfangreiche Grammatik des Tobabatak, die
als erste moderne wissenschaftliche Grammatik einer indonesischen
Sprache 1971, nach fast 100 Jahren, in einer englischen
Übersetzung neu aufgelegt wurde. Außerdem erstellte er ein
Wörterbuch, das bis heute wichtige Referenz für jeden ist,
der sich mit Sprache und Kultur der Batak beschäftigt. Im
Bataksch Leesboek hat er in drei Bänden umfangreiches
Material der oralen Literatur der Toba-, Mandailing- und
Pakpak-Dairi
batak zusammengetragen. In der
Universitätsbibliothek Leiden befindet sich heute der
Nachlaß Van der Tuuk
s, bestehend aus
zahlreichen Folio-Bänden mit Stücken der oralen und
schriftlichen Literatur der Batak sowie einer Sammlung von mehr als
50 batakschen Rindenbüchern
(pustaha), die er in der Zeit, als er in
Barus
lebte, erwerben konnte.
Mit der Wissenschaft der
datu oder
guru, wie die Heiler und Magier der
Batak genannt werden, beschäftigte sich eingehend der deutsche
Missionsarzt Johannes Winkler
. Seine
Publikation über "die Toba-Batak auf Sumatra in gesunden und
kranken Tagen" gibt einen recht umfassenden Überblick über
die Literatur, wie sie in den
pustaha
enthalten ist (Winkler 1925).
Seit 1927 hat Petrus
Voorhoeve
in zahlreichen Publikationen zur
systematischen Erforschung der Literatur der Batak beigetragen.
Insbesondere verdanken wir ihm die nahezu komplette Inventarisierung
der batakschen Hss. in europäischen, australischen und
amerikanischen Sammlungen. Aber auch Batak waren an der Erforschung
ihrer Sprache und Literatur maßgeblich beteiligt. Liberty
Manik
inventarisierte den überwiegenden
Teil aller batakschen Hss. in deutschen Sammlungen. Seinem
umfangreichen Katalog (Manik 1973) und dem Supplementband (Pigeaud
and Voorhoeve 1985) können wir entnehmen, daß sich allein
in deutschen Sammlungen mehr als 500 bataksche Hss. befinden. Wieviel
es in aller Welt sind, ist nur schwer abschätzbar, es
dürften aber mehr als 2000 sein. Japorman Edison
Saragih
, dem ehemaligen Assistenten von Petrus
Voorhoeve
während seiner Zeit als
Taalambtenaar in Sumatra, verdanken wir nicht nur die
Übersetzung von zwei
pustaha aus
dem Museum von Pematangsiantar
(Indonesien),
sondern auch ein Simalungunbataksch-Indonesisches Wörterbuch
(Saragih 1989; Saragih und Dalimunte o. J.). Tindi Raja
Manik
gebührt das Verdienst, qualitativ
hochwertige Wörterbücher für immerhin drei bataksche
Dialekte, nämlich Pakpak, Toba und Karo verfaßt zu haben.
Leider wurde bisher nur das Pakpak-Indonesische Wörterbuch
publiziert (Manik
1977).
2.1 Literatur als Datu-Wissenschaft
Betrachtet man die schriftliche literarische
Tradition der Batak, so fällt auf, daß der
überwiegende Teil der
pustaha und
anderer Hss. magisch-religiösen Inhalts ist. Nur gelegentlich
findet man in den ethnographischen Sammlungen
Briefe
, Drohbriefe
und
Klagelieder.
Das, was an batakscher Literatur heute in
Museumssammlungen zu finden ist, besteht zum überwiegenden Teil
aus den Produkten der
guru. Die
ansprechend gestalteten und zum Teil sehr aufwendig illustrierten
pustaha waren ein beliebteres Objekt
der "Kuriositätensammler" als die Bambusabschnitte, auf denen
die Laien ihre Briefe
und Liebespoesie
niederschrieben.
Bemerkenswert ist, daß in den
pustaha wie auch auf Bambusabschnitten
nur in ganz wenigen Fällen eine Mythe oder Legende (tb.
turi-turian, kb.
turi-turin) aufgeschrieben wurde. Diese
turi-turian wurden beinahe ausschließlich oral tradiert.
Da in ihnen u.a. die Kosmogonie und die Kosmologie der Batak tradiert
ist, waren auch hier wieder die
guru
die besten Kenner der
turi-turian, die sie in singendem Ton
rezitierten. Der Vortrag einer solchen Erzählung kann mitunter
mehrere Tage und Nächte in Anspruch nehmen. Eine
turi-turian, die dem Verfasser von einem
guru
vorgetragen wurde, dauerte insgesamt länger als zwölf
Stunden. Der Vortrag eines längeren
turi-turian ist wie
ein kleines Fest, bei dem der Erzähler von seinen zahlreichen
Zuhörern mit Speise, Trank, Zigaretten und Betel versorgt wird.
Einige folgen der Geschichte intensiv, andere nur mit halbem Ohr,
denn das Erzählen ist wichtiger als das Vermitteln des Inhalts
der Erzählung, der den meisten ohnehin schon bekannt ist, und es
herrscht ein beständiges Kommen und Gehen. Von den
Zuhörern, die dem Erzähler am nächsten sitzen, wird
erwartet, daß sie jeden Satz des Erzählers mit einem
langgedehnten "Ja" und einem Kopfnicken beantworten und zuweilen auch
mal mit einem "So ist es" bestärken. So wird der Vortrag eines
karobatakschen Erzählers beständig von einem
ooé und
bagééi kal begleitet. Die
Kenntnis der
turi-turian ist nicht die alleinige Domäne
der
guru, es gibt auch heute noch viele alte Männer und
Frauen, die dieses Genre beherrschen, wenngleich ihre Zahl immer mehr
abnimmt.
Ein anderes Genre der oralen Tradition
umfaßt die
umpama und
umpasa, meist vierzeilige
Verse im Stile der malaiischen Pantun
,
die eine große Rolle bei Festlichkeiten spielen. Insbesondere
beim Austausch von Freundlichkeiten zwischen Gästen und
Gastgebern ist die Kenntnis dieses Genres verpflichtend für
jeden Batak, der noch der traditionellen Lebensart in den
Dörfern des Bataklands verhaftet ist. Ansonsten kennt die orale
Tradition natürlich auch noch die vielen kleinen Genres, die in
wohl jeder Kultur der Welt zu finden sind, nämlich Rätsel,
Abzählreime, Kinder- und Schlaflieder.
Literatur als Belletristik wurde also
hauptsächlich oral tradiert. Abgesehen von den wenigen
turi-turian, die niedergeschrieben
wurden, waren die Klagelieder, die
bilang-bilang der Karo, die
suman-suman der Simalungun und die
andung der Angkola
und Mandailing das einzige belletristische Genre, das schriftlich
fixiert wurde.
[2]
Ihre Schrift
gebrauchen die Batak also hauptsächlich für magische
Zwecke. Eine enge Verbindung zwischen Schrift und Magie
läßt sich in vielen Gesellschaften mit begrenzter
Literalität
beobachten:
“Wenn eine völlig entwickelte
Schrift alphabetischer oder anderer Art von außen her in eine
bestimmte Gesellschaft eindringt, geschieht dies notwendigerweise
zuerst in begrenzten Bereichen und mit unterschiedlicher Wirksamkeit.
Schreiben erscheint zunächst oftmals als ein Werkzeug von
geheimer und magischer Kraft.” (Ong 1987:94)
Die
guru sind
die professionellen Schriftkundigen in der traditionellen
Gesellschaft der Batak. Sie gebrauchen den Bast des
alim-Baums
(Aquilaria), der in langen Bahnen abgezogen, zugeschnitten, poliert
und mit einer Reismehlpaste appretiert wird. Diese Streifen werden
dann nach der Art eines Leporello-Albums gefaltet. Als Einband dienen
zwei hölzerne Deckel, an die der Baststreifen geklebt wurde.
Geflochtene Rattanbänder dienen manchmal dazu, eine solche
pustaha zusammenzuhalten.
Diese Bücher werden meist beiderseitig
beschrieben, wobei kleine Stäbchen zum Auftragen der Tinte
dienen, die neben anderen Ingredienzen hauptsächlich aus
Harzruß und Baumsaft besteht. Die Rezepte zur Herstellung der
Tinte, die ebenfalls in den
pustaha
festgehalten sind, offenbaren, daß dies keine einfache Aufgabe
war:
"Wenn das Öl zu den anderen Zutaten
gegeben wird, möge man folgende Zeichen beobachten. [...] Wenn
sich das Öl in der Mitte absetzt, so ist dies ein schlechtes
Omen. Es wird Unruhe geben. Da dies unvermeidlich ist, soll man
aufhören die Tinte zu bereiten. Um die schlechten Einflüsse
zu neutralisieren, schnitze man eine menschliche Gestalt aus einem
Bananenstamm, damit die Gefahren vom Bereiter der Tinte abgewehrt
werden." (Saragih and Dalimunte o. J.:33f.,115f.)
Diese Bücher werden in der
südlichen Sprachgruppe
pustaha, in
der nördlichen
pustaka (skt
. pustaka) genannt. In
Simalungun werden sie meist
laklak 'Rinde' genannt. Sie
enthalten fast ausschließlich Texte über die
Ausführung von Ritualen, Orakel
und
Rezepte zur Herstellung von Arzneien. Am Anfang eines Rindenbuchs
befindet sich häufig eine Überlieferungskette, in der die
Namen der
guru aufgelistet sind, welche
die Anweisungen weitergegeben haben. Solch ein Rindenbuch diente dem
guru und seinen Schülern als Gedächtnisstütze.
Das Verständnis dieser Texte setzt daher ein gewisses Maß
an Hintergrundwissen voraus. Die einzigen, die in der Lage sind, die
Texte eines
pustaha zu verstehen, sind der
guru und
seine Schüler. Eine weitere Schwierigkeit, die das Lesen eines
pustaha bereitet, rührt daher, daß die Texte in
einer Sprache verfaßt sind, die Van der
Tuuk
hata poda
'Sprache der Unterweisung' nannte. Es handelt sich hierbei um einen
archaischen südlichen Dialekt mit vielen Lehnwörtern aus
dem Malaiisc
hen. Diese
poda-Sprache
war die Fachsprache der
guru im ganzen Batakland. Die Kenntnis dieser eigenen Sprache
vereinfachte die Kommunikation zwischen
guru mit
unterschiedlichen muttersprachlichen Hintergründen, vor allem
aber diente diese Sprache, die den Laien fremd war, dazu, das Ansehen
des eigenen Standes zu heben. Je nach Herkunft des
guru
flossen in die
pustaha auch zahlreiche Wörter seines
eigenen Dialektes ein. Die
guru zogen mit ihren Lehrlingen
durch das Land und waren häufig von einem Lehrer unterrichtet
worden, der aus einer anderen Region stammte.
[3]
Dieser Wissensaustausch von
guru aus unterschiedlichen
Batakvölkern hat zur Folge, daß in den
pustaha
neben typischen Wörtern aus der
poda-Sprache auch
Ausdrücke verschiedener Dialekte vorkommen können. Wegen
dieser Schwierigkeiten hat es bis heute noch keinen Versuch gegeben,
eine kritische Edition einer
pustaha zu publizieren. Dennoch
sind aufgrund der Studien von P. Voorhoeve
und
Liberty Manik
hervorragende Beschreibungen und
Übersetzungen von längeren Textpassagen aus
den
Rindenbüchern publiziert worden (Manik 1973; Pigeaud and
Voorhoeve 1985; Voorhoeve 1961; 1975; 1977).
Die
pustaha
sind in der Regel mit zahlreichen Illustrationen versehen. Allerdings
ist eine Deutung der Abbildungen selbst bei Kenntnis des zu ihnen
gehörenden Textes nicht immer ohne weiteres möglich.
Voorhoeve
hat zu
pustaha-Illustrationen
viel bislang unveröffentlichtes Material gesammelt. Eine
vergleichende Studie der
pustaha-Illustrationen dürfte
eine der wichtigsten Aufgaben der zukünftigen
pustaha-Forschung sein. Joachim Freiherr von
Brenner
hat diese Illustrationen in
Zusammenhang mit indischen Motiven und Gottheiten gebracht:
"Die Betrachtung dieser wunderlichen
Zeichnungen wirkt eigenthümlich anregend auf den Beschauer,
ähnlich einem Bilderrebus, in welchem eine tiefe Wahrheit
verborgen liegt, und es dämmert der stets wiederkehrende Gedanke
in uns auf, dass wir es auch hier mit einer Effluorescenz zu thun
haben, die nicht der Erdschicht entstammt, die wir unmittelbar vor
Augen haben. Wir hören das ferne Rauschen des heiligen Ganges,
die Athemzüge einer im Schlaf versunkenen, alten Kultur. (...)
Figur 18 scheint das buddhistische Sonnenrad: Tschakra, zu sein. Die
Figuren (...) erinnern mehr oder minder an vorderindische
Gottheiten." (Brenner 1894)
Voorhoeve
(1927:12)
merkt allerdings kritisch dazu an, daß dazu "wel wat veel
fantasie nodig [is]".
2.2 Die Verbreitung der Schriftkunde
Die
pustaha waren
das wichtigste Medium, in welchem die
guru ihr Wissen niederlegten.
Geschrieben wurde außer auf Baumbast auch auf Knochen und
Bambus. Bambus war das Material, das vorwiegend von Laien gebraucht
wurde. Die überlieferte Laienliteratur
besteht vorwiegend aus Briefen
,
Drohbriefe
n und Klageliedern. Die zahlreichen
überlieferten Klagelieder lassen, zumindest unter den Karobatak,
eine recht weit verbreitete Literalität
in der präkolonialen Gesellschaft der Batak annehmen. Der
Missionar Warneck
, der Jahrzehnte unter den
Tobabatak lebte, berichtet in seinen "Studien über die Literatur
der Tobabatak" jedoch:
"Es verdient gewiss anerkennende
Erwähnung, dass die Batak eine - ihren Ursprüngen nach
vielleicht aus Indien stammende - Schrift sich höchst originell
zurecht gemacht haben. Aber sie ist nicht Gemeingut des Volkes, und
die charakteristische Litteratur der Batak hat mit ihr nichts zu
thun." (Warneck 1899:102)
Es ist vermutlich auf
Warneck
s Autorität
zurückzuführen, daß seitdem die Batak in der
Literatur als ein weitgehend schriftunkundiges Volk beschrieben
werden.
[4]
Auch in rezenten Publikationen (Aritonang 1988:76; Rodgers 1988:68)
ist diese
Auffassung niemals kritisch hinterfragt worden.
Susan Rodgers
Feststellung "the script was
never used as a medium of mass literacy" kann ich noch
unterstützen - es handelt sich schließlich um eine
chirographische Tradition! - nicht aber ihre weitergehende Behauptung
"only a small elite group could read and write (better, decipher)
this [syllabic writing] system." Rodgers
Unterstellung, die bataksche Schrift sei nur schwer lesbar, basiert
auf offenkundiger Unkenntnis. Die bataksche Schrift ist in allen
ihren lokalen Varianten leicht erlernbar, wegen des Wegfalls der
pasangan leichter jedenfalls als die javanische
Schrift.
[5] Die in ihrem eigenen Idiom
verfaßten
pustaha sind, wie oben
erwähnt, tatsächlich für den Laien nur schwer, oder
gar nicht, verständlich. Dies trifft aber nicht auf die
Laienliteratur
zu.
Es ist nur schwer nachvollziehbar, wie sich
der Mythos der batakschen Illiteralität in der Literatur halten
konnte, denn insbesondere die frühen Beobachter der batakschen
Gesellschaften haben stets darauf hingewiesen, daß die
Schriftkunst allgemein in der Bevölkerung verbreitet war.
Warneck
selbst hat dies an anderer Stelle
bestätigt:
"Es ist auch von dem Tobaschen Neuen
Testament eine Ausgabe mit batakschen Lettern gemacht worden mit
Rücksicht auf ältere Christen und Heiden, welchen die
bataksche Schrift geläufiger ist." (Warneck 1925:240)
Über die präkoloniale Gesellschaft
der Tobabatak berichtet der deutsche Naturforscher Franz
Junghuhn
:
"Die Kinder werden in Nichts unterrichtet,
und das Einzige, was sie durch Nachahmung lernen, ist Schreiben,
nämlich eigene Charaktere mit der Spitze ihres Messers auf
Bambusrohre graviren, und so Geschriebenes lesen. Diese Kunst der
schriftlichen Mittheilung ist die einzige wissenschaftliche, die sie
haben; sie ist aber auch allgemein unter ihnen verbreitet, besonders
in Tobah, wo Jünglinge, die kaum das Alter von 14 Jahren
erreicht haben, gewöhnlich ihre ersten schriftstellerischen
Versuche damit anfangen, daß sie jungen Mädchen
Liebesbriefe schicken, welche auf Stücke Bambus 1 1/2 Zoll breit
und 1/2 bis 1 Fuß lang gekritzelt sind, und worin sie die
vollen Busen ihrer Schönen, ihr glänzendes Haar, ihre
kräftigen Arme beim Reisstampfen loben, und schließlich um
einige, meist gern bewilligte Gunstbeweise bitten." (Junghuhn
1847:130)
Daß die Schriftkunde unter den
Tobabatak auch in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts noch
allgemein verbreitet war, berichtet der Missionar
Ködding
:
"Die Kunst des Lesens und Schreibens ist
überall bekannt, und man dürfte nicht leicht ein Dorf
finden, wo ihrer nicht eine oder mehrere Personen mächtig
wären. Besonderer Schulen zum Erlernen bedarf es aber nicht. Die
Häuptlinge lassen hier und da wohl ihre Sprößlinge
vom Datu (Zauberer, Arzt) unterrichten; die Regel aber ist, daß
Einer vom Anderen Lesen und Schreiben lernt, und zwar spielender
Weise in den zahlreichen Mußestunden." (Ködding
1888:78)
Der Verwaltungsbeamte C.J.
Westenberg
, einer der besten Kenner der
Karobatak berichtet, daß “de schrijf- en de leeskunst
onder de Karo’s geenszins zeer algemeen verbreid waren”,
und berichtet, daß selbst viele
Raja nicht schreiben
konnten (Westenberg 1914:512).
Westenberg
s Aussage
ist typisch für viele Berichte über die Verbreitung der
Literalität
im Batakland. Der Hinweis,
daß die Schriftlichkeit
“keineswegs sehr allgemein verbreitet” war, ist relativ,
und läßt sich beinahe beliebig interpretieren. Wie
problematisch die Zuverlässigkeit der Angaben ist, wird auch aus
dem folgenden ersichtlich. Der Forschungsreisende Joachim Freiherr
von Brenner
berichtet von seinem “Besuch
bei den Kannibalen Sumatras” im Jahre 1887:
"Das wichtigste Kriterium der gesamten
geistigen Entwicklung eines Volkes bildet die Schrift, die sich nicht
im ausschliesslichen Besitze einer bevorzugten Klasse befindet,
sondern Gemeingut der ganzen Bevölkerung ist."
[6] (Brenner 1894:293)
Diese Aussage läßt auf eine weit
verbreitete Schriftlichkeit
schließen,
doch nur einige Seiten später berichtet von
Brenner
, daß “die Kenntnis des
Lesens und Schreibens begreiflicherweise nicht allgemein
verbreitet” ist. Im gleichen Satz reduziert er dann seine
vorherige Aussage von der Schrift als “Gemeingut der ganzen
Bevölkerung” auf deren männlichen Teil: “doch
dürfte man sie bei der Hälfte der Männer
antreffen.” (op.cit. 299).
Mir ist nur ein
Hinweis, das südliche Batakland betreffend, bekannt, daß
auch Frauen schriftkundig gewesen seien:
"In letzter Zeit haben die Jungfrauen, welche
die lateinische Schrift noch nicht lesen konnten, - die battasche
Schrift verstehen sie fast alle - angefangen, dieselbe zu erlernen."
(Schütz 1891:371)
Von den Karo Batak wird allerdings das
Gegenteil berichtet. Missionar Joustra
erwähnt ausdrücklich, daß “mannen alleen de
leeskunst verstaan" (Joustra 1902c:359). Gleiches bekräftigt
Middendorp, Assistent Resident der Afdeeling Simaloengoen en
Karolanden:
“Oudtijds was kennis van lezen en
schrijven (in Karotaal en -letterschrift) een kunst, die het kleinste
deel van het manvolk verstond en die men elkaar speelenderwijs
leerde.” (Middendorp 1922:451)
Es finden sich also eine Reihe
unterschiedlicher und sich teilweise widersprechender Angaben
über die Verbreitung der Schriftlichkeit
im präkolonialen Batakland. Die Zuverlässigkeit der Quellen
kann überdies in vielen Fällen in Frage gestellt werden.
Junghuhn
hielt sich nur für sehr kurze
Zeit im Batakland auf; er bereiste die Landschaften Mandailing,
Angkola und die tobabatakschen Landschaften
Silindung
und
Pangaribuan
, kam aber nicht bis an den
Tobasee
, dessen Existenz er gar bestreitet.
Junghuhn
s Bemerkung, daß die
pustaha “von den Radja selbst
geschrieben” wurden, die “als Gelehrte hohe Achtung
genossen”, deutet darauf hin, daß er wenig Einblick in
das literarische Leben des Volkes hatte (Junghuhn 1847:145). Es ist
zweifelhaft, ob die schriftlich fixierte Liebespoesie, von der er
berichtet, jemals existiert hat - jedenfalls ist keine Handschrift
dieser Art jemals in eine Museumssammlung gelangt. Tatsächlich
gab es eine orale Tradition von Liebesklagen
bei den Tobabatak, jedoch fehlt jeder Hinweis darauf, daß
schriftliche Klagelieder auch in Toba verbreitet waren. Die Angaben
der Missionare sind in der Regel zuverlässiger, jedoch halte ich
Missionar Schütz’
Behauptung einer
verbreiteten
Literalität
unter
Frauen für äußerst fragwürdig. Bevor jedoch auf
diesen Punkt näher eingegangen wird, soll die Verbreitung der
Schriftkunst unter den Batak näher untersucht und in
Zusammenhang mit anderen Schrifttraditionen Indonesiens und
Südostasiens betrachtet werden.
Anthony Reid
argumentiert in seinem Werk “Southeast Asia in the Age of
Commerce 1450-1680 - The Lands below the Winds” für eine
weit verbreitete Literalität
im
Südostasien des 17. Jahrhunderts, insbesondere in den
Philippinen
, auf Java
und auf Bali
. Er stützt sich hierbei auf
Angaben europäischer Beobachter und folgert, daß das
Schriftsystem, ursprünglich aus Indien im ersten
nachchristlichen Jahrtausend für religiöse Zwecke
eingeführt, sich über weite Teile Sumatras,
Sulawesis und den
Philippinen
verbreitete, um ganz anderen,
weltlichen und tagtäglichen Zwecken zu dienen:
"Prior to the sixteenth-century expansion of
Islam
and Christianity, writing was being
adopted by largely animist cultures where women were more
commercially and socially active than in other parts of the world.
Women took up writing as actively as men, to use in exchanging notes
and recording debts and other commercial matters which were in the
female domain. The transmission of literacy was therefore a domestic
matter, largely the responsibility of mothers and older siblings, and
had nothing to do with an exclusive priestly class. Writing was
facilitated by the relative simplicity of alphabets [... and]
universal availability of writing material [...] in the form of
palm-leaf and bamboo-strips." (Reid 1988:221)
Reid
folgert weiter,
daß mit der Ausbreitung des Islam
in
weiten Teilen Inselsüdostasiens, dieses auf einheimischen
Schriften basierende, schullose Unterrichtssystem durch ein auf die
arabische Schrift
gründendes
religiöses Schulsystem verdrängt wurde, das von
männlichen religiösen Spezialisten dominiert wurde und so
zu einem Rückgang der Alphabetisierungsrate, insbesondere unter
der weiblichen Bevölkerung, führte.
Reid
argumentiert also für eine
einzigartige schullose Literalität
in
Inselsüdostasien. Er stützt seine Thesen auf verschiedene
Quellen, ohne jedoch auch nur einmal auf das bataksche Schriftsystem
einzugehen. Auf Nachfrage antwortete Reid
, er
hätte befürchtet, daß die Batak eine Ausnahme
darstellten (persönliche Kommunikation). Dies scheint
tatsächlich der Fall zu sein, denn es kann meines Erachtens
ausgeschlossen werden, daß bataksche Frauen
je schriftkundig gewesen sind.
Auf der anderen Seite
lassen sich eine Reihe interessanter Parallelen erkennen.
Schriftlichkeit
schien auch bei den Batak, wie
ich weiter unten zeigen werde, recht weit verbreitet gewesen zu sein,
und die Aneignung des Schreibens geschah ebenfalls in der Regel ohne
formellen Unterricht.
Nur die Schüler
der
guru (
sisean, wörtlich
‘Frager’) erhielten einen formelleren Unterricht als Teil
der Unterweisung in der Kunst der Magie und des Heilwesens.
Zunächst mußte der Schüler die 19 Radikalzeichen
lernen, dann kamen die diakritischen Zeichen hinzu, und dann begann
der Unterricht im zusammenhängenden Lesen.
Winkler
beschreibt drakonische Maßnahmen
bei Schülern, die Schwierigkeiten bei der Aneignung der
Schriftkunst haben:
“Er [der
datu] geht mit dem Schüler in
einen Fluß, gibt ihm eine Hand voll Reismehl in den Mund und
läßt ihn im Wasser untertauchen bis er das Mehl
heruntergeschluckt hat. Dies geschieht siebenmal.” (Winkler
1925:73)
Lesen und Schreiben lernten die meisten aber
ohne formellen Unterricht und ohne drakonische Maßnahmen,
sondern in spielender Weise in den zahlreichen Mußestunden, wie
aus den oben genannten Zitaten ersichtlich ist.
Im folgenden soll untersucht werden, zu
welchem Grad Schriftlichkeit
in der
vorkolonialen Gesellschaft der Batak verbreitet war und ob es weitere
Indizien gibt, die Missionar
Schütz’
Angabe einer verbreiteten
Literalität
unter
Frauen
stützen können. Die
Ergebnisse der kolonialen Volkszählungen von 1920 und 1930
scheinen als Quellen, wie im folgenden gezeigt wird, nicht besonders
zuverlässig zu sein, dennoch lassen sich interessante
Anhaltspunkte
gewinnen.
2.2.1 Die Volkszählungen der Jahre 1920 und 1930
Die kolonialen Volkszählungen des 20.
Jahrhunderts lassen eine bedrückend niedrige
Alphabetisierungsrate in Inselsüdostasien, insbesondere in der
weiblichen Bevölkerung, erkennen. So waren 1920 in
Java
nur 6,83 % der Männer und 0,26 % der
Frauen
schriftkundig, und ähnliche
Ergebnisse finden sich in anderen Regionen. Im Batakland sah es nicht
viel besser aus. Unter den Tobabatak (der Afdeeling Bataklanden)
waren etwa 10 % der Männer und 1 % der Frauen alphabetisiert.
Die Zahlen sind sogar noch niedriger in der Afdeeling Simaloengoen en
Karolanden.
Die Volkszählung von 1920 definiert
jemanden als Alphabeten, der es verstand, einen einfachen Brief an
einen Freund zu schreiben. Erstaunlicherweise wird auf die
einheimischen Schriften nur in einer Randnotiz Bezug genommen, in der
erwähnt wird, daß “nur sehr wenige”
Volkszähler eine andere Schrift als die lateinische benutzten,
um die Volkszählungsbögen auszufüllen (Volkstelling
1922:11). Der Leser wird eindrücklich darauf hingewiesen,
daß die Ergebnisse, die Alphabetisierungsrate betreffend, nur
einen groben Annäherungswert vermitteln (op.cit. S. 17). Dennoch
läßt die hohe Alphabetisierungsrate in der
südsumatranischen Residenz
Lampong
(32,09% der
Männer und 23,4% der Frauen) darauf schließen, daß
zumindest hier nicht nur Alphabeten der lateinischen Schrift, sondern
auch Alphabeten der einheimischen
Ka-Ga-Nga Schrift erfaßt wurden.
Angesichts der Tatsache, daß die Batak eine vergleichbare
literarische Tradition hatten, ist es erstaunlich, daß die
Volkszählung von 1920 nur 10,25% tobabataksche Männer und
1,19% Frauen als alphabetisiert erfaßt.
Die ersten
Missionsschulen
wurden in den sechziger Jahren
des letzten Jahrhunderts eröffnet. Da die Batak über eine
eigene Schrift verfügten, herrschte lange Zeit Uneinigkeit unter
den Missionaren, welche Schrift man in der Missionsarbeit verwenden
solle. Missionar Schreiber
vertrat die
Ansicht, es wäre "ganz verkehrt" die lateinische Schrift zu
gebrauchen:
"Nicht nur, daß wir kein Recht und
keinen Grund haben, dem Volk seine eigene Schrift ohne weiteres zu
nehmen und unsere fremde an deren Stelle zu setzen, der Hauptgrund
dagegen ist vielmehr dieser, daß alle Bücher, die in
unserer Schrift gedruckt sind, nur von den wenigen Leuten verstanden
werden, die bei uns in der Schule
gewesen
sind, während die in Battaschrift gedruckten, sofort von allen
des Lesens kundigen Battas gelesen werden können." (Schreiber
1884:169)
Nicht alle Missionare jedoch teilten
Schreiber
s Ansicht. Es wurde vielfach
dagegengehalten, daß die lateinische Schrift einfach zu lernen
sei und die bataksche ohnehin in wenigen Jahren verdrängen
würde. Tatsächlich berichtet der Missionar
Warneck
, daß "das Volk bald der
lateinischen Schrift so energisch den Vorzug gab, daß man heute
nur wenige Bücher mit den alten Zeichen druckt" (Warneck
1925).
[7] Offiziell hat sich die
Mission nie für eine der beiden Schriften entschieden, und so
entstanden sowohl Bücher in lateinischer als auch in batakscher
Schrift. Satz und Druck in batakscher Schrift waren aber um ein
vielfaches teurer, so daß die Missionare schließlich auch
aus diesem Grund der lateinischen Schrift den Vorzug gaben.
Die Einführung eines modernen
Schulsystem, das sich nach der Annexion des nördlichen Tobas
(einschließlich der dicht besiedelten
Tobasee
-Insel Samosir
)
und der Landschaften Pakpak, Karo und Simalungun zwischen 1904 und
1907 überall im Batakland verbreitete, ist also teilweise
für den Rückgang der Kenntnis der batakschen Schrift
verantwortlich. Da jedoch bis 1920 noch Bücher in batakscher
Schrift gedruckt wurden, scheint es unwahrscheinlich, daß 1920
nur zehn Prozent der männlichen Bevölkerung alphabetisiert
waren. Ich vermute daher, daß die Volkszählung
hauptsächlich latinisierte Alphabeten erfaßte. Gleiches
vermutet auch Reid
:
"The inability of census takers themselves to
read the local languages may explain why areas where traditional
literacy was in a language and script not taught in school -
Java
, Bali
, and
southern Sulawesi
- were recorded as having
exceptionally low literacy." (Reid 1988:217)
Tabelle 1 Alphabetismus der einheimischen
Bevölkerung 1930
|
|
|
|
Total
|
|
|
m
|
w
|
m
|
w
|
m
|
w
|
|
Bataklanden
|
17,54
|
4,82
|
30,07
|
3,85
|
22,26
|
3,92
|
|
Simaloengoen en Karolanden
|
11,64
|
2,38
|
19,11
|
1,44
|
15,78
|
1,61
|
|
|
12,12
|
5,31
|
20,3
|
4,51
|
15,6
|
4,49
|
|
|
11,10
|
5,63
|
46,34
|
34,3
|
30,95
|
22,69
|
|
SUMATRA
|
12,46
|
3,76
|
21,69
|
4,68
|
17,10
|
4,11
|
Quelle: Volkszählung 1930
(Volkstelling 1935, Table 19)
Erst in der Volkszählung von 1930 wurde
Alphabetismus als die Fähigkeit definiert, einem Bekannten einen
Brief (nicht ohne Fehler) über eine tagtägliche
Angelegenheit in irgendeiner Sprache oder Schrift zu schreiben
(Volkstelling 1935:73). Die höhere Alphabetisierungsrate in der
Volkszählung von 1930, die 22,26 % tobabatakscher Männer
und 3,92 % der Frauen als Alphabeten erfaßte, ist sicherlich
das Ergebnis dieser schnellen Verbreitung der
Missionsschulen
in der Afdeeling Bataklanden.
1920 nahmen 21.200 Jungen und 4.301 Mädchen am Unterricht teil,
und 1930 bereits 26.819 Jungen und 8.733 Mädchen (Aritonang
1988:364). Auch hier wieder kann argumentiert werden, daß die
Volkszählung vorwiegend latinisierte Alphabeten erfaßte.
Jedoch war 1930 die Verbreitung der batakschen Schrift so weit
zurück gegangen, daß nur noch Handschriften für den
wachsenden
Tourismusmarkt angefertigt wurden,
wie es heute noch geschieht. Nach mehr als 60 Jahren christlicher
Mission und modernem Schulwesen in weiten Teilen der Afdeeling
Bataklanden hatte die bataksche Schrift nicht nur als
Kommunikationsmittel ausgedient, sondern befand sich bereits auf dem
Weg in die Vergessenheit.
Die Situation war jedoch im nördlichen
Teil des Bataklands völlig unterschiedlich, insbesondere auf der
Hochfläche der Karo, wo Liebes- und
Schicksalsklagen
auf Tabak- und Betelkalkdosen
bis ins dritte Jahrzehnt dieses Jahrhunderts
verbreitet waren. Ein Manuskript wurde sogar noch nach dem Zweiten
Weltkrieg
verfaßt. Es ist daher
überraschend, eine Alphabetisierungsrate vorzufinden, die mit
der von Nias
, dem einzigen Distrikt Sumatras
ohne eine einheimische Schrifttradition, vergleichbar ist. Wie weiter
unten gezeigt wird, sind in der Afdeeling Simaloengoen en Karolanden
wahrscheinlich nicht ausschließlich latinisierte Alphabeten
erfaßt worden, sondern auch einige, die nur die bataksche
Schrift beherrschten. Dennoch scheint es sehr wahrscheinlich,
daß die Volkszähler nur einen kleinen Prozentsatz von
Alphabeten in batakscher Schrift erfaßten.
Die Hochflächen der Karo und Simalungun
wurden erst 1904 der niederländischen Kolonie einverleibt. Die
Karo-Mission
der Nederlandsche
Zendelinggenootschap
(NZG
) und die
Simalungun
-Mission der Rheinischen
Missionsgesellschaft
(RMG
) - ein Zweig der
(Angkola
- und Toba
-)
Batakmission - waren nicht sehr erfolgreich dabei, die Karo und
Simalungun zum Christentum
zu bekehren. Seit
1905 wurden auf der Hochfläche
Missionsschulen
eingerichtet, in denen die
lateinische Schrift gelehrt wurde. Im
dusun des Karolandes gab es bereits
mehr als zehn Jahre früher die ersten
Schule
n, die aber nur von sehr wenigen
Schülern besucht wurden. Von einer Massenbildung im Karoland
kann man erst einige Jahre nach Annexion der
Hochfläche
sprechen. Der Drang nach einer
modernen Bildung war so stark, daß die Mission gelegentlich
überfordert war, dem Wunsch der
Raja nach einer eigenen
Schule nachzukommen.
[10]
Die Einführung der allgemeinen
Schulpflich
t 1907 entwickelte sich jedoch zum
Bumerang. Die Verwaltungsbeamten trieben die
Raja an,
Schulen
bauen zu lassen und dafür zu
sorgen, daß alle Kinder von sieben bis zwölf Jahren am
Unterricht teilnehmen. Für die Bevölkerung wurden Bau und
Unterhalt der Schulen eine Last, die
Raja fühlten sich
überfordert, und so kam es langsam zum öffentlichen Unmut
gegen die Schulpflich
t. 1916 erreichte der
Schulbesuch einen Höhepunkt als 1.470 Schüler in 23 Schulen
unterrichtet wurden. Während des
Weltkrieg
s verschlechterte sich das
Verhältnis der Karo Batak sowohl zu ihren Kolonialherren als
auch zur Mission. Die Eltern behielten ihre Kinder zu Hause, und
weder die Dorfhäupter (
Pengulu) noch die Beamten konnten
oder wollten eingreifen. Zahlreiche Schulen mußten daraufhin
wieder geschlossen werden. 1920, nach der
parhudamdam-Bewegung, mußten
sogar alle Schulen geschlossen werden.
Im Januar 1918 schrieb der Missionar
Neumann
an den Direktor der Nederlandsch
Zendelinggenootschap, daß eine neue religiöse Lehre im
dusun (die Piedmontzone zur
Ostküste
) des Karolandes gepredigt werde.
Bei dieser
parhudamdam-Bewegung handelt
es sich um einen religiösen Kult, dessen Herkunft unklar ist.
Die beiden Hauptanführer kamen aus Oberbarus und
Südhabinsaran, beide Gegenden liegen im Grenzbereich zum
Islam
. Ihre Lehre war durchsetzt mit einigen
islamischen Elementen, und sie waren sich sicher, daß sie
Unterstützung vom Islam erhalten würden. Im ersten
Jahrzehnt begann sich der Islam
in Indonesien
zu organisieren. Der
Sarikat Islam
hatte in Deli
und
Asahan
Fuß gefaßt, und islamische
Prediger begannen seit 1910 auch in verschiedenen Gegenden des
Bataklands den Islam
zu verbreiten. Der
Zeitpunkt des Ausbruchs der
parhudamdam-Revolten fiel nicht
zufällig mit dem ersten Weltkrieg
zusammen; auch den indonesischen Muslimen war bekannt, daß der
Kalif der Türkei
1914 zum heiligen Krieg
gegen die Ungläubigen aufgerufen hatte.
Viele Christen reagierten verunsichert, als
die Europäer, die im Batakland christliche Nächstenliebe
predigten, sich im Stellungskrieg gegenseitig niedermetzelten. Die
Anhänger der parhudamdam-Sekte waren zumeist junge Leute,
die von der alten Religion nur noch wenig verstanden. In Gegenden, wo
die alte Religion noch stark war, erhielt sie weniger Zulauf.
Als die Bewegung in Toba bereits an Kraft
verloren hatte, nachdem in mehreren blutigen
Zusammenstößen mit der Armee zahlreiche Anhänger ihr
Leben gelassen hatten, breitete sie sich nach Osten aus und wurde so
zu einer panbatakschen Bewegung, die sich Ende 1917 über
Simalungun bis ins Karoland verbreitete. Die Anhänger des
parhudamdam glaubten an die
Wiederauferstehung des Singamangaraj
a XII,
einem religiösen und politischen Führer eines Teils der
Tobabatak, der nach langer Verfolgung 1907 in einen Hinterhalt der
Kolonialarmee geraten und erschossen worden war. Nach der
Wiederauferstehung des Singamangaraj
a sollte
ein Glücksstaat beginnen, dem die Vertreibung der
Holländer
vorausgegangen sein würde
und der zusammenfallen sollte mit einer Naturkatastrophe, von der nur
die
parhudamdam-Anhänger verschont bleiben sollten. Die
Bewegung richtete sich gegen die Fremdherrschaft der
Hollände
r, gegen
Christentu
m, Steuer
und
Zwangsarbei
t. Zwar ist die Bewegung aus Mangel
an Organisation schon 1920 zugrunde gegangen, sie ist aber nicht ohne
Nachwirkungen geblieben. Zum ersten Mal hatte mit der
parhudamdam-Bewegung der Wind des über ganz Indonesien
ziehenden Nationalgefühls
auch die Batak
erfaßt (Berg 1920; Duuren 1983; Hirosue 1988; Neumann 1918;
Sidjabat 1983; Tideman 1932).
Der Boykott der
Schule
n durch die Karobatak kann in diesem
Zusammenhang als eine erste Emanzipationsbewegung gegen die
Fremdbestimmung verstanden werden. Der Grund für die rigorose
Ablehnung der Missionsschule
n lag neben dem
allgemeinen Mißtrauen gegenüber der Mission vor allem in
der Tatsache, daß die christlichen Missionare die Handels- und
Verwaltungssprache Malaiisch
aus Angst vor
islamischer Beeinflussung durch muslimische malaiische Lehrer nicht
als Schulfach aufzunehmen bereit waren.
Die malaiische
Sprache
wurde indessen immer wichtiger, da sich
Kabanjahé
, der Hauptort der
Hochfläche, inzwischen als kleines Handelszentrum mit
Händlern auch aus Minangkabau
und
Mandailing entwickelt hatte. Außerdem wurden sich die Karo
immer mehr bewußt darüber, daß sie Teil eines Landes
waren, das 1918 die malaiische
Sprache als
offizielle Sprache des
Volksraads, des indonesischen
Parlaments, erhoben hatte.
[11]
Bereits 1915 schrieb
Neumann
einen nachdenklichen Brief an die
NZG
:
"Men begint hier te lezen, en grijpt nu naar
de Maleische couranten die op de Oostkust verschijnen. Daarin wordt
ook vaak het zendelingswerk besproken en op welke wijze kunt U uit de
Zendingsbode gewaar worden, waar de Heer Walbeem af en toe deze
stukken vertaald voor de lezers. Dat maakt onze arbeid hier niet
makkelijker, men is hier om het zoo te zeggen al te wijs; zoo als een
jongen in zijn vlegeljaaren. Men weet al zoo goed dat de pandita
[Prediger] eigenlijk niets te vertellen heeft." (Brief an Gunning,
13.1.1915; Archiv der NZG
, Kast 17 No.18,
Leiden)
Die Karo-Mission
der
Nederlandsche Zendelinggenootschap brachte ihre eigenen
Druckerzeugnisse
heraus und legte so den
Grundstein für eine journalistische Ausbildung einiger Karo.
Neumann
schreibt in seinem Tagebuch vom
22.3.1922:
"Ook dit jaar bestaat het mengelwerk
[Bataksche Almanak] bijna uitsluitend uit bijdragen van Karo-Bataks;
wat een verschil met tien jaar geleden, toen alles door den zendeling
moest geschreven worden. (...) Elke ontwikkelde Batak heeft zijn
almanak en neemt die op reis mede en op de blancovellen teekend hij
aan zijn inkomsten en uitgaven, geboorte van kinderen enz, enz."
(Archiv der NZG
, Leiden)
Einige Jahre später begannen Karo ihre
eigenen
Zeitungen zu drucken. Die erste
Zeitung der Karo war die
Sora Karo, herausgegeben von Nerih
Ginting
in Arnhemia (heute:
Pancurbatu
). Die Zeitung erschien nur elf
Monate. Kurz darauf erschien die kommunistische Zeitung
Sendjata
Batak, herausgegeben von Nerus Ginting
Suka
in
Kabanjahé
. Sie wurde nach nur zwei
Monaten verboten und ihr Herausgeber nach Boven Digul (Irian Jaya)
verbannt. Von beiden Zeitungen ist das Datum der Ersterscheinung
nicht bekannt, es lag aber vor November 1924. Am 13.11.1924 erschien
Tjermin Karo in Binjai
, die sich aber
nur sechs Monate halten konnte (Hrsg.: Mboelgah
Sitepoe
). Einige Jahre später gab es
einen Boom an Regionalzeitungen der Karo, die aber selten länger
als ein Jahr erschienen:
Pandji Karo (1929 bis 1930),
Bintang Karo (1930),
Poesaka Karo
(Kabanjahé
, 1932, Hrsg.: Marah Oedin
Harahap
) und
Setia Bangsa
(Kabanjahé
, 1932, Hrsg.: Iskandar
Nababan
, S. Pandjaitan
und Nolong G. Soeka
). Die meisten dieser
Zeitungen waren nationalistisch und proislamisch
orientiert.
[12]
Im Karoland, wie auch anderswo in Niederländisch-Indien,
reagierte die Kolonialregierung mit Repressionen auf diese ersten
nationalistischen Äußerungen der Karo
Batak.
[13]
Obschon die Karo Batak erst 1904 ins
niederländische Kolonialreich einverleibt wurden, hatte sich
innerhalb von weniger als zwei Jahrzehnten bereits ein eigenes
Pressewesen entwickelt. Diese Entwicklung ist erstaunlich, angesichts
der Tatsache, daß bis 1920 - dem Jahr, in dem alle
Schule
n in Karoland aufgrund des Schulboykotts
geschlossen werden mußten - nur sehr wenige Karo Batak eine
moderne Erziehung genossen hatten. Die rasche Entwicklung einer
einheimischen karobatakschen Presse zeigt deutlich, daß sich
trotz des Schulboykotts die Bevölkerung durchaus des Nutzens
einer modernen Bildung bewußt war. Nach Schließung der
Missionsschulen
nahm die Bevölkerung die
Ausbildung ihrer Kinder in die eigene Hand und begann, in den
Gebäuden der Missionsschulen Privatschulen einzurichten und war
sogar bereit, ein sehr viel höheres Schulgeld als für die
Missionsschule
n zu zahlen. 1930 erreichte der
Schulbesuch wieder einen neuen Höhepunkt mit 1.647 Schülern
(1.548 Jungen und 99 Mädchen) in 48
Schulen
(François 1931). Die meisten
dieser Privatschulen wurden nach einer Schulreform 1926 in
öffentliche Schulen umgewandelt. Es ist aber sehr gut
möglich, daß Schüler, die zwischen 1920 und 1926 in
diesen sogenannten “wilden Schulen” die
malaiische
Sprache und das lateinische
Alphabet lernten, von den Volkszählern als Alphabeten ohne
Schulausbildung erfaßt wurden.
Dies könnte den relativ hohen Prozentsatz
‘ungebildeter’ Alphabeten in der Afdeeling Simaloengoen
en Karolanden erklären:
Tabelle 2 Einheimische Alphabeten ohne
Grundschulbildung in % aller Alphabeten[14].
|
|
Altersgruppe 2
|
Altersgruppe 3
|
TOTAL
|
|
|
m
|
w
|
m
|
w
|
m
|
w
|
|
Bataklanden
|
2,28
|
2,03
|
13,53
|
5,49
|
9,75
|
3,86
|
|
Simaloengoen en Karolanden
|
12,88
|
13,5
|
44,62
|
24,07
|
37,87
|
19,74
|
|
|
1,8
|
1,34
|
3,55
|
1,16
|
3,01
|
1,23
|
|
|
23,24
|
49,2
|
75,06
|
94,46
|
68,72
|
90,92
|
|
SUMATRA
|
7,17
|
10,9
|
35,9
|
56,06
|
28,43
|
42,87
|
Quelle: Volkszählung 1930
(Volkstelling 1935, Table 22)
Die Zahlen für Karo und Simalungun sind
dem sumatranischen Durchschnitt ähnlich. Dieser
außerordentlich hohe Prozentsatz von Alphabeten ohne
Schulausbildung - doppelt so hoch wie in Java
- wird von der Volkszählung durch die Popularität
einheimischer Schriften, wie die
Ka-Ga-Nga Schriften von
Kerinci
, Rejang
und
Lampung
in Südsumatra, erklärt
(Volkstelling 1935:77).
[15] Der
relativ hohe Anteil männlicher Erwachsener ohne Schulausbildung
im Karoland, dreimal so hoch wie im Distrikt Bataklanden und zehnmal
höher als in Nias
, kann daher auch darauf
hinweisen, daß viele dieser Alphabeten ohne Schulbildung nicht
die lateinische, sondern die bataksche Schrift beherrschten.
2.2.1.1 Alphabetisierung von Frauen
Die höchste Alphabetisierungsrate Sumatras
lag in den Lampong
schen Districten
(Lampung
).
[16]
Dort waren 1930 27 % der Bevölkerung schriftkundig, wobei die
Anzahl der erwachsenen Alphabeten mit 40 % weit über der
jugendlicher Alphabeten (8,5 %) lag. Die Geschlechtsverteilung von
Alphabeten mit Schulbildung beträgt in
Lampung
83 Männer im Vergleich zu 17
Frauen und unterscheidet sich daher nicht von der Sumatras (84:16).
Die Geschlechtsverteilung von Alphabeten ohne Schulbildung ist
hingegen mit 52:48 fast ausgeglichen - ein gewaltiger Unterschied zu
den meisten anderen Regionen Sumatras, die Verhältnisse wie
70:30 (Palembang
), 79:21
(Bengkulu
), und 96:4
(Aceh
, Jambi
und
Bangka
) aufweisen (Volkstelling 1935:74). Es
kann daher geschlossen werden, daß nicht das moderne
Bildungswesen für die hohe Alphabetisierungsrate der Frauen in
Lampung
verantwortlich ist. Im
Volkszählungsbericht (op.cit) heißt es hierzu:
"Deze zeer verbreide kennis van de
schrijfkunst onder de Lampong
ers is, gelijk de
Resident van de Lampong
sche districten en de
Inspecteur van het Inlandsch Onderwijs van Sumatra mededeelden, een
gevolg van het zg.
mandjau, een gezellig onderling samenzijn
van jonge mannen en vrouwen met het doel om elkander het hof te maken
en waarbij het gebruikelijk is elkander briefjes (meestal in de
Lampong
sche letterschrift) toe te spelen.
Indien inderdaad deze adat de oorzaak van het groote alphabetentaal
is, dan moet de behoefte aan de schrijfkunst zich pas openbaren
"waneer de mensch kwetsbaar wordt voor Amor´s pijlen" gelijk de
genoemde Inspecteur schrijft, want onder de nog-niet-huwbare meisjes
en de nog-niet-werkbare jongens is, gelijk boven blz. 73 al
medegedeeld werd, het aantal alphabeten niet zoo bijzonder
groot."
Die Mehrzahl der Alphabeten
Lampung
s konnte also weder in der lateinischen
Schrift noch in der arabischen Schrift
lesen
und schreiben, sondern in der einheimischen
Ka-Ga-Nga Schrift, die an keiner Schule
gelehrt wurde. Hohe Alphabetisierungsraten für Männer und
Frauen sind auch auf den Philippinen
vom 16.
bis 18. Jahrhundert und für Bali
im 19.
Jahrhundert beobachtet worden (Reid 1988:216).
Reid
schließt daraus, daß die
Situation in Lampung
ein Überbleibsel
einer in Inselsüdostasien weit verbreiteten Schrifttradition
ohne formellen Unterricht in einheimischen Alphabeten und mit hoher
Alphabetisierungsrate für beide Geschlechter darstellt. Er nimmt
ferner an, daß der Rückgang der
Literalität
seit dem 16. Jahrhundert auf
die Einführung eines “more ‘modern’ and
universalist system of monastic education introduced by Islam and
Christianity” zurückzuführen ist (Reid 1988:217). Es
ist wahrscheinlich, daß einheimische Schriftsysteme
ähnlich der recht eng verwandten
Ka-Ga-Nga
Schriften
Südsumatras und der Batak vor
der Verbreitung der arabischen Schrift
überall in Sumatra verbreitet waren, und daß die
einheimischen Schriften in Nord- und Südsumatra nur deshalb
überlebten, weil Islam und Christentum
in
diesen recht isolierten Gebieten erst im 19. und frühen 20.
Jahrhundert Fuß fassen konnten.
Im Batakland, wo eine ähnliche Tradition
von Liebesklagen
in einheimischer Schrift in
vielen Teilen weit verbreitet war, war die Alphabetisierungsrate
für Frauen hingegen extrem gering. Nur 3,92% der weiblichen
Bevölkerung der Tobabatak, und 1,61% der Karo- und
Simalungunbatak konnten lesen und schreiben. Diese Zahlen sind also
ähnlich wie die der Insel Nias
, wo kein
einheimisches Alphabet existierte, und die Mehrzahl dieser wenigen
schriftkundigen Frauen hat die Kenntnis der Schrift durch Unterricht
in staatlichen bzw. Missionsschulen
erworben.
Der Prozentsatz erwachsener schriftkundiger
Frauen ohne Schulausbildung im Distrikt Simaloengoen en Karolanden
ist im Vergleich zum sumatranischen Durchschnitt klein, aber recht
hoch verglichen mit den Zahlen für die Distrikte Bataklanden
oder Nias
. Hierbei darf aber nicht vergessen
werden, daß in absoluten Zahlen diese Ziffer verschwindend
gering ausfällt (24% von 1,44%!). Die folgende Tabelle, in der
das Geschlechtsverhältnis der Alphabeten dargestellt ist,
verdeutlicht, daß auch bei den Karo Batak der Anteil
schriftkundiger Frauen ohne Schulbildung im Vergleich zu dem der
Männer nicht nur verschwindend gering ist, sondern noch
niedriger als etwa in den Distrikten Bataklanden und
Nias
:
Tabelle 3 Geschlechtsverteilung
einheimischer Alphabeten ohne Schulausbildung
|
|
Altersgruppe 2
|
Altersgruppe 3
|
TOTAL
|
|
|
m
|
w
|
m
|
w
|
m
|
w
|
|
Bataklanden
|
81,53
|
18,47
|
94,44
|
5,56
|
93,28
|
6,72
|
|
Simaloengoen en Karolanden
|
83,65
|
16,35
|
96,28
|
3,72
|
95,23
|
4,77
|
|
|
78,38
|
21,62
|
92,75
|
7,25
|
89,73
|
10,27
|
|
|
50,98
|
49,02
|
51,84
|
48,16
|
51,71
|
48,29
|
|
SUMATRA
|
71,33
|
28,67
|
74,22
|
25,78
|
73,91
|
26,09
|
Quelle: Volkszählung 1930
(Volkstelling 1935, Tabelle 21)
Die Ergebnisse der Volkszählung liefern
also keinen Hinweis auf eine verbreitete
Literalität
unter
Frauen
. Im Gegenteil, die Ergebnisse lassen
sich dahingehend interpretieren, daß vor der Einführung
eines modernen Bildungssystem Frauen der Zugang zur Schriftkunst
verwehrt war.
2.3 Laienliteratur
Obschon die Ergebnisse der Volkszählungen
Susan Rodgers
Annahme einer oligoliteraten
Gesellschaft zu bestätigen scheinen, weist die bataksche
Manuskripttradition auf eine recht weit verbreitete
Literalität
, wie weiter unten gezeigt
werden wird. Eine der Hauptursachen für das verzerrte Bild
batakscher Literalität mag darin begründet sein, daß
bislang beinahe ausschließlich die literarischen Produkte der
guru Gegenstand des Interesses sowohl
wissenschaftlicher Untersuchungen als auch
populärwissenschaftlicher Darstellungen waren. Die literarischen
Produkte, die nicht von Spezialisten verfaßt wurden -
Klagelieder, Briefe
und
Drohbriefe
- sind dagegen so gut wie gar nicht
untersucht worden
[17].
Während insbesondere die Tradition von Drohbriefen und
Klageliedern die Angaben der frühen Beobachter über eine
weitverbreitete Schriftlichkeit
in der
batakschen Gesellschaft unterstützt, lassen sich jedoch keine
Indizien finden, die Missionar
Schütz’
Behauptung einer
verbreiteten Schriftlichkeit in der weiblichen Bevölkerung
untermauern könnten. In batakschen Hss. finden sich keine
Hinweise, die auf weibliche Verfasser schließen lassen
könnten. Zwar gab und gibt es auch weibliche
guru, doch
pustaha wurden ausschließlich von
Männern geschrieben, wie aus den Überlieferungsketten, die
sich häufig am Anfang einer
pustaha befinden, ersichtlich
ist (Manik and Voorhoeve 19XX). Es sind auch keine Briefe oder
Drohbriefe
bekannt, die von Frauen geschrieben
oder an Frauen adressiert waren.
[18]
Liebespoesie und Klagelieder wurden Frauen vorgelesen bzw. singend
vorgetragen. Die Tatsache, daß sich die
Liebesklagen
der Karobatak
(
bilang-bilang) anfänglich an den "Freund Leser" richten,
obschon sie ganz deutlich für die Geliebte bestimmt waren, ist
ein weiteres Indiz dafür, daß batakschen Frauen der Zugang
zur Schriftlichkeit verwehrt war. Aus
Junghuhn
s
Hinweis auf
Liebespoesie in Toba muß nicht unbedingt geschlossen werden,
daß diese von Mädchen gelesen oder gar beantwortet wurde.
Auch hier scheint es wahrscheinlich - falls diese schriftliche
Liebespoesie überhaupt je existiert hat - daß diese einem
Mädchen durch einen Vermittler vorgetragen wurde, wie es von der
Liebesklage der Karo berichtet wird (Neumann 1933:184).
Die bataksche Manuskripttradition stützt
also nicht Reid
s Annahme eines “female
dominated literacy pattern in pre-Islamic animistic cultures”.
Dies ist allerdings nicht verwunderlich, da
die Batak ihre Schrift niemals zur Aufzeichnung von häuslichen
oder finanziellen Angelegenheiten gebrauchten, und es war wohl auch
nicht viel, was einer schriftlichen Aufzeichnung wert gewesen
wäre. Handel spielte niemals eine bedeutsame Rolle in der
vorwiegend agrarwirtschaftlich ausgerichteten Ökonomie der
Batak, und der Außenhandel von Pferden, Kampfer und anderen
Waldprodukten wurde von Männern betrieben. Daß die
Kenntnis der Schrift primär Männern vorbehalten war, ist
möglicherweise durch die enge Verbindung von Schrift und
Liebesmagie
zu erklären. Ein
ähnliches Phänomen finden wir in der Musik - es war
ausschließlich Männern vorbehalten, ein Musikinstrument zu
spielen -, und auch hier wieder gibt es eine enge Assoziation zur
Liebesmagie (-> S. 1).
Im folgenden sollen durch eine quantitative
Analyse batakscher Handschriften mehr Aufschlüsse über die
Verbreitung der Literalität
in der
vorkolonialen Gesellschaft der Batak gewonnen werden. Nach Liberty
Manik
s Katalog befinden sich in deutschen
Sammlungen etwa 500 bataksche Handschriften (Manik 1973). Dies ist,
grob geschätzt, etwa ein Viertel aller existierender batakscher
Handschriften. Die Mehrheit besteht aus
pustaha und Bambushandschriften (je
43%), während Knochen- (12%) und Papierhss. (2%) quantitativ von
untergeordneter Bedeutung sind (
Tab. 4).
Gegenstand aller
pustaha, der Mehrzahl der Knochenhss. und der
Hälfte der Bambushss. ist die Wissenschaft der Magier und Heiler
(
hadatuon).
Die andere Hälfte der Bambushss. besteht
aus Klageliedern, Briefe
n und
Drohbriefe
n, also Handschriften, die nicht von
den
guru, sondern von schriftkundigen
Laien geschrieben wurden. Es besteht natürlich die
Möglichkeit, daß auch hinter diesen Hss. ein
guru
steht, der als professionell Schriftkundiger mit der Niederschrift
der Handschrift beauftragt wurde. Dies halte ich jedoch für
unwahrscheinlich, da es sich bei den Klageliedern in der Regel um
Liebespoesie der Jugendlichen handelt. Auch die Missionare
Neumann
und Joustra
beschreiben die Klagelieder als eine Laientradition.
Droh- bzw. Brandbriefe (
pulas) sind
meist auf kleine Bambustäfelchen geschrieben. Die Texte sind
stets recht kurz und folgen meist dem gleichen Muster. Ein
karobatakscher Drohbrief
beginnt in der Regel
mit den Worten: "Dies ist ein aufgehängter Brief.” Dann
folgt die Forderung wie z.B. die Zahlung ausstehenden Lohns,
Rückgabe eines gestohlenen Büffels etc. und
schließlich die eigentliche Drohung - meistens Brandstiftung
und Mord. In der Regel nennt der Verfasser seinen Namen, bleibt aber
bei der Angabe seines Aufenthaltsortes verständlicherweise
unbestimmt - entweder nennt er einen falschen Ort, um seine
Kontrahenten in die Irre zu führen, oder er gibt an, sein Platz
sei “im schwankenden Wald”. Dem Brief, der in der Nacht
am Haus des Opfers aufgehängt wird, sind aus Bambus oder Holz
geschnitzte Miniaturobjekte (Gewehr, Messer, Fußfalle,
Feuerstein und Zunder) zur Bekräftigung der Drohung
beigefügt.
Im Falle der
Drohbriefe
kann es gänzlich
ausgeschlossen werden, daß sie in Auftrag gegeben wurden. Der
Verfasser eines solchen gilt bis zur Klärung seines Falles als
Vogelfreier und hält sich daher so lange im Wald
versteckt.
[19] Die Partei, die den
Drohbrief empfängt, benennt einen Vermittler, der beauftragt
wird, den “Feind in der Nacht” (kb.
musuh berngi,
tb., sb.
musu borngin), wie er sich selbst nennt,
aufzuspüren und mit diesem in Verhandlung zu treten.
Westenberg
beschreibt die
pulas
Tradition als Institution, die es dem kleinen Mann, dem
Ohnmächtigen und Unterdrückten ermöglicht, sein Recht
durchzusetzen (Westenberg 1914:591ff.). Solch eine Institution kann
natürlich nur in einer Gesellschaft funktionieren, in der ein
großer Teil ihrer Mitglieder schriftkundig ist. Drohbriefe
waren insbesondere in der Verebnungszone
(
dusun) des Karolands populär,
aber auch in anderen Regionen des Batakland bekannt. Von den 30
Drohbriefen in deutschen Sammlungen stammen 22 aus dem Karoland und
fünf aus Simalungun; drei weitere Drohbriefe sind in
tobabatakscher Schrift und Sprache verfaßt (Manik 1973; Martin
1990; Pigeaud and Voorhoeve 1985). Drohbriefe aus Angkola/Mandailing
sind mir nicht bekannt.
In den Sammlungen anderer europäischer
Länder, die hinreichend dokumentiert sind, ist das
Verhältnis von
pustaha zu
Bambushandschriften nicht ganz so günstig. Ich zählte 206
pustaha, 78 Bambushss., 25 Knochenhss. 7 Papierhss.
verzeichnet in vier weiteren Katalogen (Pigeaud and Voorhoeve 1985;
Ricklefs and Voorhoeve 1977; Voorhoeve 1961; Voorhoeve 1975). Dies
reflektiert jedoch ausschließlich den heutigen Stand der Hss.
in europäischen Sammlungen. Es ist anzunehmen, daß das
Verhältnis tatsächlich produzierter Hss. weitaus
günstiger für Bambushss. ausfallen würde. Weiterhin
ist zu vermuten, daß die Mehrzahl der Bambushss. nach ihrem
bestimmungsgemäßen Gebrauch ihrem Schicksal
überlassen wurde. Klagelieder waren zumeist auf
Gebrauchsobjekten geschrieben, die natürlicherweise nur eine
kurze Lebensspanne hatten. Ganz anders sah dies im Falle der
pustaha aus, die von ihren Besitzern (jedenfalls bis zur
Ankunft der Missionare) wohl gehütet und von Generation zu
Generation weitergegeben wurden. Hinzu kommt noch, daß die
oftmals reich illustrierten
pustaha sicherlich ein beliebteres
Sammelobjekt europäischer Kuriositäten- und
Souvenierjäger waren als die in der Regel schlichten
Bambusabschnitte. Berücksichtigt man dies, so läßt
sich daraus schließen, daß möglicherweise ebenso
viele, wenn nicht gar mehr Hss. von Laien und nicht von Spezialisten
produziert wurden.
Unberücksichtigt blieben bislang die
Bambus- und Knochenhss., die mit Texten beschrieben sind und die der
Wissenschaft der
guru zugerechnet
werden können. Zahlreiche dieser Texte sind
außerordentlich kurz und unvollständig oder sind, neben
einem kurzen Text, nur mit magischen Figuren versehen. Einige dieser
Hss. waren wahrscheinlich Produkte der Lehrlinge der
guru als
Bestandteil ihres Unterrichts in der Kunst des Schreibens, der
Heilkunst und der Magie. Die
guru waren die religiösen
Spezialisten der Batak, aber selbst heute noch findet man zahlreiche
Laien, die sich in der einen oder anderen Kunst der Magie recht gut
auskennen.
Die bataksche Gesellschaft ist in ihren
Wurzeln derartig egalitär angelegt, daß sich ein
Spezialistentum nur bedingt ausbreiten konnte. Zahlreiche Rituale
werden noch ausgeführt, ohne daß man auf den Rat eines
Spezialisten angewiesen wäre, und nicht wenige Laien haben eine
gewisse Kenntnis und Erfahrung im Bereich der Magie. Viele
guru hingegen leben nicht allein von
der Ausübung ihres Spezialistentums, sondern gehen auch der
Feldarbeit nach. Sitor Situmorang
hat
jüngst darauf hingewiesen, daß
Warneck
s Beschreibung der
guru als
Zauberpriester nur auf einen kleinen Teil tobabatakscher
datu, von Situmorang
datu bolon
(großer
datu, Zauberpriester) genannt, zutreffend ist
(Warneck 1909:109ff.). In jedem Dorf, fährt Situmorang weiter
fort, hätte es “belasan” (zwischen 10 und 20)
datu metmet (kleine
datu, Magier und Heiler) gegeben,
während die Anzahl der
datu bolon im ganzen Tobaland auf
“höchstens ein Dutzend” beschränkt gewesen
wäre (Situmorang 1993:111f.). Die heutigen Verhältnisse
bestätigen Situmorangs Darstellung. In beinahe jedem Dorf -
zumindest in den Gebieten, in denen sich die Mission noch nicht
gänzlich durchsetzen konnte - läßt sich zumindest ein
guru finden, und es ist oftmals unmöglich eine scharfe
Linie zwischen professionellen oder semi-professionellen
guru
und fachkundigen Laien zu ziehen.
Es ist daher durchaus möglich, daß
einige dieser äußerlich wie inhaltlich oft eher
unprofessionell erscheinenden Bambushandschriften nicht von den
guru, sondern von Personen geschrieben
wurden, die nur über mäßige Kenntnisse in der Kunst
der Magie und der Herstellung magischer Requisiten verfügten.
Diese Vermutung wird auch dadurch unterstützt, daß
zahlreiche von Laien verfaßte Klagelieder der Karo Batak auf
Bambusabschnitten zusätzlich noch
Orakel
texte oder
Zauberformeln
(
tabas) enthalten.
Es kann daher gefolgert werden, daß
gerade die charakteristische Eigenschaft der batakschen Gesellschaft,
nämlich eine weitgehend egalitäre Gemeinschaft ohne
signifikante soziale Unterschiede und Spezialisierung zu sein, es
verhinderte, daß die Schrift zum exklusiven Instrument einer
privilegierten Gruppe von Spezialisten wurde. Es verdient auch
hinzugefügt zu werden, daß der phonetisch-alphabetische,
also demokratische Charakter der batakschen Schrift ihren Gebrauch
durch einen verhältnismäßig großen Teil der
Bevölkerung erleichterte. Die recht weite Verbreitung der
Literalität
resultierte jedoch nicht in
einer weiteren Exploration ihres Potentials als ein autonomes und
unabhängiges Medium der Kommunikation, was zumindest teilweise
durch die enge Verbindung zwischen Schrift und
Magie
sowie durch die Tendenz, die Schrift
eher als eine Gedächtnisstütze zu gebrauchen, erklärt
werden
kann.
2.4 Alphabet oder Silbenschrift?
Meine Beschreibung der batakschen Schrift als
“phonetisch-alphabetisch” und “demokratisch”
bedarf einer näheren Erklärung. Der demokratische Charakter
des Alphabets wurde erstmals von Diringer
in
seinem Standardwerk “The Alphabet” herausgehoben.
Alphabetische Schriften haben gegenüber ihren Vorgängern
den Vorteil, daß sie aus einer geringen Anzahl von Zeichen
bestehen, die den Lautbestand der jeweiligen Sprache recht
erschöpfend wiedergeben. Aufgrund ihre Einfachheit schaffen sie
die Voraussetzung zu einer verbreiteten
Literalität
.
Nach Diringer
können alle Schriften, die sich von der nordsemitischen Schrift
ableiten lassen, als Alphabete bezeichnet werden:
“There is no doubt that the North
Semitic alphabet is the earliest most completely known form of the
Alphabet transmitted to the west through the Greek, and to the east
through the Aramaic alphabet.” (Diringer 1968:159)
Das enorm vereinfachte nordsemitische
Alphabet, das mit nur zweiundzwanzig Buchstaben auskam, und alle von
dieser Schrift abstammenden Schriften, zu denen auch die indischen
Schriften gehören, setzt Diringer
gegen
ihre Vorläufer, nämlich piktographische und ideographische
Schriften sowie Silbenschriften ab. Diese Klassifizierung der
Schriftsysteme findet sich in der Erstausgabe von 1947 wie auch in
der vollständig revidierten dritten Auflage 1968. Im selben Jahr
erscheint das von Goody
herausgegebene Werk
“Literacy in Traditional Societies” (Goody 1968), in dem
es heißt “Es gibt wohl kein überragenderes Beispiel
kultureller Diffusion als das Alphabet
(Diringer
, 1947): alle heute
gebräuchlichen oder bekannten Alphabete stammen von semitischen
Silbenalphabeten [im englischen Originaltext:
“syllabaries”] ab.” (Goody 1991:80) Nach
Gaur
hingegen handelt es sich bei den
semitischen Schriften weder um Alphabete noch Silbenalphabete,
sondern um konsonantische Schriften (Gaur 1984:88), während es
sich bei den von diesen abgeleiteten indischen Schriften deutlich um
Silbenschriften handelt: “They have been variously described as
alphabetical, consonantal, or as an imperfect attempt to convert a
consonant script into an alphabet. None of these description can
really be justified. Indian scripts are from their recorded
beginnings clearly syllabic.” (loc.cit.) Leider bleibt
Gaur
ihren Lesern eine Erklärung
schuldig, warum diese Beschreibungen unzutreffend sind.
Diese unterschiedlichen Klassifikationen sind
wenig hilfreich, insbesondere dann, wenn die explizit phonetischen
indischen und südostasiatischen Schriften ebenso als
Silbenschriften bezeichnet werden wie die aus über sechshundert
Zeichen bestehende sumerische Keilschrift. In einer scharfen Kritik
oder besser Polemik an Diringer
s “wholly
uncritical, but lavishly illustrated”
The Alphabet,
stößt sich Havelock
insbesondere an
Diringer
s Aussage, daß es sich bei den
nordsemitischen Schriften um “reine Alphabete” handelt:
“this confused and tendentious statement exactly reverses the
truth” (Havelock 1976:25). Havelock
weist darauf hin, daß in dieser Schrift zahlreiche
Schriftzeichen mehrdeutig seien, da lediglich 22 Schriftzeichen
für weitaus mehr Phoneme gebraucht werden, und fährt fort:
“As we shall see, it was only the Greek system that was to
solve this crucial problem of ambiguity” (op.cit. 26). Nach
Havelock
ist eine Schrift nur dann
“demokratisch” (= hohe Alphabetisierungsrate) wenn sie
effizient ist. Dafür muß sie drei Bedingungen
erfüllen: Erstens muß die Schrift den Lautbestand ihrer
Sprache erschöpfend wiedergeben können, zweitens muß
dieses unzweideutig geschehen und drittens muß die Anzahl der
Schriftzeichen möglichst gering sein. Als idealen Wert gibt er
zwischen 20 und 30 an. Diese Voraussetzungen werden nach
Havelock
nur vom griechischen Alphabet und den
abgeleiteten europäischen Schriften erfüllt.
Havelock
beruft sich
hierbei insbesondere auf I.J. Gelb
(1963) als
Autorität auf diesem Gebiet. Der Verfasser von “A Study of
Writing” ist jedoch in seiner Auslegung nicht unumstritten. In
seinem Werk “Early History of the Alphabet” rehabilitiert
J. Naveh
(1982) die semitischen und indischen
Schriften als Alphabete. R. Logan
schließt sich Naveh
an und gibt folgende
Definition des Alphabets: “An alphabet is a system of writing
with a limited number of signs (twenty to thirty) that have a fixed
order” (Logan 1986). Die Anzahl der zulässigen
Schriftzeichen auf maximal 30 zu limitieren (unzweifelhaft
Havelock
s Einfluß) halte ich aber
für bedenklich. Zahlreiche indische und hinterindische Schriften
dürften dann nicht mehr als Alphabete bezeichnet werden,
obgleich sie nur das tun, was von einem Alphabet erwartet wird,
nämlich den Lautbestand der Sprache erschöpfend
wiederzugeben. Logan
widerspricht sich dann
auch deutlich, wenn er schreibt: “The English alphabet, by
rendering the forty phonemes (twenty consonants and twenty vowels) of
the spoken language with only twenty six elements, creates a host of
ambiguities and hence represents a retrogression from the original
Greek phonetic alphabet.” Muß nun das englische Alphabet
aus dem ehrwürdigen Kreis der Alphabete ausscheiden und wird
sein Platz eingenommen werden von unzweideutigen indischen und
südostasiatischen Schriften?
Die nun seit mehr als fünfzig Jahren
andauernde Diskussion, ob es sich bei den vorgriechischen Schriften
um Alphabete oder um konsonantische Schriften bzw. Silbenschriften
handelt, dreht sich im Grunde nur um die Vokalisierung. Das
griechische Alphabet läßt sich von konsonantischen
Schriften ableiten, die zur Niederschrift semitischer Sprachen
dienten. In diesen Sprachen spielen Vokale eine geringere Rolle als
in indoeuropäischen Sprachen. Das griechische Alphabet hat sich
aus seinem konsonantischen Vorläufer konsequent
weiterentwickelt, indem es aus Zeichen für Semivokale vokalische
Schriftzeichen machte und so die Schrift dem Lautbestand seiner
Sprache anpaßte. Dieser letzte Schritt zur
Vervollständigung des Alphabets wird von
Havelock
, Gelb
und
anderen als eine revolutionäre Tat ausgelegt, die der alten
griechischen Kultur ihre intellektuelle Überlegenheit über
andere antike Kulturen verliehen hat. Inzwischen ist diese extrem
ethnozentrische Sichtweise relativiert worden:
“The notion that the gap between the
Greek and earlier ‘alphabets’ is less extensive than many
have assumed derives partly from the wide diffusion of the
consonantal alphabet, the Phoenician version in the West and the
Aramaic in the East. These forms of writing exploded rapidly over a
large part of the Eurasian continent in a manner very different from
the impact of earlier systems of writing. [...] Not only may the
Greek alphabet be earlier than we suspected, not only may it be
closer in form to consonantal alphabets, but even the earlier types
of writing may have had some of the liberating effects that certain
authors (...) attributed to alphabetic literacy.” (Goody
1987:63f)
Während die Griechen ihr Alphabet von
der phönizischen, oder möglicherweise schon früher von
der proto-kanaanäischen Schrift entlehnten (Goody 1987:60),
lassen sich alle indischen Schriften auf das aramäische Alphabet
zurückführen.
Bezeichnet man die indischen Schriften als
Silbenschriften, so impliziert man eine Rückentwicklung der
Schrift auf eine entwicklungsgeschichtlich frühere
Stufe.
[20]
Während in der griechischen Schrift Vokale durch
selbständige Zeichen wiedergegeben werden, die phönizischen
Semivokalen entlehnt sind, haben die indischen Schriften das Problem
der Vokalisierung anders gelöst. Die indischen Alphabetschriften
sind streng nach phonetischen Kriterien angeordnet. Die Konsonanten
sind ihrer Aussprache gemäß in sieben Gruppen gegliedert
und beginnen mit den Lauten, die im unteren Bereich des Kehlkopfes
gebildet werden. Diesen folgen die Laute, die von der Zunge, der
Lippe etc. gebildet werden in folgender Ordnung - Gutturale,
Palatale, Zerebrale, Dentale, Labiale, Semivokale und
Sibilanten.
[21]
Diesen konsonantischen Schriftzeichen ist der Vokal /a/
inhärent, der durch vokalische Zusatzzeichen in den
entsprechenden Vokal umgewandelt wird. Die indischen Schriften
können daher nicht als Silbenschriften bezeichnet werden. In
Silbenschriften steht für jede Konsonant-Vokal Kombination ein
eigenes Zeichen, wodurch die Anzahl der Schriftzeichen in
Extremfällen (insbesondere, wenn sich in der Schrift auch noch
piktographische Elemente befinden) mehrere Hundert umfassen kann.
Selbst bei effizienten Silbenschriften wie die japanischen
Kana-Schriften oder den modernen nordamerikanischen Schriften Cree
und Cherokee beträgt die Anzahl der Silben immer noch 46, 48 und
86. Vokale treten in Silbenschriften stets gebunden auf und nicht als
unabhängige Einheiten wie es in den indischen Schriften jedoch
weitgehend gegeben ist.
Indonesische Schriften werden daher
neuerdings gelegentlich als “semi-syllabic” bezeichnet
(Behrend 1996).
[22] Möglicherweise ist
dies ein annehmbarer Kompromiß. Festzustellen bleibt, daß
die bataksche Schrift (sei sie nun alphabetisch oder semi-syllabisch)
aufgrund ihres phonetischen Charakters unzweideutig und leicht zu
erlernen ist, über nicht mehr als 25 Zeichen verfügt und
daher alle Bedingungen Havelock
s für eine
“demokratische” Schrift erfüllt. Gleiches gilt
für die meisten Schriften Inselsüdostasiens und sicherlich
für die bataksche Schrift
[23].
2.5 Der Niedergang der batakschen Schrift
Junghuhn
berichtet,
daß während der mehrfachen Einfälle von
Padri-Kriegern
aus dem westsumatranischen
Minangkabau
das südliche Batakland schwer
gelitten hat. “Der Einfall der Padries (...), die alles
plünderten und 233000 Menschen ermordeten, vollendete den
Verfall des armen Landes. Jetzt ist dies schöne Paradies eine
Wüste; das gutmüthige, in seiner Anlage vortreffliche Volk
ist nur noch eine Ruine und Anarchie und Zerrüttung sind
allgemein” (Junghuhn 1847:301). Es sei dahingestellt, in wie
weit Junghuhn
s Schilderung der Wahrheit
entspricht, doch der Einfall der Padri hat sicherlich verheerende
Auswirkungen, nicht nur auf Mandailing, hinterlassen. Loeb schreibt:
“It was not until the Padri wars, when the fanatical
Mohammedanized Minangkabau came up into the Batak territory to
convert or destroy, that the Bataks learned the real meaning of
war” (Loeb 1935:31). Junghuhn
s (Junghuhn
1847:145) Report, daß während der Padri-Kriege, die
pustaha größtenteils
vernichtet wurden, wird auch vom
civiel gezaghebber von
Mandailing bestätigt:
“Wat Pertibie en Mandheling betreft,
kan ik verzekeren, dat in eerstgenoemd landschap geen poestaha's
hoegenaamd zijn te verkrijgen, en zij in het laatstgenoemde hoogst
zeldzaam zijn te vinden. De Padries hebben deze boeken overal met
veel godsdienstijver opgespoord en verbrand, de bezitters daarvoor
hooge boeten afgeperst; zij gebruiken hier hetzelfde argument als
Omar bij de Alexandrijnsche boekerij.” (Willer 1846:391)
Auch Van der Tuuk
verzeichnete während seiner Reise nach
Sipirok
(1852) “einen allgemeinen Mangel
an Schweinen und
pustaha" als Folge der
raschen Ausbreitung des Islam
in der dortigen
Landschaft.
[24] Nach der
Niederschlagung der Padri-Bewegung, wurden die südlichen
Batakländer, Angkola und Mandailing, unter niederländische
Verwaltung gestellt. Ab 1840 wurde der Zwangsanbau von Kaffee
eingeführt, der einen Bedarf an lokalen Schreibkräften mit
sich brachte. Mit der Einrichtung von Schule
n
wurde 1851 begonnen; die Lehrer waren zumeist
Malaien
oder
Minangkabau
, die ihren Schülern auch ihre
religiösen Vorstellungen vermittelten. So konnte sich der Islam
mit Duldung der
Niederländer
in
diesen beiden Regionen ausbreiten. Der allmähliche Untergang der
alten Religion bewirkte auch den Niedergang der batakschen
Schrift
. Nicht nur, da der Stand der
guru zunehmend an Ansehen und
Einfluß verlor und daher von diesen kaum noch etwas schriftlich
produziert wurde, sondern auch, da die bataksche Schrift
göttlichen Ursprungs war und ein magisches Mittel an sich
darstellte. Mit dem Glauben an die alte Religion schwand auch die
magische
Kraft der Schrift und die Wirksamkeit
der Schrifterzeugnisse. Aus diesem Grund wird verständlich,
weshalb die schriftliche Klageliedtradition in Angkola und Mandailing
bereits im letzten Jahrhundert aufhörte zu existieren,
während sie sich in der Gesellschaft der Karo, die erst vor etwa
dreißig Jahren in nennenswertem Maße von
Islam
und Christentum
beeinflußt wurde, noch bis in die ersten Jahrzehnte dieses
Jahrhunderts halten konnte.
Die Padri-Kriege
scheinen auch die tobabatakschen Landschaften nicht verschont zu
haben. Zu einem unbestimmten Zeitpunkt zwischen 1823 und 1833 wurde
selbst die tobabataksche Landschaft Humbang von Padrikriegern
angegriffen und der Priesterfürst
Singamangaraja
X getötet (Castles
1979:72). Van der Tuuk
war der erste
Europäer, der, im Jahre 1853, Bangkara
(Bakkara), den Sitz des Singamangaraja
(XI),
besuchte. Dessen Sohn, der 1875 als
Singamangaraja
XII sein Nachfolger wurde,
wurde zum erklärten Feind der Mission als auch der
niederländischen Kolonialregierung als er ihr 1878 den Krieg
erklärte, der als
Batakoorlog in die Geschichte einging,
und insbesondere als er 1883 mit mehreren Tausend Kriegern den
neugegründeteten Regierungsposten in
Bali
ge, am Ufer des
Tobasee
s, angriff. In vier Strafexpeditionen
gegen den Singamangaraja
schrumpfte das
unabhängige Batakland nicht unerheblich; 1890 waren bereits alle
südlichen Toba-Landstriche unterworfen, und zwischen 1904 und
1907 (in diesem Jahr geriet der Singamangaraja
in einen Hinterhalt und wurde erschossen) wurden schließlich
die noch verbliebenen unabhängigen Landschaften in mehreren
militärischen Expeditionen unterworfen und dem Kolonialreich
eingegliedert.
Die Kolonisierung des Bataklands vollzog sich
also etappenweise über einen Zeitraum von etwa achtzig Jahren.
Am Anfang stand der Padri-Krieg
, der es den
Niederländer
n ermöglichte, die
südlichen Gebieten - Mandailing, Padang
Lawas
und Angkola - unter Regierungsverwaltung
zu stellen. Im Zuge der Einfälle der Padri wurde ein
großer Teil der
pustaha
vernichtet, und es scheint danach keine bemerkenswerte literarische
Produktion in der batakschen Schrift im südlichen Batakland
gegeben zu haben. Gleiches ist anzunehmen für die weiter
nördlich gelegenen Regionen.
Der Unterwerfung der weiter nördlich
gelegenen Gebiete ging in vielen Fällen die Missionierung durch
die Rheinische Missionsgesellschaft
voraus,
die 1861 ihre Mission in der bereits teilweise islamisierten
Landschaft Angkola
begann. Der heute von den
Batak als ihr Apostel verehrte Nommensen
drängte darauf, die Mission von der angkolabatakschen Landschaft
Sipirok
ins tobabataksche
Silindung
(1864) und später bis ins
Kerngebiet der Toba am Südufer des
Tobasee
s (ab 1881) zu verlagern. Die
christlichen Missionare teilten mit den islamischen Kriegern ihre
Einstellung zu den literarischen Produkten der
datu. Mit Feuereifer machten sich die
Missionare daran, die Literatur der traditionellen Schriftkundigen zu
zerstören,
"De boeken door de datoe's met zooveel
opoffering van tijd en moeite geschreven, zij dienden hen, die,
gelijk wij in Hand. 19 : 19 lezen, ijdele kunsten pleegden, en waren
dus rijp, om, evenals daar, ten vure gedoemt te worden." (Meerwaldt
1922:295)
und "den rohen Kannibalen Sumatras Bildung
und damit auch eine christliche Literatur" zu schenken (Warneck
1905:52). Dieses vollzog sich natürlich auf Kosten der
traditionellen Literatur. Die Mission und die Einführung eines
modernen Bildungswesen begannen in vielen Teilen des Bataklands also
bereits Jahre vor der Kolonisierung.
"In Sumatra fängt die Evangelisierung
einer Landschaft gewöhnlich damit an, daß die Heiden eine
Schule
bauen und um einen Lehrer für ihre
Kinder bitten. (...) Es ist in vielen Fällen der Trieb zur
Bildung, die ihnen wertvoll erscheint. Aber nun können sie
belehrt und ins Christentum
eingeführt
werden. (...) So wird die Überlegenheit des Europäers zu
einem Zauberstab, der dem Evangelium die Türen des heidnischen
Landes sprengt." (Warneck 1911a:72)
In den Gebieten, denen diese Segnungen der
Moderne noch vorbehalten waren, scheint die allgemeine Entwicklung
nicht ohne Spuren vorbeigegangen zu sein. Es ist anzunehmen,
daß die Produktion von
pustaha
auch in den noch missionsfreien unabhängigen Gebieten merklich
zurückgegangen ist, nicht zuletzt auch als Resultat einer
allgemeinen Verschlechterung der Lage durch die zahllosen
Scharmützel mit Regierungstruppen und die Verhängung von
Sanktionen durch die Kolonialregierung, die die ökonomische Lage
in den noch unabhängigen, aber isolierten Regionen noch weiter
verschlechterte. Nach der Unterwerfung der letzten unabhängigen
Enklaven zwischen 1904 und 1907 konnten die deutschen und
niederländischen Missionsgesellschaften auch hier das Wort
verbreiten.
Der Rückgang der Kenntnis der batakschen
Schrift läßt sich aber nicht nur auf die Missionierung,
das moderne Schulsystem und den Verfall des traditionellen
Wertsystems zurückführen. Vermittels der
Missionsschulen
bildete sich in kurzer Zeit
ein neuer Stand von gebildeten Batak, die sich ihre eigenen
Sprachrohre schafften. Die Sprache, die die einflußreiche
Bildungselite in ihren Zeitungen gebrauchte, war beinahe
ausschließlich malaiisch, und geschrieben wurde in der
lateinischen Schrift. Der Niedergang der batakschen Schrift ist daher
auch auf das erstarkende Nationalbewußtsein der
ökonomischen und intellektuellen Elite zurückzuführen,
die deutlich verspürte, daß ihr Volk nur eine Zukunft
haben werde, wenn es Anschluß finden und mit seinen
Nachbarvölkern und allen Völkern
Niederländisch-Ostindiens kommunizieren kann. Die erstarkende
ökonomische und intellektuelle Elite befand sich in einem
Dilemma. Als Batak fühlten sie sich ihrer Tradition und Kultur
verbunden, als Nationalisten war ihr Blick nach außen gewandt.
Die Kolonialregierung unterstützte die Adat-Parteien und die von
ihnen eingesetzten
Raja, die ihre Stellung aus der Tradition
ableiten konnten. Daher gab es keine andere Möglichkeit für
die Elite, als sich nach außen zu orientieren, ihre Zukunft in
einem selbstbestimmten Indonesien zu suchen. Dieser Prozeß
vollzog sich bei den Tobabatak in ähnlicher Weise wie bei den
Karobatak. Ihr zentrales Siedlungsgebiet, die Karohochfläche,
wurde erst 1904 dem Kolonialreich einverleibt, und die schriftliche
Tradition des Klagelieds konnte sich hier bis zumindest in die 20er
Jahre halten.
Die Karo hatten sich recht schnell wieder aus
der tiefen psychischen Krise nach der Annexion
von 1904 erholt. Es waren vornehmlich die moderne Bildung und die
ökonomischen Zuwächse nach erfolgreicher Einführung
einer europäischer Hortikultur sowie der wachsende
nationalistische Geist, die dazu führten, daß die Karo
zunehmend an Selbstbewußtsein gewannen, während die
Mission weiterhin ein Außenseiter blieb. Die
NZG
suchte 1918 nach den Ursachen der nur
langsamen Ausbreitung des Christentum
s:
"Oorzaak daarvan is wel v.n.l. de te snelle
omkeer van Oerstaat tot meetellende Maatschappij. Er wordt veel geld
verdient, en al wat men onderneemt, gelukt evengoed als men geen
Christen is, als omgekeerd. Als men heiden is, vlot alles nog veel
beter, zoo zegen zij, want...dan heeft men geen Zondag om me te
rekenen, geen Kerkdienst en geen opbrengst daarvoor. Dat het vaak
heel wat duurder is om heiden te zijn, is voor hen geen punt van
overweging meer, daar is men al aan gewoon, en hunne onkosten laten
die uitgaven wel toe. Zonder inspanning is men voor de oude Agama
[Religion, Anm. d. Verf.] klaar, en zal men dat worden voor de Nieuwe
Agama, kan eenige inspanning niet worden gemist. En daar is nu geen
tijd meer voor. Al wat nu nog hun land binnenkomt, en zich bij hen
aandient, moet evenals hun aardappelen handel en ossenkarren, bij
slechts wenig arbeid veel winst opleveren, zal de Batak van heden er
zich voor interesseren." (Jaarverslag 1918, Ressort Kabandjahe en
Sarinembah; Archiv der NZG
, Leiden)
Die Karo hatten ihre marktwirtschaftliche
Lektion gelernt. Seitdem der Agrarexperte Botje 1911 die Karo
erstmals im Anbau von europäischen Gemüsearten unterwies,
hatten sich die karobatakschen Bauern zu erfolgreichen
cash-crop Farmern entwickelt.
Diese Entwicklungen hatten den Klageliedern
ihre Basis entzogen. Papier und Bleistift hatten spätestens seit
1910 Bambus und Baumrinde ersetzt. Da die Tradition des Klagelieds
aber unmittelbar an seine Schriftträger
gebunden ist, wie ich später zeigen werde, ist es nicht
verwunderlich, daß die Klageliedtradition nach der
Kolonisierung zunehmend in Vergessenheit geriet. Die bataksche
Schrift wurde zunehmend durch die lateinische verdrängt, die als
Medium der Bildungselite zur dominierenden Schrift wurde.
Gravierender noch war vielleicht die Tatsache, daß die in den
Klageliedern
genannten Themen nicht mehr aktuell waren. Ins
“stromabwärts gelegene Land” ging man nicht mehr zu
Fuß durch den weiten Wald, sondern fuhr im Autobus, und der
Sprache der Malaien
war man inzwischen auch
mächtig geworden.
Die Hss. des Upas wurden im gleichen Jahr
geschrieben, in dem Neumann
seinen oben
zitierten Brief an die NZG
schrieb. Zu diesem
Zeitpunkt war die Kenntnis der lateinischen Schrift und der Gebrauch
moderner Druckmedien schon relativ weit verbreitet. Die bataksche
Gesellschaft befand sich im Umbruch von einer Gesellschaft mit
begrenzter zu einer mit voll entwickelter
Literalität
, in der die Schrift nicht
mehr als eine Gedächtnisstütze gebraucht wurde, sondern als
ein autonomes und unabhängiges Medium der Kommunikation. In
dieser Welt des radikalen Wandels war kein Platz mehr für die
semi-syllabische Batakschrift, die als Anachronismus empfunden
wurde.
3. DIE KLAGELIEDER DER TOBA, ANGKOLA UND MANDAILING
Die Klage ist so universell wie der Tod und das
Bedürfnis, seine Toten ehrenvoll dem Jenseits zu übergeben.
Orale Klagen lassen sich daher, manchmal bis in die Neuzeit, in so
unterschiedlichen Kulturen wie denen der
Yoruba
Westafrikas, der finno-ugrischen
Völker Rußlands
und des
Baltikums
oder der
Kalului
Papua Neuguineas nachweisen. Die
schriftliche Klageliedtradition hat ebenfalls eine lange Geschichte
und erscheint in Werken so alt wie das Gilgameschepos, das
Mahabarata, die Ilias oder das Nibelungenlied - literarische Werke
von Hochkulturen, die ein traditionelles, im Volkstum verwurzeltes
Genre übernommen und verfeinert haben. Insbesondere in den
ländlichen Regionen Rußlands und des Baltikums, wo eine
orale Klageliedtradition im 19. Jahrhundert noch weit verbreitet war,
haben Volkskundler Hunderte von Klagen aufschreiben lassen. Diese
sind nun als Texte entweder in publizierter Form oder in Archiven
überliefert. Doch handelt es sich hier um Niederschriften einer
oralen Tradition, die man nicht mit einer schriftliche
Klageliedtradition verwechseln darf, die sich in sogenannten
‘traditionellen’ Gesellschaften nur selten finden
läßt. Das “Lament for Arthur O’Leary”
aus dem Irland
des 18. Jahrhunderts ist eines
der wenigen Beispiele für die Weiterentwicklung eines
traditionellen oralen Genres. Es wurde von O’Learys Witwe
Eileen O’Connel verfaßt, die selber die orale
Klageliedtradition, die zu ihrer Zeit im ländlichen Irland noch
weit verbreitet war, gut kannte (Levi 1984). Ihre Klage schöpft
aus der volkstümlichen Tradition, aber seine Verfasserin
entstammt doch einer privilegierten Schicht. Die Gesellschaft der
Batak hingegen war eine egalitäre Gesellschaft, die weder einen
entwickelten politisch-administrativen Überbau kannte, noch sich
auf eine reiche literarische Tradition berufen konnte. Es ist daher
bemerkenswert, daß sich in dieser traditionellen Gesellschaft
parallel zur oralen Tradition eine schriftliche Klageliedtradition
entwickeln konnte. Die schriftlichen Klagelieder der Angkola,
Mandailing, Karo und Simalungun stehen im Mittelpunkt dieser
Abhandlung (Kapitel
3,
4 und
5),
während die orale Tradition aufgrund von unzureichender
Quellenlage nur angerissen werden kann.
Die Klage ist universell, doch kann sie in
unterschiedlichen Kulturen verschiedenste Formen annehmen und von
klangvollem Weinen bis zu elaborierten literarischen Werken reichen.
Die Klage ist Ausdruck der Trauer, doch muß es sich dabei nicht
um die Trauer um einen Toten handeln. Weit verbreitet sind
Schicksalsklagen
,
Hochzeitsklagen
und
Rekrutenklagen
um nur wenige der vielen Formen
zu nennen, die das Klagelied angenommen hat. Es handelt sich also
nicht um ein Genre, sondern um eine Vielzahl unterschiedlicher
literarischer Gattungen. Dennoch können wir bei den oralen
Toten-, Schicksals-, Hochzeits
- und
Liebesklagen
der Toba, Angkola und
Mandailing-Batak, die Gegenstand dieser Untersuchung sind, von einem
Genre und einer Anzahl Subgattungen sprechen, da die Batak für
alle diese unterschiedlichen Anlässe des Klagens den gleichen
Begriff -
andung - gebrauchen.
In Europa hat sich die Klageliedtradition,
wie die Studien über die Klagelieder der finnisch-ugrischen
Völker, der Karelier
, Mordwinen, Russen,
Rumänen und der Griechen belegen, in entlegenen Gebieten bis in
die Neuzeit halten können.
[25]
Aus dem außereuropäischen Raum liegen nach meiner Kenntnis
nur wenige Studien über Klageliedtraditionen vor.
Erwähnenswert ist hier insbesondere Ajuwons Arbeit über die
Totenklagen der Yoruba (Ajuwon 1982).
Aus Indonesien ist mir nur eine Arbeit
bekannt, die sich explizit mit einer Klageliedtradition
beschäftigt (Veen 1966). Allerdings handelt es sich bei dem
Totengesang der Sa’dan Toraja
Sulawesi
s um eine kommunale Klage, die in
Tanzbegleitung meist von Männern vorgetragen wird. Diese
badong, an denen Familienmitglieder wie auch andere Mitglieder
der Gemeinschaft teilnehmen können, unterscheiden sich
beträchtlich von den individuell vorgetragenen Klagen, da sie
nicht ad hoc komponiert werden.
Den schriftlichen
Liebesklagen
der Karo und Simalungun verwandt
ist die Liebespoesie Südsumatras und der
Philippinen
, die ebenfalls auf
Tabakdose
n und anderen Bambusköchern und
-abschnitten festgehalten wurde. Schriftliche
Liebesklagen
waren in den
südsumatranischen Regionen Rejang
und
Lampung
bekannt. Insbesondere die lampungschen
hiwang sollen nach Voorhoeve
den
karobatakschen Liebesklagen
(
bilang-bilang) ähneln während in der oralen
Tradition Toten- und Hochzeitsklagen
an die
südbatakschen
andung denken lassen (Voorhoeve 1940).
Leider ist diese Tradition niemals eingehender untersucht worden. Die
spärlichen Anmerkungen die Liebespoesie und die Klagelieder
Südsumatras betreffend und die wenigen zudem unübersetzten
Texte gestatten zudem nur einen oberflächlichen Eindruck in
diese Tradition (Helfrich 1891; Jaspan 1964; Tuuk 1868; 1870;
1971).
[26]
Ein Studium der oralen Klage sollte sich im
Idealfall auf einen multidisziplinären Ansatz stützen.
Klagen sind Bestandteil eines lebendigen Rituals und werden für
den Moment komponiert. Vom Tonträger transkribiert werden sie zu
Texten, die zum Gegenstand der Analyse werden. Außer ihrer
‘neuen’ Existenz als Texte handelt es sich bei den Klagen
natürlich auch um ein musikologisches Genre. Nach meiner
Beobachtung gibt es eine Reihe von unterschiedlichen Melodien, die je
nach Sänger und Region variieren. Es ist durchaus denkbar,
daß ein musikologischer Ansatz verschiedene Klageliedgruppen
definieren könnte, die sich möglicherweise auch in Hinsicht
auf Sprache und Motive der Klagen unterscheiden. Eine musikologische
Analyse könnte daher die literaturwissenschaftliche Untersuchung
ergänzen und stützen. Als Bestandteil des
Totenritual
s sollten die Klagen auch
konzeptuell in ihrem rituellen und religiösen Umfeld untersucht
werden. Solch ein Studium erfordert allerdings einen langen
Aufenthalt in der Forschungsregion, ein gutes Geschick, den rechten
Moment für eine Aufnahme abzupassen und eine hervorragende
technische Kenntnis um die Klagen so aufzunehmen, daß sie
später auch transkribiert werden können. Eine Beobachtung
der Klageliedvorträge im Rahmen eines Totenrituals (primäre
und sekundäre Bestattung) wird dann nähere Aufschlüsse
über die Funktion bieten können, die die Klagen im
Übergangsritual des Totenfestes einnehmen. Ein Studium der
batakschen oralen Klage sollte sich auch an der Vortragstechnik und
den Vortragenden selbst - ihrem sozialen Hintergrund und ihren
Kompositionstechniken orientieren und so einen Beitrag zur
oral-formulaischen Theorie bilden.
Da die mir zur Verfügung stehenden
Klagen entweder außerhalb ihres rituellen Kontexts aufgenommen
wurden oder nur als niedergeschriebene Texte vorlagen, ist es
durchaus möglich, daß diese nur einen blassen Eindruck von
dem vermitteln, was innerhalb eines Rituals vorgetragen wird.
Während meiner Feldforschung konnte ich beobachten, daß
die während eines Totenritual
s gesungenen
Klagen oftmals von beträchtlicher Länge sind. Einige dieser
konnte ich auf Tonband aufnehmen, doch es stellte sich später
heraus, daß die Aufnahmequalität nicht ausreichte, um die
Klagen zu transkribieren.
[27] Bei
den Klagen, die ich nicht selber aufgenommen und transkribiert habe -
dies betrifft insbesondere die Klagen der Sammlung Van der
Tuuk
s - kann es nicht ausgeschlossen werden,
daß der Akt des Niederschreibens sich bereits auf die Form der
Texte ausgewirkt hat.
[28] Hinzu kommt, daß
die Hochzeitsklage
der Van der
Tuuk
Sammlung - es handelt sich um die Klage
der Braut - von einem Mann aufgeschrieben wurde! Trotz dieser
Unzulänglichkeiten habe ich mich entschieden, ein Kapitel
über die orale Klageliedtradition aufzunehmen, um zumindest
einen Einblick in dieses Subgenre des batakschen Klagelieds zu
gestatten.
3.1 Die orale Tradition des Klagelieds
Obgleich die orale Tradition des batakschen
Klagelieds in vielen Gegenden des Bataklands noch gepflegt wird, hat
es bisher nur sporadische Ansätze gegeben, diese aufzunehmen und
zu dokumentieren. Nur die Klageliedtradition der Toba, eine
ausschließlich orale Tradition, hat etwas mehr Anerkennung
gefunden.
[29] Die frühesten
Arbeiten stammen von dem Missionar der Rheinischen
Missionsgesellschaft
Johannes
Warneck
(1902; 1899), der auch drei
Klagelieder der oralen tobabatakschen Tradition in deutscher Sprache
(jedoch ohne batakschen Ursprungstext) publizierte (Warneck
1899:118ff.). Renes-Boldhing
(1933) mutet
seinen Lesern die gleichen drei Klagelieder in einer wenig akkuraten
Übersetzung aus dem Deutschen ins Niederländische
zu
[30],
eine der drei Klagen Warneck
s ist jüngst
ein weiteres Mal ins Niederländische übersetzt worden
(Joosten 1993).
Erwähnenswert ist die Examensarbeit
(
skripsi sarjana) des Ethnomusikologen J.
Silaen
, in der vier tobabataksche
andung, die er 1989 in Lumban Tambak (Kecamatan Silaen,
Kabupaten Tapanuli Utara) aufgenommen hat, recht ausführlich
dokumentiert und inklusive Notentranskription und einer Liste von 70
Wörtern mit
andung-spezifischen Begriffen in die
indonesische Sprache übersetzt sind (Silaen
1990).
[31]
Während Silaens Arbeit sicherlich musikologisch ihre Verdienste
hat, weist sie aus ethnologischer wie philologischer Sicht erhebliche
Mängel auf. Die Texte enthalten Wörter, die lexikographisch
nicht nachweisbar sind und an keiner Stelle erklärt werden. Die
Übersetzung ist vage, oft schwer verständlich und
enthält zudem zahlreiche Fehler. Die Texte bleiben stellenweise
unklar bzw. offen für Interpretationen. Hilfreich wäre es
gewesen, wenn Silaen
Angaben über den
Hintergrund ihres Entstehens gemacht hätte
[32]. Da der Verfasser es unterlassen hat, die Texte
und die Übersetzungen dieser transparent zu machen, bleiben sie
weitgehend unverständlich. M.A. Marbun
und I.M. Hutapea
haben in ihrem
Kamus
Budaya Batak Toba nicht nur
andung-Wörter
lexikographisch erfaßt, sondern auch zwei Beispiele
tobabatakscher Klagelieder mit indonesischer Übersetzung
publiziert (Marbun und Hutapea 1987:16f,77f). Auch hier bleiben Texte
und Übersetzungen weitgehend unerklärt, was allerdings
nicht weiter störend ist, da die Texte für sich selbst
sprechen und keiner weiteren Erklärungen bedürfen. Die
Übersetzungen sind zudem einwandfrei. Allerdings ist die von
Marbun
und Hutapea
publizierte Schicksalsklage
(op.cit. 16f.) mit
keinerlei Angaben über Herkunftsort oder Datum der Aufnahme
versehen. Im Falle der Hochzeitsklage
(op.cit.
77f.) erwähnen die Autoren, daß es sich “um eine
Tradition in der Gegend
Kalasan
”
[33] (Grenzgebiet zwischen
Toba und Pakpak-Dairi
) handelt; weitere
Angaben fehlen.
Ich selber konnte einige Klagen während
meiner Feldforschung aufnehmen. Die meisten dieser sind allerdings,
mit Ausnahme der Klage eines Palmweinzapfers
(463 Wörter), und der Klage einer Frau um ihren Ehemann (448
Wörter) recht kurz. Gleiches trifft auch auf die von
Marbun
und Hutapea
publizierte Schicksalsklage
(165 Wörter)
und eines der vier von Silaen
publizierten
andung (etwa 50 Wörter) zu. Die drei weiteren Klagen
Silaens haben eine mittlere Länge von etwa 300 Wörtern und
sind damit immer noch beträchtlich kürzer als die Klagen
der Van der Tuuk
Sammlung (siehe weiter
unten). Die relative Kürze der Klagen mag darauf
zurückzuführen sein, daß sie ‘auf
Bestellung’ vorgetragen wurden und daher ihrem rituellen
Kontext entrissen sind.
In der Sammlung Van der
Tuuk
s befinden sich neun
andung Texte.
Alle diese Texte sind auf Papier geschrieben. Sechs dieser neun Texte
können der schriftlichen Klageliedtradition zugerechnet werden;
es handelt sich wahrscheinlich zumeist um Abschriften von
Originalhandschriften (Voorhoeve 1977:148f.). Es ist allerdings auch
möglich, daß Van der Tuuk
seine
Informanten die Klagen so schreiben ließ als handele es sich um
auf Bambus niedergeschriebene Klagen. Alle diese Klagen richten sich
in der Auftaktformel
an den Bambus und werden
im folgenden Kapitel behandelt. Bei drei Texten (Or. 3400:245-248;
Or. 3402:21-25 und Or. 3410:236-248) handelt es sich um
Niederschriften von
andung der oralen Tradition (loc. cit). In
Or. 3400:245-248 richtet sich der Verfasser an Van der
Tuuk
, den er “Herr aus Toba”
nennt, mit den folgenden Worten:
Dies ist die Schrift eines
andung-andung,
O Herr aus Toba,
mögest du mir nicht zürnen.
Ich habe es gemacht wie ich es
wußte,
nichts habe ich ausgelassen, O Herr.
Da der Verfasser dieser Klage Van der
Tuuk
als in Toba wohnend bezeichnet, ist
anzunehmen, daß er selber nicht aus Toba stammt. Nach Schrift
und Sprache zu urteilen, ist die Landschaft Angkola am
wahrscheinlichsten.
Or. 3402:21-25 wurde von Van der
Tuuk
s langjährigem Informanten, Guru
Tinandangan
aus der tobaschen Landschaft
Naipospos
, verfaßt (Voorhoeve 1977:110).
Auch hier richtet sich der Schreiber an Van der
Tuuk
:
Dies ist ein Klagelied der Batak
mache es bekannt im Land der
Holländer
Or. 3410:236-248 ist eine angkolasche
Hochzeitsklage
, die weiter unten vorgestellt
wird. Bemerkenswert ist, daß diese drei Klagen
beträchtlich länger sind als alle anderen dokumentierten
Klagen der oralen Tradition. Die kürzeste Klage ist mit 640
Wörtern Or. 3400:245-248, die längste ist die
Hochzeitsklage mit etwa 1800
Wörtern.
3.1.1 Totenklage und Schicksalsklage
Die orale Tradition des Klagelieds, insbesondere
in seiner Form der Totenklage, ist bis heute in den meisten Regionen
des Bataklands erhalten geblieben, wenn auch in den Gegenden, die am
stärksten und längsten christlichem bzw. islamischem
Einfluß ausgesetzt waren, diese Tradition heute weitgehend
ausgestorben ist. Dies betrifft insbesondere das islamische
Mandailing und das christliche Silindung
-Tal,
die Basis der Rheinischen
Missionsgesellschaf
t.
Die deutschen protestantischen Missionare
mißbilligten die Totenklage, die offensichtlich dem Geist ihrer
protestantischen Ethik widersprach,
"In ihnen zeigt sich der bataksche Charakter
von einer seiner wenigen edlen Seiten; denn sie offenbaren wahres,
echtes Gefühl." (Warneck 1899:117)
und die sie tief im heidnischen Brauchtum
verwurzelt wähnten:
"Vermutlich entstammen auch diese andung mehr
der Furcht als der Liebe; man will mit ihnen den begu [Geist eines
Verstorbenen; Anm. d. Verf.] beschwichtigen und ihm beweisen, wie
lieb man ihn gehabt hat." (Warneck 1899:17)
Auch Warneck
s
Schwager, der Missionsarzt Winkler
, berichtet,
daß die Totenklage "weniger als ein Ausdruck aufrichtigen
Schmerzes aufzufassen ist, als vielmehr als der Ausfluß der
Furcht vor dem Geist des Toten" (Winkler 1925:68). Entsprechend
bemühte man sich, diesen Brauch zu unterbinden:
"In den Anfangszeiten war es keine leichte
Aufgabe, den Christen die übliche Totenklage, mit der man die
Toten ehrt, abzugewöhnen. Es ist bei den Heiden Sitte, im
Augenblick des Ablebens eines Familienmitgliedes jammervolles Geheul
anzustimmen, wobei sich die Weiber die Haare raufen und die Brust
zerkratzen. Dann werden die Trommeln hervorgeholt, und Tage und
Nächte lang lassen sie ihre traurigen Weisen ertönen. Es
kostete viel Mühe, den Christen diese Ehrung ihrer Toten
abzugewöhnen, um so mehr, als bei Todesfällen auch die
heidnischen Verwandten kamen, welche die ehrwürdige Sitte
gewahrt wissen wollten. Die Missionare halfen sich oft damit,
daß sie einen Lehrer oder Ältesten mit Schulkindern in das
Trauerhaus schickten und halbe Nächte lang dort singen
ließen. Später wurden Posaunenchöre eingeführt,
die am Trauerhause und am Grab den heidnischen Lärm in die
Furcht schlugen. Allmählich ist die Sitte der Totenklage bei den
Christen verschwunden." (Warneck 1925:234)
Auch die aus der RMG
hervorgegangene protestantische Batakkirche
Huria Kristen Batak
Protestan (HKBP
) verbot ihren
Gemeindemitgliedern, ihre Toten zu beklagen. Wenngleich das
offizielle Verbot 1966 aufgehoben wurde, so wird dennoch häufig
vermieden, in der Öffentlichkeit ein
andung anzustimmen,
und man wartet, bis nur noch die engsten Familienmitglieder
versammelt sind.
[34]
Bei den Karo und Simalungun heißt die
Totenklage
tangis-tangis, in Toba, Angkola und Mandailing
andung bzw.
andung-andung. Totenklagen werden
während des Eintritts des Todes, während der Aufbahrung des
Toten im Haus und während des
Totenritual
s vorgetragen. Außer bei
Totenfesten werden Totenklagen bei der
Sekundärbestattung
, die heute in Toba,
Simalungun und Karo noch sehr populär ist, sowie beim Besuch des
Grabes (dies geschieht in Toba heute vornehmlich am Karfreitag)
vorgetragen. Der Vortrag einer Totenklage ist somit zumeist in einen
rituellen Kontext eingebettet.
Warneck
s Schwager, der
Missionsarzt Winkler
, beschreibt die
tobabataksche Totenklage wie folgt:
"Ja, schon ehe der Sterbende den letzten
Seufzer getan, sobald man merkt, es geht zu Ende, erhebt sich das
Geheul der Totenklage, das in einen betäubenden Lärm
übergeht, sobald der Tod eingetreten ist. Man gebärdet sich
ganz unsinnig, vor allem die Frauen; man rauft sich das Haar,
schlägt sich mit der flachen Hand ins Antlitz, mit der Faust
gegen die Brust, wirft sich über die Leiche, streicht
zwischendurch mit den flachen Händen über Gesicht und
Körper des Toten und fährt dann mit den Händen am
eigenen Körper entlang, um so einen Teil des entfliehenden
tondi [Lebensseele, Anm. d. Verf.] auf sich selbst zu
übertragen. Dabei beklagt man mit heulender Stimme sein Los,
wünscht sich selbst den Tod, verwünscht sich und
überhäuft den eigenen tondi mit Vorwürfen,
daß er nicht genügend für den Dahingeschiedenen
gesorgt habe. Nachdem der erste wilde Schmerz sich ausgetobt hat,
beginnt der gefaßtere Klagegesang, in dem die Kundigen,
namentlich Frauen, seltener auch Männer, die Vorzüge des
Dahingeschiedenen, seine Güte und Freigebigkeit, seine
Schönheit und Tapferkeit, seine Macht und seinen Reichtum
rühmen. Dabei bedient man sich einer poetisch gehobenen Sprache
mit eigener Terminologie. Bei gewöhnlichen Leuten dauert die
Totenklage (andung) höchstens einen Tag, bei angesehenen
Häuptlingen meist aber eine Woche lang." (Winkler 1925:130)
Die Beschreibung
Winkler
s stimmt weitgehend mit dem
überein, was man auch heute noch beobachten kann, wenngleich es
heute keine Totenfeste mehr gibt, die länger als zwei,
höchstens jedoch vier Tage dauern. Seine Beurteilung möchte
ich allerdings nicht teilen. Während meiner Feldforschung wurde
ich verschiedene Male darauf aufmerksam gemacht, daß das Klagen
der Schmerzbewältigung
diene und so
befreiend auf die Psyche wirke. Andererseits erzählte man mir
auch, daß ungezügeltes Klagen in Hysterie ausarten
könne. Die spontane, emotionelle Klage nennt
Warneck
“Totenklage”, während
er die mehr gesetzte und elaborierte poetische Klage
“Klagegesang” nennt. Erstere nennen die Toba
angguk
badar oder
angguk bobar während sich der Terminus
andung auf beide Arten von Klagen beziehen kann.
[35] Ich konnte einige
angguk badar beobachten ohne allerdings Tonaufnahmen zu
machen, da es mir unpassend erschien, mein Mikrofon für eine
Aufnahme herauszuholen. Im Falle der Totenklagen, die mehr den
Charakter einer "formellen" Klage trugen, fand man es allerdings sehr
verständlich, daß ich diese aufnehmen
wollte.
[36]
Man benutzt ja selber Kassettenrecorder und macht häufig auch
Gebrauch von professionellen Videostudios für Ritualaufnahmen.
In der Regel war ich also willkommen, wenn ich
Totenritua
le auf Audio-, besonders aber auf
Videokassette aufnahm, von der ich dann der betreffenden Familie eine
Kopie überließ.
Die Funktion des Totenrituals, und
insbesondere der Totenklage als Mittel zur Schmerzbewältigung
wird auch von Meyer hervorgehoben:
"Die Totenklage dient als Ausdruck des
eigenen Schmerzes über den Verlust des Toten. Zugleich
offenbaren sich in ihr Furcht wie Verehrung dem Toten gegenüber.
Beides muß erst durchlebt werden, damit der Batak sich
innerlich von dem Toten distanzieren, seine eigene Trauer
bewältigen und sich so dem Leben neu zuwenden kann." (Meyer
1987:94)
Der Autorin zufolge kann der Prozess der
Schmerzbewältigung in vier Phasen unterteilt werden:
"Die (...) erste Phase des Schocks und
Emotionsstaus entlädt sich bei den Batak in lautem Klagen und
Weinen. Die zweite Phase der Kontrolle stellt sich durch die Riten
zur Wegbereitung des Toten bis zum Begräbnis dar. Die Phase der
Regression ist durch die Tabus, die Trauernden auferlegt sind
(Speiseverbote, sexuelle Enthaltsamkeit etc.), geprägt, und die
vierte Phase der Adaption schließlich erfolgt mit der
Beendigung der Trauerriten und der Wiederhinwendung zum normalen
Leben. Der Batak durchlebt also alle Phasen des Trauerprozesses;
durch die Riten erfährt er eine allmähliche Befreiung von
der Trauer."
[37] (Meyer 1987:95)
Eine therapeutische Wirkung scheint
allerdings nicht immer gegeben zu sein. Man berichtete mir, daß
es Fälle gegeben habe, wo Frauen aufgrund allzu heftigen Klagens
irre wurden. Von konkreten Fällen wußte aber kein
Informant zu berichten. Es ist daher anzunehmen, daß es sich
hierbei nur um Scheinfälle handelt. Die Assoziation von
klagenden Frauen und Wahnsinn
ist auch in
anderen Kulturen nachgewiesen:
“The mourning person is in a state of
transition, a liminal state which involves a withdrawal from society.
During this period the individual may be encouraged to act or choose
to act in a way that is the opposite of his or her normal, culturally
defined status.” (Holst-Warhaft 1992:28)
Die Selbstverletzungen, die sich die Frauen
zufügen und ihre Dialoge mit dem Toten mögen Assoziationen
zu Besessenheit und Wahnsinn wecken.
Holst-Warhaft
bemerkt aber auch, daß
trotz der häufigen Assoziation von Klage und Wahnsinn der
poetische Ausdruck der Trauer von den Klagenden selbst nicht nur als
emotionaler Ausbruch gesehen wird, sondern auch als ein Mittel, um
die Emotionen zu kanalisieren. In allen Fällen, wo ich Zeuge
einer Totenklage war, sei es in Toba, Simalungun oder Karo, war
deutlich eine Tendenz erkennbar, daß sich die Klagenden im
Laufe ihres Vortrages immer stärker in ihre Klage
hineinsteigerten, so daß sie gelegentlich die Kontrolle
über sich selbst verloren. Daher halten sich in der Nähe
der Klagenden stets nahe Verwandte auf, die, sobald sie bemerken,
daß die Klage ins Hysterische abgleitet, die Klagende
unterbrechen und besänftigend auf sie einwirken, indem sie sie
trösten und liebkosend in den Arm nehmen. Auch zu beobachten
war, daß man sich abrupt von der Klagenden abwandte um einen
anderen Teil des Rituals einzuleiten, wodurch die Klagende,
spürend, daß man sie nicht mehr beachtete, dann auch von
ihrer Klage abließ. Zu konstatieren ist auf jeden Fall,
daß man sich bewußt ist, daß das Klagen sowohl
einen positiven psychologischen Effekt besitzt als auch negative
Auswirkungen haben kann, denen man allerdings bewußt
gegensteuert.
[38]
In den oben genannten Zitaten von Winkler,
Warneck und Meyer wird ein Bezug zwischen der Totenklage und der
Furcht vor dem Toten hergestellt.
"Die Klage in den andung-andung hat eine
ähnliche Funktion wie das Lob. Der Angehörige beweint seine
eigene Situation als derjenige, der alleine zurückgelassen ist.
Damit soll das Mitleid der begu geweckt werden. Man offenbart durch
den Schmerz die Unschuld am Tod des Angehörigen, denn der Tote
konnte, da er von der Gemeinschaft der lebenden ausgeschlossen ist,
Rache an den Lebenden geben." (Meyer 1987:94)
Dieser Aspekt der Totenklage wurde von den
meisten meiner Informanten bestritten. Dies mag allerdings daran
liegen, daß durch den Einfluß des Christentums nicht sein
kann was nicht sein darf. Die Ahnenverehrung war fest in der
altbatakschen Religion verwurzelt. Nach batakscher altreligiöser
Vorstellung wird die Lebensseele (tondi) beim Eintreten des
Todes zum Totengeist (begu). Solch ein Totengeist wird erst
nach Jahren und nach Abhaltung von zahlreichen Zeremonien zu einem
potentiell segenspendenden Ahnen (sumangot). Bevor er diese
Position erreicht hat, befindet sich der Totengeist in einem
Übergangsstadium, in welchem er eine Bedrohung für die
Lebenden darstellt. Daher wird darauf bedacht, durch verschiedene
Rituale den Totengeistern die Rückkehr in die irdische Existenz
unmöglich zu machen und die Trennung zwischen Lebenden und Toten
zu vollziehen.
Der Anthropologe L.
Danforth
weist in seiner Studie über
griechische Totenklagen, die er im kontextuellen Rahmen des
Totenritual
s als Übergangsritus
untersucht, auf die zahlreichen Parallelen zwischen Todes- und
Hochzeitsritualen hin. Gleiches konnte auch
Dugántsy
(1991:26ff.) in ihrer Studie
über erzä-mordwinische Klagelieder beobachten. Sowohl der
Tod als auch die Hochzeit ist von elaborierten Ritualen begleitet,
die oftmals erstaunliche Parallelen aufweisen.
Hertz
und Van Gennep
(Gennep 1960:75; Hertz 1960:152) haben darauf hingewiesen, daß
sich in vielen Kulturen Gemeinsamkeiten zwischen diesen beiden
Übergangsritualen finden. Mir ist keine Studie bekannt, in der
explizit auf Parallelen zwischen batakschen Toten- und
Hochzeitsritualen eingegangen wird. Angerler
weist aber darauf hin, daß beim tobabatakschen Totenritual der
aus einer Blattrippe der Zuckerpalme (
bagot) und einem langen
hölzernen Reisstößel (
andalu) bestehende
Schlachtpfahl (
borotan) die Vereinigung von Mann und Frau
symbolisiert
(Angerler 1997). Der
Reisstößel ist in die Erde eingelassen, die Blattrippe an
diesen gebunden. Am oberen Ende wird ein Büschel
sanggar
hineingesteckt, eine Grasart, die dem Reis verwandt ist und
Fruchtbarkeit symbolisiert. Reis wird in der
losung gestampft,
das aus einem langen vierkantigen Holz besteht, in das im Abstand von
etwa 50 cm Löcher zur Aufnahme der Reiskörner eingelassen
sind. Der
andalu stellt somit ein explizites Phallussymbol dar
während die saftspendende Zuckerpalme (
bagot werden auch
die weiblichen Brüste genannt) Symbol des Weiblichen ist.
Diese Fruchtbarkeitssymbolik
im Totenritual der Toba verweist auf eine
Assoziation von Tod und Hochzeit, die auch in der
Sekundärbestattung
beobachtet werden
kann. Nach einigen Jahren werden die Gebeine des Toten ausgegraben,
feierlich mit Kopftüchern versehen und unter Begleitung von
Klageliedern in einem oberirdischen Sarkophag, euphemistisch das
“neue Haus” des Toten genannt, beigesetzt. Bei dieser
Sekundärbestattung, die auch in Teilen
Griechenlands
gepflegt wird, drängen sich
Parallelen zum griechischen Totenritual auf:
“The many parallels between marriage
and death rites in Greece and other cultures, including the often
identical laments sung at both occasions, confirm this structuralist
analysis by seeming to mediate the opposition between life and death.
The fearful mystery of death is reduced by likening it to a marriage.
(...) The funeral then becomes a wedding and the grave is likened to
a new home. (...) By the use of such a metaphor, the finality of
death is denied; it becomes a transition rather than a permanent
state.” (Holst-Warhaft 1992:18f.)
Das Totenritual
kann
so als ein Übergangsritual aufgefaßt werden, dessen
Funktion es ist, das Gleichgewicht einer Gesellschaft, das durch den
Tod eines ihres Mitglieder aus dem Gleichgewicht gekommen ist,
wiederherzustellen, so daß schließlich das Leben
über den Tod triumphiert. Danforth
sieht
die griechischen Klagelieder als Bestandteil dieses
Übergangsrituals
, in der sie eine
vermittelnde Funktion einnehmen.
[39]
Vermittels Naturanalogien wird in den Klagen der Gegensatz zwischen
Leben und Tod aufgehoben indem das menschliche Leben metaphorisch mit
Wasser, Vögeln und Pflanzen verglichen und so die
Endgültigkeit des Todes verneint wird - der Mensch stirbt, aber
die Gesellschaft ist unsterblich.
Meyer, die das bataksche Klagelied ebenfalls
als Bestandteil des Totenrituals als Übergangsritus untersucht,
sieht die Funktion der batakschen Totenklage eher im Bereich des
Vollzugs der Trennung zwischen Lebenden und Toten. Die Klage dient
dazu, dem Toten Platz und Stellung im Totenreich zuzuweisen. Das Lob
des Verstorbenen im Klagelied, seines Ansehens, seiner Klugheit und
zahlreichen Nachkommen, das Rühmen seiner Taten und
Eigenschaften dient zum einen dazu, den begu des Toten
günstig zu stimmen, zum anderen um ihm zu Ansehen und Ehre im
Totenreich zu verhelfen, so daß er sich dort wohlfühlt und
nicht zu den Lebenden zurückkehren will. Man verschafft dem
Toten, in dem man ihm und den anderen begu seine Stellung zu
Lebzeiten aufzeigt, seinen ihm angemessenen Platz im Totenreich. Die
anderen begu müssen ihn in ihre Gemeinschaft aufnehmen.
Damit ist die Harmonie zunächst wieder hergestellt. Die
begu sind befriedigt, die Trennung zwischen der Gemeinschaft
der Lebenden und der Toten ist vollzogen. Die Klage über das
eigene Los des Hinterlassenen hat laut Meyer eine ähnliche
Funktion wie das Lob. Durch das Beweinen seiner Situation will der
Angehörige das Mitleid der begu wecken und zugleich durch
den Ausdruck des eigenen Schmerzes seine Mitschuld am Tod des
Verstorbenen ausschließen (Meyer 1987:93f).
Nach Meyer setzen sich die
andung
stets aus zwei Teilen zusammen, dem Lob des Verstorbenen und der
Klage über die eigene bejammernswerte Situation. Solch eine
Zweiteilung findet sich tatsächlich in den meisten Totenklagen,
wobei dem Lob allerdings ein geringerer Stellenwert zukommt; in
manchen Klagen fehlt es sogar gänzlich. Bemerkenswert ist,
daß der Tod in den Klagen beinahe überhaupt nicht
thematisiert wird, und auch der Tote, an den sich die Klage doch
richtet, nur beiläufig erwähnt wird. Gelegentlich wird der
Tote mit einigen ehrenden Worten bedacht:
[40]
Huandung ma damang amang raja nami, raja
aduikku di haroburanmi.
Ai ho do i, amang raja nami, babiat di pintu,
gompul di alaman i.
(...)
na tanda di adian ho amang raja nami songon
hoda sibolang i.
Ich beklage dich, mein Fürst, beklage
deinen Tod,
du warst doch, mein Fürst, der Tiger an
der Pforte, der Bär auf dem Dorfplatz
(...)
an den Rastplätzen warst du, mein
Fürst, bekannt wie ein geschecktes Pferd
Der Schmerz der Hinterlassenen verwandelt
sich jedoch in der nächsten Zeile bereits in Zorn (die
andung-Wörter sind hier wie im folgenden kursiv gesetzt
und in
Tabelle 5 aufgenommen):
Barani pulut ho among raja nami manundalhon
hami songon parhoda i
asa malilung hami humatahon na dangol
i na di pudianmi.
Wie konntest du es wagen, Vater, uns den
Rücken zuzukehren, die wir nun wie der Pferdehalter sind
so daß wir, verlassen von dir, diesen
Schmerz ausdrücken müssen
Klage über einen verstorbenen Raja,
Ompu Tambok Pangaribuan
(ii)[41]
Die batakschen Totenklagen sind also
vorwiegend Klagen über das eigene Los und den Schmerz, den die
Trennung hinterläßt.
[42] Nicht der Tote, sondern
die (oder der) Klagende steht im Mittelpunkt der Klage, die sich
primär mit dem eigenen Leben beschäftigt, das durch den Tod
eines Angehörigen eine andere Richtung einnimmt. Nichts ist mehr
so wie es vorher war und mit Angst sieht man in die unbestimmte
Zukunft. Dies ist insbesonders ersichtlich bei Klagen über den
Verlust des Ehemannes, wo noch die ökonomische Unsicherheit, die
der Verstorbene hinterläßt, hinzukommt:
Among, hurangan paiogon do ahu da
among hurangan sihumisik i
panadinghonmi da among, among raja nami.
Vater, an Reis fehlt es mir, Vater, und auch
an Geld
nachdem du mich verlassen hast, mein
Fürst.
Tiominar boru Sinurat (i)
Der Schmerz der Verlassenheit ist
schließlich so groß, daß der oder die Hinterlassene
den Tod dem Leben vorzieht:
Aut barani pulut ahu maniop ujung ni
sirumantos i
dalan haroburan tu toru
situmalin i
ai bulusan marobur na ma ahu unang ahu
di dadang ari diullus alogo i .
Wenn ich doch nur Mut hätte, das Messer
gegen mich zu halten
damit ich sterbe, unter diese Erde komme
lieber will ich sterben als von der Sonne
verbrannt, vom Wind verweht zu werden
Klage eines
Glücksspielers, Ompu Tambok
Pangaribuan (vi)
Die Bezogenheit auf das eigene Leid in der
batakschen Totenklagen kam für mich als eine Überraschung,
da in allen Interviews, die ich machte, bevor ich begann, Totenklagen
aufzunehmen, mir die Informanten versicherten, daß Totenklagen
zu Ehre und zur Erinnerung an den Toten vorgetragen werden.
Retrospektiv betrachtet muß ich allerdings sagen, daß
dies durchaus erreicht wurde, nur anders als ich es mir vorstellte.
Indem man sein eigenes Leid nach dem Tod des Angehörigen in den
Mittelpunkt stellt, zeigt man ihm, wie wichtig dieser gewesen ist. So
wichtig, daß man den Tod dem Leben vorzieht, um schnell wieder
mit ihm vereinigt zu werden. Diese Todessehnsucht steht auch in der
folgenden Klage eines Mädchens, deren Eltern verstarben, im
Mittelpunkt:
Tu dia ma au laho, ale amang
Parir ni bagiankon, inang di paninggalmi
Sori ni aringkon, amang di pinartadingmi
Tu dia ma au mangalu-alu, tu ise ma au paboa
lungun?
Ponjot au so dibaen balgana
sungkot au so dibaen timbona
Jou ma au, ale amang tu lambungmu
Alap ma au inang tu jolomi
Sidangolon na so ra sidung na on
Siaginon di siulubalang ari
Ai aut adong sinuan tunasmu, amang
Aut na adong pinaribothu, inang
Ndang songon on siakbagi ni boru adi
Oi, inang, tailihon hami da, amang
Sinuanboyumu na dua simanjujung
on
Tung ditapolhon do inang,
simanjojakhi
Togu dirahut, inang, tangan
simangidongki
Unang hian ma au tubu nian sian
siubeonmi
Unang hutaon sorimago sibaran lapa-lapa i
Tagonan ma au marobur, inang
Manuruk toru ni situmandok
Unang huae siluluton songon on
Alap ma au inang, togu au amang oi
Tu padang silungunan i.
Wohin soll ich gehen, O Vater
Elend ist mein Los, Mutter, nachdem du mich
verlassen hast
Unglücklich bin ich, Vater, nachdem du
gegangen bist
An wen soll ich mich mit meinen Klagen
wenden,
wem kann ich mein Schmerz berichten?
beengt fühle ich mich obschon ich nicht
füllig bin,
stoße an, obschon ich nicht groß
bin.
Ruf’ mich, O Vater, an deine Seite,
Hol’ mich, O Mutter, zu dir
Dieses Elend nimmt kein Ende,
dieses Leid dieser Welt.
Wenn du doch einen Sohn hättest,
Vater.
Hätten wir doch einen Bruder,
Mutter,
dann wäre unser Los nicht ein
solches.
Oh Mutter, höre uns, Vater,
eure zwei Töchter.
Gefesselt sind meine Füße,
gebunden sind meine Hände, Mutter.
Wäre ich doch niemals aus deinem Leib
geboren worden,
dann hätte ich dies Elend, mein
Geschick, nicht zu tragen, die ich wie Spreu bin.
Lieber würde ich sterben, Mutter,
unter die Erde kriechen,
dann hätte ich dieses Elend nicht zu
erleiden.
Hole mich, Mutter, leite mich Vater, Oh,
ins Land der Einsamkeit.
Klage eines Waisenmädchens,
Marbun & Hutapea
1987:17
Auch in der folgenden Klage um den
verstorbenen Ehemann (andung ni na mabalu) erscheint das
Weiterleben ohne den Partner sinnlos, und das eigene Leid wird in
ergreifender Weise beklagt:
Dago i amang hansitna i dangolna i
na hatipulan simanjujung ahu na haponggolan
simanjojak i.
Dago inong e hansitna i dangolna i diullusi
alogo ahu didadang ari i
na manaon na hansit na manaon na dangol i
.
Disintak ma ahu na songon pamiulan i
ditombomhon ahu songon baliga hodong i,
ba dipatunjang didege i songon sitadoan
i.
(...)
Hansitna i among na tading di pudi i
na manaon na dangol tumaon na hansit i
diullus alogo ahu didadang ari i
dang haputihan ahu da among na songon na
seang i
dang hajomputan ahu na songon na sabur i
(...)
Dago i nunga loja ahu inong so marsiboanon
i
nunga borat ahu inong e so marsiusungon i
O Vater, dieses Leid, dieser Schmerz
mein Kopf zerbricht, meine Beine brechen
O Mutter, dieses Leid, dieser Schmerz, vom
Wind werde ich verweht, von der Sonne verbrannt
dieses Leid muß ich ertragen, diesen
Schmerz muß ich ertragen
In die Höhe gezogen werde ich wie ein
Band
niedergeworfen werde ich wie die Schlaglade
am Webstuhl
gestoßen und getreten wie das
Fußholz
(...)
Dieses Leid, O Vater, der
Zurückgebliebenen,
die dieses Leid ertragen, diesen Schmerz
ertragen
vom Wind werde ich verweht, von der Sonne
verbrannt
Ich kann es nicht aufheben, das was wie
verschüttet ist
nicht sammeln, das was wie verstreut ist.
(...)
O, erschöpft bin ich ohne etwas gebracht
zu haben
schwer fühle ich mich, ohne etwas
getragen zu haben
Ompu Maruddin (i)
Nach Winkler
sind es
"Kundige", die die Totenklagen vortragen (Winkler 1925:130). Die
Klagenden sind in erster Linie nahe Verwandte des Verstorbenen. Von
diesen wird erwartet, daß sie dem Verstorbenen durch ihre Klage
huldigen, selbst wenn diese in der Kunst des Vortrags einer Klage
noch wenig erfahren sind. Es wird allerdings auch darauf geachtet,
daß zumindest eine Person eine Klage vorträgt, die dieses
Genre auch wirklich beherrscht. In der Regel wird sich solch eine
Person im nahen Verwandtenkreis des Verstorbenen finden lassen, denn
die Kunst zu klagen ist selbst heute noch relativ weit verbreitet.
Von einem Spezialistentum kann man kaum sprechen, wenngleich eine
gewisse Tendenz dazu heute ersichtlich ist. Mir ist aber kein Fall
bekannt, wo gegen Bezahlung geklagt wurde.
[43] Männer klagen in der Regel nur dann, wenn
der oder die Verstorbene ein sehr naher Verwandter ist. Im Gegensatz
zu Männern wird von Frauen
erwartet,
daß sie den Vortrag der Klage beherrschen, und sie setzen sich
dem Spott aus, wenn erkennbar ist, daß sie das
andung-Vokabular nur unzureichend beherrschen. Man berichtete
mir sogar von Fällen, wo es zum Bruch zwischen Familien gekommen
war, als Ehefrauen ihre Ehemänner angeblich unzulänglich
beklagten.
Während die Totenklage der Toba nur
spärlich dokumentiert ist, existieren meiner Kenntnis nach keine
Aufzeichnungen der Totenklage der Simalungun. Ich hatte aber 1991 die
Gelegenheit einem Vortrag einer simalungunschen
Totenklage
beizuwohnen und konnte feststellen,
daß er sich von dem einer tobaschen Klage kaum unterscheidet.
Während eines Totenfestes im Dorf Bulu Pange, an der
Hauptstraße von Pematangsiantar
nach
Seribudolok
gelegen, konnte ich einige
Totenklagen auf Tonband und Video aufnehmen. Leider erlaubte die
durch den allgemeinen Lärm erheblich beeinträchtigte
Aufnahmequalität keine Transkription dieser Klagen. Während
draußen zum Klang des
gondang
Orchesters getanzt wurde, hatten sich die engsten Verwandten um die
im Wohnzimmer aufgebahrte Tote versammelt. In den Pausen des
Orchesters tanzte man um die Tote und sang christliche Lieder.
Gelegentlich setzte sich eine enge Verwandte, Tochter oder
Enkeltochter der Verstorbenen neben die Tote, strich ihr mit den
Händen über den Körper und begann eine Klage
anzustimmen. Die Klagen waren zumeist gesetzt, gelegentlich aber
wurde die Klagende von ihrer Trauer überwältigt und brach
in verzweifeltes Weinen aus. Sie wurde dann von ihren
Angehörigen in den Arm genommen und fuhr erst mit ihrer Klage
fort, nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte. Die Klagen
variierten in ihrer Dauer zwischen etwa zwei und acht Minuten. Nur
ein Mann, ein Sohn der Verstorbenen, stimmte eine Klage an. Ich hatte
den Eindruck, daß er von der Anwesenheit der Videokamera in
seinem Vortrag beeinflußt war, den er nach einem sehr
schönen Anfang recht abrupt und mit solch einem
gekünstelten Schluchzen abbrach, daß die Anwesenden in
lautes Gelächter ausbrachen. Da es sich bei dem Totenfest um ein
sawir matua (tb.
saur matua; kb.
cawir matua)
‘abgeschlossenes Alter’ handelte, war dieser Ausbruch von
Heiterkeit allerdings vollkommen akzeptiert. Gleiches berichtet auch
Silaen
von seinem tobabatakschen
Forschungsort:
“Para Pangandung yang mengandungi mayat
orang yang telah Saurmatua sangat jarang yang bersedih secara
emosional; hal ini terlihat dari air mata mereka yang tidak keluar
ketika Mangandung. Malahan sering Pangandung itu menyelipkan lelucon
dalam teks Andungnya, dan pen[de]ngar menjadi tertawa
mendengarkannnya. Hal ini dianggap wajar, karena perbuatan itu
diterima sebagai ajakan kepada keluarga yang kematian, agar melupakan
kesedihan mereka.”
[44] (Silaen
1990:35)
Totenklagen waren zumindest früher so
häufig, daß man sich die Kenntnis des Vortrags durch das
Zuhören und spätere Nachahmen aneignen konnte. Es gab aber
auch eine Art von informellem Unterricht
in
der Kunst des Klagens. Während des Webens und bei der Arbeit auf
dem Feld, insbesondere bei der Aussaat der Reispflanzen, pflegten
junge Frauen in Toba, Klagelieder anzustimmen. Dies war eine der
Gelegenheiten, sich mit dem Genre
andung unter Anleitung
sachkundiger Frauen vertraut zu machen. Männer erlernten die
Kunst des Klagens beim Viehhüten. Insbesondere junge Männer
verbrachten manchmal Tage damit, ihre eigenen oder anderer Leute
Viehherden zu fruchtbarem Weideland, meist in beträchtlicher
Entfernung von den Dörfern, zu führen.
[45]
Eine besondere Form der Klage ist die Klage
der Palmweinzapfer. Früher war es üblich, daß
Männer in den Palmweinpflanzungen Klagelieder sangen. Zweimal am
Tag geht man zu den meist in der Nähe des Dorfes gelegenen
Pflanzungen, um den mit dem Saft der Zuckerpalme (tb. bagot,
Arenga saccharifera) gefüllten Bambusbehälter zu holen und
diesen gegen einen leeren auszutauschen. Das obere Ende der Kolben
der Frucht, aus denen der Saft gezapft wird, wird mit einem Haumesser
abgeschlagen, damit dieser nicht verklebt. Dann werden die Äste
kräftig geschwungen und mit einem hölzernen Hammer
geschlagen, damit der Saft gut fließen kann. Von Zeit zu Zeit
wird der Platz um die Zuckerpalme von Unkraut und Gesträuch
befreit. Nachdem das Buschwerk entfernt ist, setzt man sich nieder
und beginnt, eine Klage zu singen.
Diese Klagelieder stehen in Zusammenhang mit
der Legende des Ursprungs der Zuckerpalme: Die Legende berichtet von
einer armen Familie mit sieben jugendlichen Söhnen und einer
außergewöhnlich schönen Tochter. Der Vater war schon
lange verstorben und die Mutter krank. Die Söhne begaben sich
alle in verschiedene Dörfer und boten den
Raja ihre
Schwester als Frau an. Ein jeder willigte ein und war auch bereit,
einen Teil des Brautpreis
es im voraus zu
entrichten. So konnten sie ihrer Mutter eine ehrenhafte Totenfeier
geben. Nach der vierzig Tage dauernden Feier wurde die Schwester
gewahr, was geschehen war. Sie begab sich zum Grab des Vaters und
klagte ihr Leid. Ihr Vater ließ sie ihre Geschwister holen.
Nach einem plötzlich einsetzenden Unwetter verwandelte sich die
Schwester in einen bislang unbekannten Baum, die
bagot-Palme.
Durch den Ertrag der Zuckerpalme, aus deren Saft sich ein
alkoholisches Getränk
(tuak) und Palmzucker gewinnen
läßt und deren Fiber zum Decken der Häuser verwendet
wird, konnten die Brüder ihre Schulden zurückzahlen.
Seitdem gilt die Zuckerpalme als Freund der Mittellosen, und man
glaubt, daß nur arme Leute erfolgreiche Palmweinzapfer werden
können. Diese Legende ist, wie ich während meiner
Feldforschung erfahren konnte, in verschiedenen Versionen im ganzen
Batakland bekannt.
[46] Überall erinnert
man sich noch an die alte Tradition der Klagen der Palmweinzapfer
(andung paragat). Man erzählte mir, daß es
früher Klagen gab, die sich an den Geist der
bagot-Palme
richteten, das Mädchen, das sich für ihre Brüder
opferte und in eine Zuckerpalme verwandelte. Die Palme ist durch den
Geist des Mädchens beseelt. Ihre Haare sind die Fibern, die
Äste verkörpern die Arme und der durch das Zapfen gewonnene
Saft sind ihre Tränen. Durch den Vortrag eines Klagelieds
versetzt man die Seele des Baumes in Rührung, so daß
dadurch der Saft reicher fließt. Später jedoch, so wurde
mir erzählt, wurden auch Klagen über den Tod eines
Verwandten und das eigene unglückliche Los gesungen.
Die folgende Klage eines Palmweinzapfers
über den Tod seiner Mutter soll als Beispiel einer
tobabatakschen Totenklage dienen, die hier bereits stark den
Charakter einer Schicksalsklage angenommen hat.
Andung Paragat: Klage eines
Palmweinzapfers
Sänger: Ompu Hotma Sinurat. Ort: Silahi
Sabungan, Kecamatan Lumban Julu, Kabupaten Tapanuli Utara.
Aufgenommen am 29.08.1990.
Der etwa fünfzigjährige Ompu Hotma
ist Ortsvorsteher (
kepala kampung) der aus mehreren kleinen
Dörfern bestehenden Gemeinde Silahi Sabungan , aber, wie seine
Frau und die anderen Dorfbewohner auch, ist er Bauer im Hauptberuf,
da das spärliche Beamtengehalt nicht für den
Lebensunterhalt seiner Familie ausreicht. Neben einigen
Naßreisfeldern gehören ihm auch eine Anzahl Zuckerpalmen
in der etwa einem Kilometer vom Dorf gelegenen Zuckerpalmpflanzung.
Zweimal am Tag, frühmorgens und spätnachmittags, geht Ompu
Hotma dorthin, um den in einem Bambusbehälter aufgefangenen
Palmwein zu sammeln. Nach eigenen Aussagen liegt es viele Jahre
zurück, als er das letzte Mal dort geklagt hat. Dies war als er
nach dem Tod seiner Mutter von einem längeren Aufenthalt in
Medan
, der Hauptstadt Nordsumatras, in sein
Dorf zurückkehrte. Der Schmerz über den Verlust seiner
Mutter trieb ihn damals dazu, in der Zuckerpalmpflanzung eine Klage
anzustimmen. Den folgenden Vortrag hat Ompu Hotma für mich
inszeniert. Ich begleitete ihn am frühen Morgen in die
Zuckerpalmpflanzung. An diesem Tag wollte er nur eine kleine Menge
Palmsaft einholen, um mir am Abend
tuak ‘Palmwein’
anbieten zu können. Nachdem er, wie oben beschrieben, den Saft
in einen Teekessel umgefüllt, die Kolbenenden gesäubert,
die Äste geschwungen und den Platz um die Palme von Unkraut
befreit hatte, setzte er sich dort nieder, um seinen Vortrag zu
beginnen, den ich auf Video und Tonband aufnahm. Der etwa sieben
Minuten dauernde Vortrag wurde zunehmend emotionaler, und gegen Ende
flossen die Tränen und der Vortrag wurde, durch Schluchzen
unterbrochen, immer schwerer verständlich. Unmittelbar nach
Beendigung der Klage und nachdem er sich die Tränen abgewischt
hatte, nickte er mir zu und bemerkte trocken: "Ich bin fertig". Die
Kunst spontan in Tränen ausbrechen zu können (welches ich
während meiner Feldforschung häufig beobachten konnte),
erwähnt auch schon Wilhelm Volz: "Eigenartig mutet es an, wenn
so ein Weib, das sich eben vor Heulen kaum zu lassen wußte, ihr
Haar ordnet und wohlgemut irgendeine Arbeit beginnt. Es ist eben
alles Sitte."
Andung Paragat: Klagelied eines
Palmweinzapfers über den Tod seiner Mutter
- Huandung ma dainang dainoong dainang i na lambok
malilung i
- na so tupa jumungkar tu ahu lapa-lapa i, eii
- Sungkup ni hinahansit dainong gok ni hinaparir i
- sitaonon ni baoa di sinuantunasmu lapung mumbang i,
aieei, ha eieieieiei, ha eieieieiei
- Nangkok sumuna-suna ahu inong tuat sumuntul-suntul i
- mareakhon tonga ni lobangon na so marboli-boli i
- mangalului sihumisik na tau paiogon i, aii,
ooie, oooooie, ooooooie.
- Huparsimalolonghon ma inong na matorop bulung i
- marsiriaon siriburon di antaran na bidang i, ai
- boha ma baoa di dainong songon simarhuruk na marpuhung
i
- da songon siteuhon na manggompang di tonga ni
adaran i ai.
- Hansit na i inoong ahu lapa-lapa i
- parir na iale inong sinuantunasmi, ha eieieii, ha
eieieieii, ha eieieieii.
- Marobur ho inong so huparsimalolonghon i, ai
- marlangit ni siadaoan ahu e tu langit na so habilangan
i, ha eiei ha eieieieieieii, ha eieieieieii.
- Boha ma i pangintubum di ahu inong na mangintubu oooi
- boha ma i parsinuanmu ba among among na
marsinuan ooi
- umbahen ahu ba inong talaga panduduran lubang-lubang
panarean i
- Hansit na i inoong ahu lapa-lapa i
- sungkup ni hinaparir gok ni hinadangol i
- sitaonon ni baoa di ahu lapung mumbang i ha eiei ha eieieiei,
ha eieieieieiei
- Ba huandung ma dainang ba inoong dainang i na lambok
malilung i
- na lupa songon baoa di ahu lapa-lapa i ai
- na so mangoloi siajaron ni na ahu lapung i ai, inoooong oi,
- Hansit na iale inong ahu lapa-lapa i, ha eieiei ha eieieieiei,
ha eiooooi
- Hubereng ma iale inoong na matorop bulung i
- marsiriahon siriburon di antaran na bidang i
- boha ma ahu ba inong tampuk ni simanjujung tarlompit
simanginon i
- ala ni sihumisik na soada i na ahu lapung i, ha ooi, ha
ooooooi, haoooooi
- Ba asal mauja matoga ma inong da sisumbaonmi
- sinuantunas na di jolo-jolongki
- da dohot i sinuan beu i na ahu lapung i, ai
- anggiat iale inong padirgak simanjujung mangembas
simanginon i
- mandapothon na torop bulung di antaran na bidang
i, ieiei ooooooi ooooooi
- Hansit na i inoong ahu lapa-lapa i
- parir na iale among ahu lapungki
- na so sadia sihumisik na dohot paiogon i, ai
- umbahen ahu dainooong martoba na ni udan iiiiiiii
- Hansit na i inong ahu lapa-lapa i
- na manaon na hansit dainong gok ni hinaparir i
- sinuantunasmu baoa di ahu lapa-lapa i, ai, oooooi, oooooooi,
oooooooi, ooooooi
- Tu dia ma ahu dainoong ahu lapa-lapa i
- mumbang tu dolok ahu ba inong mumbang tu toruan i
- manarihon da na soada mareakhon sihumisik i, ai, oooi,
ooooooi, ooooooi
Übersetzung
- Ich klage um dich, Mutter, sanft sprechende Mutter,
- die niemals mir, dem wie Spreu Seienden, zürnte.
- Voller Schmerz ist es, Mutter, und voller Leiden,
- was ich, dein Sohn, treibende taube Reisähre, zu ertragen
hat.
- Des Hinaufsteigens bin ich nicht mächtig, Mutter, steige
ich herab, stoße ich an,
- arbeite auf einem Reisfeld, das nicht das meine ist,
- muß Geld verdienen für meinen Lebensunterhalt.
- Ich sehe die Vielen, Mutter,
- fröhlich und lustig auf dem Dorfplatz.
- Wie ergeht es denn mir, Mutter, wie einem brütenden Huhn,
- wie einem Hund, der auf dem Feld kauert.
- Leidend bin ich, Mutter, wie Spreu,
- leidend, o weh Mutter, ist dein Sohn.
- Gestorben bist Du, Mutter, ohne daß ich dich gesehen
habe,
- ich ging in die Ferne, in die unzählbaren Himmel.
- Wie hast Du mich geboren, Mutter, die mich gebar,
- wie hast Du mich erzeugt, Vater, der mich erzeugte,
- so daß ich, Mutter, ein Unglücklicher bin.
- Leidend bin ich, Mutter, wie Spreu,
- voller Leiden und voller Elend
- ist das, was ich, treibende taube Reisähre, zu ertragen
habe.
- Ich beklage Dich, Mutter, o Mutter, die sanft spricht,
- wie Spreu bin ich, ein Vergessener,
- der sich nicht an die Lehren seiner Mutter halten wollte, ich
taube Reisähre, o Mutter.
- Elend bin ich, oh Mutter, wie Spreu.
- Ich schaue auf die Vielen, o Mutter,
- die fröhlich und lustig auf dem Dorfplatz sind.
- Wie bin ich, Mutter, mit herabhängendem Kopf, gefalteten
Händen,
- weil ich kein Geld habe, ich taube Reisähre.
- Wäre doch dein Großvater mächtig gewesen,
Mutter,
- die Söhne meiner Vorfahren
- und ihre Töchter, ich taube Reisähre,
- dann könnte ich, o Mutter, den Kopf erheben, die
Hände frei hängen lassen,
- mich zu den Vielen auf dem Dorfplatz gesellen.
- Leidend bin ich, Mutter, wie Spreu,
- elend bin ich, Mutter, wie eine taube Reisähre,
- habe kein Geld und nichts zu essen,
- deshalb fange ich Fische im Regen.
- Leidend bin ich, Mutter, wie Spreu,
- habe Leid zu ertragen, bin voller Elend,
- dein Sohn, taube Reisähre.
- Wohin soll ich gehen, Mutter, der wie Spreu ist,
- werde flußauf und flußab getrieben,
- versuche Geld zu verdienen, aber es gelingt mir nicht.
*) Anmerkung
5 Der Sänger trägt die Klage vor
unter der Zuckerpalme sitzend. Er ist nicht mehr mächtig, die
Palme zu erklimmen und beim Herabsteigen stößt er gegen
die Zweige.
Ompu Hotma Sinurat bat ich einige Wochen
später, mir noch mal die gleiche Klage vorzutragen. Diese
beginnt :
- Boha do i pangintubum di ahu inong na mangintubu ooi
- boha do i parsinuanmu di ahu na marsinuan oi
- umbahen ahu dainong matua marsiak bagi i, ai
- Malilung ahu ba inoong malilunghon tano na so marboli-boli i,
ii
- mangalului sihumisik na tau paiogon i, ai ...
- Wie hast Du mich geboren, Mutter, die mich gebar,
- wie hast Du mich erzeugt, [Vater], der mich erzeugte,
- so daß ich, o entschlafene Mutter, so arm bin.
- Ich spreche, Mutter, spreche vom Land, das nicht das meine
ist,
- verdiene mir meinen Lebensunterhalt, um zu essen ..
Die ersten beiden Zeilen entsprechen Zeilen
16 und 17, die vierte Zeile entspricht Zeile 6. Während des
Vortrags ist der Sänger frei, bestimmte Wendungen, die er
beherrscht und die weitgehend in der Tradition verankert sind,
zusammenzufügen, ohne daß ein bestimmtes
Kompositionsschema oder ein bestimmter Anfang vorgegeben ist.
Ompu Hotmas Klage enthält zahlreiche
Elemente, die auch in anderen von mir aufgenommenen Klagen vorkommen.
So beginnen zwei weitere Klagen (Ompu Tambok Nr.1 und Nr.5) mit den
gleichen Worten (
Huandung ma...), während die anderen
Klagen kein bestimmtes Beginnschema erkennen lassen.
[47] In fünf weiteren
andung (Ompu
Tambok Nr.1, 5 und 6, Marbun
&
Hutapea
1987:16, und Silaen Nr.2) vergleicht
sich der Klagende mit Spreu (
lapa-lapa). Elemente von Z.8 und
37 finden sich in einer weiteren Klage (Tiominar Nr.1), in der
ebenfalls erwähnt wird, daß es der Klagenden an Geld
(
sihumisik) und Reis (
paiogon) mangelt. Es scheint sich
hier um nur wenige Parallelen zu handeln, aber man darf nicht
vergessen, daß die zum Vergleich dienende Materialbasis recht
dürftig ist und daß bei näherer Betrachtung Hotmas
Klage auf einige wenige Phrasen reduziert werden kann, die
ständig wiederholt werden. So wird z.B. Zeile 12 viermal (Z.19,
25, 35 und 39) und die ersten Wörter der Zeile 10 werden dreimal
wiederholt (Z.16, 17 und 28). Die Klage zeichnet sich überdies
durch eine stete Wiederholung von Schlüsselwörtern, die das
Leid ausdrücken, aus:
hansit und
hinahansit (8x),
parir und
hinaparir (8x),
lapa-lapa (9x),
lapung mumbang (6x). Hinzu kommen die zahlreichen
andung-Wörter wie
sinuantunas (4x),
lambok
malilung (2x) und andere, die in beinahe allen anderen
andung ebenfalls zu finden sind.
Beinahe jeder Satz wird in der
mündlichen Klageliedtradition mit dem langgezogenen
Demonstrativpronomen i (auch häufig on)
abgeschlossen, wobei die Stimme angehoben wird. So bekommt das Lied
eine Art von Endreim. Obschon das Lied von Anfang bis Ende weitgehend
fließend gesungen wird, setzt der Sänger doch gewisse
Zäsuren mit der fünfmal vorkommenden Zeile hansit na i
inoong ahu lapa-lapa i, bei der hansit auf der zweiten
Silbe deutlich betont und die Stimme angehoben wird. Vier weitere
Zeilen enden mit dem zweiten Teil obengenannter Zeile ahu
lapa-lapa i; fünf Zeilen enden mit lapung mumbang i
bzw. ahu lapung i. Zeile 3 wird in Zeile 20 wieder
aufgegriffen (hinahansit, hinaparir und hinadangol sind
Synonyme). Wiederholungen von ganzen Zeilen oder von Wortgruppen sind
in allen Klagen der oralen wie auch der schriftlichen Tradition sehr
häufig.
Die rhythmische Struktur der Lieder erfordert
es, daß die Anzahl der Silben in den Zeilen nicht zu stark
voneinander abweichen dürfen, wobei allerdings Unterschiede in
der Anzahl der Silben durch Dehnung einzelner Silben weitgehend
ausgeglichen werden können. Je nach Sänger variiert die
Anzahl der Silben einer Zeile von etwa fünf bis zehn oder zehn
bis zwanzig wie dies auch bei den weiter oben zitierten Klagen
beobachtet werden kann.
Anhand der oben exemplarisch vorgestellten
Klagen wird deutlich, daß die batakschen Klagelieder in hohem
Maße formulaisch sind. Die
Klageliedsprache
(
hata
andung), die weiter unten näher
behandelt wird, trägt zu dem formelhaften Charakter der Klagen
bei. Vom Vortragenden wird erwartet, daß er (meistens sie) sich
an die Konventionen des Genres hält, alltagsprachliche
Ausdrücke vermeidet und diese durch solche der
hata
andung ersetzt. Eine Klage wird als
Kunstform betrachtet, und es wird daher vom Vortragenden erwartet,
die ästhetischen Konventionen, die durch den Gebrauch der
hata andung festgelegt sind,
einzuhalten. Dies besagt jedoch nicht, daß die Klagen stets
universellen und mehr oder weniger unverbindlichen Charakter tragen.
Eine der vier von Silaen
publizierten Klagen
zeigt, daß der Vortrag einer Klage durchaus dazu gebraucht
werden kann, Konflikte auszutragen oder eine gegnerische Partei
anzuklagen (Silaen 1990:113). Holst-Warhaft
(1992:75ff.) hat sich mit dem Aspekt der Rache und Vergeltung in den
Klagen der Mani (Griechenland
) intensiv
auseinandergesetzt. Wie bei den Mani wird auch bei den Batak die
Ursache eines Todes häufig auf Intriganz einer feindseligen
Gruppe zurückgeführt. Es ist daher möglich, daß
auch die Totenklagen der Batak eine soziale Funktion innehaben, indem
sie Konflikte aufzeigen und austragen, und daß die zumeist
weiblichen Klagenden hierbei als animierende Akteure auftreten. Die
mir zur Verfügung stehende recht dürftige Materialbasis ist
allerdings in bezug auf weitergehende Schlüsse unzureichend. Da
die orale Tradition der Totenklage im Batakland noch lebendig ist,
dürfte ein intensives Studium dieser eine der dringendsten
Aufgaben ethnologischer Forschung im Batakland
sein.
3.1.2 Liebesklage
Aus den batakschen
Totenklage
n haben sich neben den schriftlichen
Klageliedern, die zumeist Schicksalsklagen
über das eigene persönliche Los sind, zwei Formen des
oralen Klagelieds gebildet, nämlich die Liebes- und die
Hochzeitsklag
e.
Über die Tradition der oralen
Liebesklage existiert allerdings keine einzige Aufzeichnung, und nur
wenige Informanten erinnerten sich noch der Kunst der Liebesklage.
Leider war keiner dieser in der Lage, eine längere Liebesklage
vorzutragen. Die Erinnerung an diese Tradition war nur noch
rudimentär vorhanden, so daß ich nur einen sehr vagen
Einblick in die Tradition der Liebesklage erhalten konnte.
Anlaß, eine Liebesklage vorzutragen,
war bei den Toba-Batak das
martandang.
Missionar Nommensen
schreibt über diesen
Brauch, der heute in dieser Form nicht mehr bekannt ist, unter der
Überschrift “Wie der Batak freit”:
"Das Freien fängt bei dem Batta
frühe an. Manche sind schon mit 11 oder 12 Jahren verheiratet.
Will nun einer heirathen, so schickt der Jüngling seinen Freund
zu dem Mädchen, welches er sich ausersehen hat, und fragt um
Siri [
sirih, mal. Betelpriem, Anm. d. Verf.] für seinen
Freund; gibt das Mädchen solches, so ist das ein Beweis der
Geneigtheit, und darauf kommt er selber mit Siri oder frägt
darum. Dies wird dann eine Zeit lang fortgesetzt; dies nennen sie
martandang, ein nächtliches
Geschäft und darum auch sicher ein Werk der Finsternis. Ist die
Sache dann so weit abgemacht, so daß sie heirathen wollen, so
bringt der Jüngling ein ganzes Tuch voll Siri, nimmt sie das an,
so bringt er noch seine besten Kleider und sie gibt ihm die ihrigen."
(Nommensen 1864:275)
Von Informanten wurde mir folgendes
mitgeteilt: Mehrere junge Männer eines Dorfes begeben sich in
den frühen Abendstunden in ein benachbartes Dorf, um dort einem
oder mehreren Mädchen die Aufwartung zu machen. Man begibt sich
zum Haus des Mädchens und beginnt auf der
Maultrommel
(saga-saga) bestimmte klagende Weisen
zu spielen und dann seine Klage anzustimmen. Diese Liebesklagen
richten sich an das geliebte Mädchen und beschreiben ihre
Schönheit, wie sehr man sich nach ihr sehnt und das eigene
unglückliche Schicksal. Die Art des Vortrags ist ebenso wie bei
der Totenkla
ge rhythmische Prosa in Form eines
Sprechgesangs.
Das folgende Beispiel einer Liebesklage
(
andung ni si doli) habe ich am 30.8.1990 in Ujung Tanduk,
Kecamatan Laguboti
, aufgenommen. Vorgetragen
wurde sie von Ompu Tambok Pangaribuan
. Dauer:
1’ 20’’. Die
andung-Wörter sind kursiv
gesetzt und in
Tabelle 5 aufgenommen
- Huandung ma dainang boru adui na uli dainang do ito na
malambok malilung i
- parsimanghudap na magodang so maotik i
- parsimalolong mangalap manaruhon i.
- Dainang do ito parhuling-huling na bontar na gading i
- na ias so usaon, na bontar so didion i
- Tarsura-sura ma ahu da ito di golap ni sihabornginan i
- di papan na tumotap di rindang sibalunon i
- na sumurai situriakta i da ba ito situriak si riburon i
- di golap ni sihabornginan ninna simanghudap i
- Bosur so marpaiogon do simangarudokki
- marningothon situriakta i da ba ito na manjojori sihabornginan
i
- ninna simanghudap lapa-lapa ni jolma i
- Tangihon dainang ma ahu da ito boru aduikku na pio-pio i alusi
ahu na jou-jou i
- Ich beklage dich, Mutter, schönes Mädchen, das sanft
spricht
- deine vollen Lippen, die nicht schmal sind
- deine einladenden Augen
- Mutter, Schwester, deren Haut weiß wie Elfenbein ist
- sauber ohne geputzt zu sein, weiß ohne gewaschen zu
sein.
- Du schwebst mir vor, Schwester, im Dunkel der Nacht
- auf deinem Schlafplatz, auf der Matte
- ich denke an unser Gelächter, o Schwester, unser lautes
Lachen
- im Dunkel der Nacht, so spricht mein Mund
- Satt bin ich ohne gegessen zu haben
- wenn ich an unser Lachen denke, o Schwester
- so spricht mein Mund, Spreu der Menschheit
- Mutter, höre mein Rufen, Schwester, antworte mir, dem
Rufenden.
Anmerkungen:
1. Da es sich um ein Beispiel einer
Liebesklage handelt, nennt der Sänger die
‘Adressatin’ in Ermangelung eines Eigennamens adui
‘dort’. Sie wird abwechselnd dainang
‘Mutter’ und ito ‘Schwester’
genannt.
2. Parsimanghudap = simanghudap
(Z. 9 und 12).
3. Wörtlich: “Augen, die abholen
und bringen”.
8. Turiak ist das andung-Wort
für tata “Lachgen” als auch für
hata in der Bedeutung “Gespräch”, so
daß diese Passage auch wie folgt übersetzt werden kann"
“ich denke an unser Gespräch, o Schwester, unsere rege
Unterhaltung”
10. Simangarudok kann sowohl
‘Angesicht’ als auch ‘Hals’ und
‘Körper’ bedeuten. Hier sicherlich in letzter
Bedeutung gebraucht.
11. Lapa-lapa ‘Spreu’ ist
eines der am häufigsten gebrauchten Metaphern der andung
und bezieht sich auf die eigene Wertlosigkeit.
Während das
martandang in der oben beschriebenen
Art heute nicht mehr bekannt ist, hat sich doch eine moderne Variante
entwickelt. Anstelle der Maultrommel
gebraucht
man heute die Gitarre zur Begleitung der Liebeslieder, die
insbesondere in den frühen Abendstunden angestimmt werden, vor
allem dann, wenn man weiß, daß junge Mädchen in der
Nähe sind. Möglicherweise hat die Liebesklage bataksche
Interpreten dazu inspiriert, das populäre europäisch und
amerikanisch beeinflußte Liedgut
vornehmlich sentimentaler Liebeslieder ebenfalls
andung zu
nennen. Es sind heute eine Anzahl von Musikkassetten auf dem Markt,
deren Interpreten sich als
Raja Andung 'König des
Klagelieds' bezeichnen. Diese Lieder sind jedoch weder in
stilistischer noch in inhaltlicher Hinsicht mit den traditionellen
Klageliedern artverwandt.
[48] Sie
zeugen aber ebenso wie die
andung-Aufführungen im Rahmen
der tobabatakschen Wanderbühne Opera Batak (Carle 1990:129)
einer großen Anziehungskraft des
Genres, das trotz des starken Einflusses der Kirche seine
Popularität behaupten konnte.
Silaen
vermutet,
daß die Liebesklage
eine Einführung
in die Kunst des Klagens für junge Männer darstellt:
“Die jungen Männer klagen als sei es nur zum Zeitvertreib,
da sie dies in scherzhafter Weise tun. In Wirklichkeit aber lernen
sie, wie man klagt.”
[49] Dies
mag auf den ersten Blick nicht besonders plausibel erscheinen, da
sich inhaltlich die Liebesklage beträchtlich von der
Totenklage
unterscheidet; die
Melodie allerdings ist die gleiche, die auch
in der Totenklage gebräuchlich ist. Die größte
Schwierigkeit im Erlernen der Klage liegt sicherlich in der Aneignung
der Klageliedsprache
, und in dieser Hinsicht
ist es sicherlich zutreffend, wenn man die Liebesklage als
Bestandteil des informellen Unterrichts in die Kunst des Klagens
interpretiert.
3.1.3 Hochzeitsklage
Ein Phänomen, welches man auch in anderen
Kulturen beobachten kann, ist, daß sich aus der
Totenklage
, die wahrscheinlich die
ursprüngliche Form des Klagelieds ist, andere Formen von
Klageliedern entwickelten. Eine der in der Literatur am
häufigsten genannte ist die der Hochzeitsklage.
[50]
Über die bataksche Hochzeitsklage
schweigt sich die Literatur allerdings weitgehend aus.
Silaen
(1990:41) erwähnt die
Hochzeitsklage mit folgenden Worten:
"Pada masa dulu, seorang gadis yang akan
melangsungkan upacara pernikahan, akan lebih dahulu Mangandung di
hadapan keluarganya. Dengan Mangandung ia menyatakan bagaimana
sedihnya perasaannya berpisah dengan mereka, karena ia akan dibawa ke
Kampung yang baru yaitu Kampung suaminya. Saat inilah digunakan si
gadis untuk pamitan kepada kerabat terdekat dan keluarga. Upacara ini
mereka sebut dengan istilah
Mangalebat. Kebiasaan ini sudah
tidak ditemukan lagi."
[51]
Marbun
und
Hutapea
(1987) geben ein Beispiel einer
Hochzeitsklage mit Übersetzung in die indonesische Sprache in
ihrem "Wörterbuch der Toba-Batakschen Kultur" unter dem Eintrag
mangalebat. Ihre Definition dieser
Klage gleicht der von Silaen
beinahe
wörtlich und es ist daher möglich, daß Silaens
Kenntnis der Hochzeitsklage aus erwähnter Publikation stammt
(die er in seiner Bibliographie aufführt) und nicht von
Informanten seines Forschungsortes Lumban Tambak im Kecamatan
Silaen
(Kab. Tapanuli Utara).
Nach Marbun
und
Hutapea
(op. cit) handelt es sich um eine
Tradition, die es früher in der Gegend
Kalasan
(Grenzgebiet der Toba- zu den
Pakpak-Dairi
-Batak im Hochland von
Barus
) gab. Wie weit diese Tradition
ursprünglich verbreitet war, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich
habe während meiner Feldforschung im Batakland feststellen
können, daß nur in Angkola
diese
Tradition noch bekannt ist. Mein Aufenthalt dort war jedoch zu kurz,
um intensiver nach einer Person zu suchen, die mir eine solche Klage
hätte vortragen können. Ich habe weder während meiner
Feldforschung noch in der Literatur Hinweise dafür gefunden,
daß es Hochzeitsklagen bei den Karo- und Simalungun-Batak
gegeben hat. Die Verbreitung dieser Klage scheint daher auf Angkola
und einige benachbarte Regionen beschränkt gewesen zu sein.
In Warneck
s
Wörterbuch (1977) findet sich unter dem Eintrag
lebat nur
das Derivat
sanghalebat 'ein Abschnitt der Rede'. In Egginks
Wörterbuch (1936) findet sich kein Eintrag, ebensowenig in
Siregar (1977). Erstaunlich, daß die Wörterbücher
keinen Eintrag
mangalebat kennen und
daß sich die Literatur über diesen Brauch weitgehend
ausschweigt. Nommensen
(1864:277) hat im
Kapitel "Hochzeitsgebräuche" die bataksche Hochzeitsklage
beschrieben, ohne jedoch zu erwähnen, wo er seine Beobachtungen
gemacht hat. Nommensen
, der im Mai 1862 in
Sumatra ankam, wurde zunächst in Barus
tätig, und schloß sich Ende 1862 dem Missionar Klammer in
Sipirok
an. Ende 1863 eröffnete
Nommensen
den ersten Missionsposten in der
tobabatakschen Landschaft Silindung
. Da
Nommensen
s Artikel über die
Hochzeitsklage im September 1864 veröffentlicht wurde, ist es,
die lange Dauer der Seepost berücksichtigend, sehr
wahrscheinlich, daß er seine Beobachtungen in der
angkolabatakschen Landschaft Sipirok gemacht hat:
Nachdem sich die Eltern des Paares über
die Höhe des Brautpreis
es einig geworden
sind, wird der Tag der Hochzeit festgesetzt.
[52]
“Zehn Tage vor der bestimmten Zeit wird
von Seiten der Eltern dem Mädchen angekündigt, daß
sie über 10 Tage das elterliche Haus verlassen muß.
Obgleich sie das recht gut weiß, wird doch die Sache so
feierlich behandelt, als wüßte kein Mensch darum. Dann
fängt sie an ihre Jungfrauschaft zu beweinen
(
mangandung); dies dauert fort, bis sie die Haustreppe
herunter ist. (...) Sie ruft in diesen 10 Tagen alle Jünglinge
zusammen und geht bis in die benachbarten Dörfer und
erzählt ihr Schicksal. Die Jünglinge der Umgebung kommen
dann und bringen Geld, je nach Vermögen 1/4 fl., 1/2, 1, 2 bis 5
fl.; dafür kauft sie Siri und gibt jedem der Kameraden eine
Schüssel Reis mit Fleisch von Kokosnuß. Die anderen
Jungfrauen wehklagen alle mit, weil sie aus ihrem Kreise scheidet.
Die Jünglinge trösten sie mit guten Worten. Es ist
anzuhören wie ein Schluchzen einer Person, die in Verzweiflung
gerathen ist; wenn man nicht wüßte, daß es blos
Sitte wäre in Verbindung mit dem Wehmuthsgefühl des
Abschieds für eine Woche oder einem Monat, wodurch sie sich die
Thränen auspressen, könnte man's nicht anhören. Wenn
sie nicht so lange heulen bis sie keine Sprache mehr haben, so sagt
die Familie, daß sie froh ist, wenn sie nur vom Hause wegkommt.
Bei gezwungenen Heirat
hen, wie früher der
Fall war, während noch nicht die holländische Regierung
hier war, glaube ich wohl, daß sie im vollen Maaße
meinen, was sie sagen.” (Nommensen 1864:275f.)
Am Abend bevor die Braut ins Dorf des
Bräutigams geführt wird, kommt dieser mit seinen
Begleitern. Er bringt dem Brautvater weiße Leinwand und einen
Büffel für das Fest. Während der Nacht wird das
gondang-Orchester gespielt. Das
Hochzeitsritual wird am folgenden Tag im Hause des Brautvaters
abgehalten. Danach verläßt die Braut das Haus:
"nachdem sie ihrem gewöhnlichen
Sitzplatz u. dergl. m. Lebewohl gesagt hatte. Auf der Treppe blieb
sie lange stehen, besonders auf der letzten Stufe, welche auch ihr
Lebewohl bekam." (op.cit. 277)
Beim Auszug aus dem Dorf wird der
Bräutigam erst von den Sklaven und dann von den Jungfrauen, die
beim Fest mitgeholfen haben, angehalten, und erst nach Bezahlung
einer Summe kann er weitergehen. Im Dorf des Bräutigams
angekommen, wird dort noch ein weiteres Fest gegeben. Die Braut darf
erst ihr Dorf besuchen, nachdem sie ihrer Familie auf der
Straße begegnet ist. Danach wird ein kleines Ritual mit
Geschenk und Gegengeschenk abgehalten.
Nach Nommensen
s
Beobachtung wurde die Hochzeitsklage vorgetragen am Tag bevor die
Braut das elterliche Haus verließ. Bei dem eigentlichen Auszug
aus dem Haus erwähnt er, daß sie “ihrem
gewöhnlichen Sitzplatz u. dergl. m. Lebewohl gesagt
hatte”. Zwar liegen mir nur zwei Hochzeitsklagen vor, aber in
beiden ist der Abschied von vertrauten Gegenständen integraler
Bestandteil der Klage. Es kann daher angenommen werden, daß
während des Hochzeitrituals mehrmals geklagt wird, und daß
die mir vorliegenden Klagen möglicherweise die Hauptklagen
darstellen, die im Moment des Auszugs aus dem Haus vorgetragen
wurden.
Angkolasche Hochzeitsklage
Van der Tuuk
hat ein
andung mangalebat in seinem
Bataksch
Leesboek II (Tuuk 1861b:110) in batakscher Schrift ohne
Transliteration und Übersetzung abgedruckt. Die gedruckte
Version basiert auf der Originalhs. in batakscher Schrift in einem
Folio-Heft der Sammlung Van der Tuuk
s
(Universitätsbibliothek Leiden Cod. Or. 3410 S. 236-248). Der
Text ist vom Schreiber durch zahlreiche
bindu 'Absatzzeichen'
untergliedert worden. Nicht alle dieser
bindu hat Van der
Tuuk
in seiner gedruckten Ausgabe
übernommen. Der Text in Cod.Or. 3410 wird mit folgender Passage
abgeschlossen, die nicht im
Bataksch Leesboek abgedruckt
ist:
I ma andung ni bujing laho marbagas di
Angkola
Ale Tuan na nisurat ni Ja Dori
ni tandak rua-rua galunggung ni huta
imbaru
tarantak markarusuan lobi lipat na mabalu
Zwischen der zweiten und der dritten Zeile
ist eine Linie gezogen. Danach folgen noch drei weitere Zeilen. Die
erste besteht aus der achtfachen Wiederholung des Zeichens
<pa>, die zweite aus 13 Zeichen für <u> und die
dritte aus sechs <lang>.
Nur die ersten beiden Zeilen sind
verständlich: "Dies ist eine Klage eines Mädchens, das
heiratet, o Herr, die geschrieben wurde von Ja Dori".
Ja ist
die in Angkola übliche Kurzform von
Raja. Dem zu
entnehmen ist, daß eine Person namens Raja Dori, also ein Mann,
diese Klage für Van der Tuuk
, der als
Tuan 'Herr' bezeichnet wird, niedergeschrieben hat. Die beiden
folgenden Zeilen könnten ein Pantun sein, wobei die dritte Zeile
als
sampiran 'Reimzeile' dient. Die vierte Zeile ist nicht
recht verständlich.
Tarantak markarusuan heißt etwa
'aufhören, einen Liebhaber zu haben',
lobi lipat na
mabalu etwa 'noch mehr die Witwe/der Witwer'.
In Cod.Or. 3410:236-248 finden sich noch vier
anthropomorphe Zeichnungen, die nebeneinander stehen und oben und
unten durch eine Linie begrenzt sind. Ganz links ein Kopf mit Hals,
der durch einen Strich angedeutet ist. Die gelockten Haare stehen,
wie bei den folgenden Figuren auch, aufrecht. Rechts davon ein
männlicher Körper, mit Penis aber ohne Kopf, dann zwei
weitere anthropomorphe Zeichnungen ebenfalls mit Penis. Diese
anthropomorphen Gestalten sind in typisch batakscher Form gezeichnet.
Der Körper wird durch ein gleichschenkliges Dreieck
wiedergegeben mit drei Punkten, die Brustwarzen und Nabel darstellen.
Die Beine werden dargestellt durch Verlängerung von zwei Seiten
des Dreiecks, die Füße durch einen Strich, der etwa
rechtwinklig am unteren Ende angesetzt wird. Die dritte Seite des
Dreiecks stellt die Schulterpartie dar, auf der der Hals, ein
einfacher Strich, aufgesetzt ist. Der Kopf ist rund mit Nase, Ohren,
Mund wie bei einem Strichmännchen. Die Arme werden ebenfalls
durch einen einfachen Strich dargestellt, der manchmal am Ellenbogen
abgewinkelt ist. Fünf kurze Striche zeigen die Hände an. Da
es sich bei dieser Klage um die Niederschrift einer oralen Klage
handelt, erscheint es merkwürdig, daß der Schreiber auf
eine ornamentale Ausgestaltung seines Textes Wert gelegt hat. Wie
auch die
pustaha und andere Bambus- und
Knochenhss. in der Regel mit figürlichen Darstellungen versehen
sind, hat der Schreiber offensichtlich diese Tradition
übernommen. Auch andere für Van der
Tuuk
niedergeschriebene Texte sind in der
Regel mit Ornamenten versehen.
Es handelt sich bei diesem
andung um
eine Wechselklage, die der oralen Tradition entstammt (UBL Cod. Or.
3410 S.236-248). Auch das von Marbun
und
Hutapea
publizierte
andung
mangalebat ist eine Wechselklage, hier
richtet sich die Klage (und wird beantwortet) an die Mutter, die
Vaterschwester
(namboru) und die Frau des Mutterbruders
(nantulang).
Andung Mangalebat: Hochzeitsklage
1. Ia on, on ma andung ni bujing laho
marbagas
Dialog mit ihrem Vater]
2.* Amang, nada mauja borumu, amang,
marmasukkon sude ni na dangolta i
3.* amang na rintip marsudehon damang dainang
do boruna di na duma bulung
4.* Nada i, inang, momo rohangku di hamu
5.* muda muruk halai di hamu
6.* mulak kamu tu son
7.* Amang agonan na ma simanare ni
damang di omas sigumorsing ulang di boruna
8. Nada inang agonan au di sere asa di
hamu,
9. dibaen songon i do uhum ni halak dibaen na
hubaen songon i
10.* Amang antong aha ma na godang kosom ni
simanare ni damang di boruna
11.* dibaen mauja damang dainang
humatulakkon boruna tu na duma bulung
12.* Nada inang bagi aha hosomku di hamu
13.* Amang andapke ulani tehe dibaen na
dulaha marpayogon i ma boruna
14. dibaen mauja simanare ni damang
humatulakkon boruna
15. Nada ba inang dibaen i
16. dibaen malu ningi halak nada marbagas
boru
17. ido dibaen na hupabagas hamu
18.* Amang andapke ulani dibaen perper ni
sanggul ni boruna ma
19. dibaen mauja damang dainang
humatulakkon boruna
20. Nada bagi aha baen baenanmunyu dibaen
hupabagas hamu
21. Amang na rintip na tandang marobur
do amang borumu, amang
22.* marobur di ak ni silumimpang
dalan do amang borumu ihit, amang
23. marobur ditinggang lidung
ni na duma bulung do amang borumu
24. dibaen nada mauja borumu marmasukkon sude
ni na dangolta i amang ihit amang
25. Muda mangkuling ronggur ni si
padalung-dalung
26. siubeon ni borumu ma i
27. na so tarandung payogon di
hos guling mata ni ari ihit amang
28. Muda maniris-niris sirumondop
udan
29. sipareon ni borumu ma i ihit
amang
30.* Muda tarandung payogon
simangidomunyu amang
31.* sanga lupa hamu di na mansada
bulung au
32. Sip ma hamu inang
33. nada i huhalupahon hamu
34. Amang muda dipandungi damang
siadosan dua tolu sai tumaria-taria ma i
husarihon ihit
Dialog mit ihrem Bruder]
35. Jo ibotku iboto na mansada
bulung
36.* aranan nama ibotku di omas
sigumorsing ulang di bayona
37.* aha ma ulani tehe na nipardabu-dabuhon
ni ibotku di bayona
38. dibaen mauja ibotku humatulakkon
bayona
39. tu tonga ni hasaya ni na duma
bulung
40. Nada bagi aha hosomku di hamu
41. dibaen songon i uhum ni halak
42. ido dibaen na hupabagas hamu
43. dibaen malu ningi halak nada nipabagas
iboto ni iba
44.* O ibotku ulang kirim rohamu di
bayomu
45. marobur ditinggang lidung do
bayomu ibotku
46. dung ro di tonga ni hasaya ni
na duma bulung
47. dibaen nada mauja bayomu marmasukkon sude
ni na dangolta i ihit.
48.* Jo ibotku na rintip marsude
amanta inanta do ibotku [di] bayomu
49. Nada i bagi ise halak na puluk muruk di
hamu
50. muda muruk kalak buse di hamu
51. mulak hamu tu son
52. O ibotku muda tarandung payogon
simanaremunyu
53. sanga lupa hamu di bayomu na mansada
bulung au
54. Nada i lupa au di hamu, sip ma hamu
55. O ibotku ulang markirim ni roha
simanaremunyu di bayomu
56. na rintip na tandang marobur do
bayomu ibotku
57. Aha mamunu hamu dibaen na songon i
didokkon hamu
58. O ibotku nada mauja bayomu
mangandung sayop ni sitipahon ihit
59. Jo ibotku marobur di ak ni si
lumimpang dalan do ibotku bayomu na mansada bulung
au
60. Aha ma ulani tehe na godang hosom ni
ibotku di bayona na mansada bulung au?
61. Andapke ulani tehe dibaen na so mauja i
ma i bayona pandungkon sayop ni sitipahon i ma di
ibotku
62. dibaen mauja ibotku humatulakkon
bayona tu na duma bulung ihit
63. Jo ibotku andapke ulani tehe
ibotku dibaen na so mauja i ma i bayomu mangandung sayop ni
sipistuhon i ma bayona
64.* dibaen dihatulakkon ibotku bayona
na tu siaginon paralangan i ihit
65. Jo ibotku andapke ulani tehe
dibaen na dulaha marpayogon i ma bayona
66. dibaen mauja ibotku humatulakkon
bayona ihit
67.* Jo ibotku andapke ulani tehe
dibaen tarpasurung tarpalobi ma parsiriaon ni bayona
68. dibaen mauja ibotku humatulakkon
bayona ihit
69. Jo ibotku andapke ibotku dibaen
perper ni sanggul ni bayona ma i
70. dibaen mauja ibotku humatulakkon
bayona tu siaginon paralangan i ihit
[Dialog mit ihrem Onkel (Mutterbruder)]
71.* O tulang ibot ni dainang agonan
noma datulang di omas sigumorsing ulang di na
pinujana
72. Nada bere agonan au di sere asa di
hamu
73. dibaen songon i do uhum ni halak
74. dibaen na hami pabagas hamu
75. O tulang ibot ni dainang
76. antong aha ma ulani tehe na godang kosom
ni simangidomunyu di na mansada bulung au
77. dibaen mauja simanaremunyu
humatulakkon na mansada bulung au tu siaginon paralangan i
ihit
78. Jo tulang ibot ni dainang
79. andapke ulani dibaen na so mauja i ma na
pinujamu mangandung sayop ni sitipahon i
ma
80. dibaen mauja datulang humatulakkon
na pinuja na tu siaginon paralangan i ihit
81. Jo tulang ibot ni dainang
82. andapke ulani tehe dibaen na so mauja i
ma na pinujana mangandung sayop ni
sipistuhon i ma na pinujana
83. dibaen mauja datulang humatulakkon
napinujana na mansada bulung au ihit
84. Jo tulang ibot ni dainang
85.* ulang markirim ni roha
simangidomunyu marangin sipurpuron na mansada
bulung au
86. na rintip na tandang marobur do
na pinujana ihit
87. Jo tulang ibot ni dainang
88. marobur ditinggang lidung
do na pinujana
89. dibaen nada mauja mangandung
sayop ni sitipahon dohot sayop ni
sipistuhon ihit
90. Jo tulang ibot ni dainang
91. muda mauja datulang pandungkon
payogon di siadosanku na dua tolu
92. sanga lupa simangidomunyu di na
mansada bulung au ihit
93. Tartar tinggal ma ho bagas parpidoan
94. numma mauja damang dainang
humatulakkon boruna tu siaginon paralangan
ihit
95. Numma da bagas parpidoan
96. biasan damang dainang pandungkon
payogon di na mansada bulung au ihit
97. Numma da bagas parpidoan
98. agonan damang dainang di omas
sigumorsing ulang di au mansada bulung ihit
99.* Tartar tinggal ma ho alaman
parmanyaman
100. numma mauja damang dainang
humatulakkon boruna tu siaginon paralangan
ihit
101.* Numma da mauja damang dainang
marlidungkon na so lidung di au mansada
bulung
102. dibaen nada mauja au mangandung
sayop ni sitipahon dohot sayop ni
sipistuhon i ma da alaman parmanyaman
103. dibaen mauja damang dainang
humatulakkon na mansada bulung au ihit
104. Numma da alaman parmanyaman
105. agonan damang dainang di omas
sigumorsing ulang di au mansada bulung ihit
106. Tartar tinggal ma ho sibongkihon
paridian
107. numma mauja damang dainang
humatulakkon boruna tu siaginon paralangan
108. dibaen nada mauja au mangandung
sayop ni sitipahon dohot sayop ni
sipistuhon i ma da sibongkihon
109. dibaen mauja damang dainang
marlidungkon na so lidung di na mansada bulung
au ihit
110. Numma da sibongkihon
111. agonan damang dainang di omas
sigumorsing ulang di au mansada bulung ihit
112. Tartar tinggal ma ho batu
parpangiran
113. numma mauja damang dainang
humatulakkon boruna tu siaginon paralangan
114. dibaen nada mauja au mangandung
sayop ni sitipahon i ma da batu parpangiran
115. dibaen mauja damang dainang
marlidung na so lidung di na mansada bulung au
ihit
116. Numma da batu parpangiran
117. agonan damang dainang di omas
sigumorsing ulang di au mansada bulung ihit
118.* Tartar tinggal ma ho porlak
parsanggulan
119. numma mauja damang dainang
humatulakkon boruna tu siaginon paralangan
120. dibaen nada mauja au mangandung
sayop ni sitipahon dohot sayop ni
sipistuhon i ma da porlak parsanggulan
121. dibaen mauja damang dainang
humatulakkon boruna ihit
[Dialog mit ihrer Schwester]
122.* O siadosan boru Enggan bujing na
i manyapo
123.* muda tarandung
simanggurak ko siadosan
124. sanga lupa ho di ibotta na mansada
bulung
125. Nada i da siadosan boru Enggan na
i mangumpe huhalupahon ibotta na mansada bulung
126. tapi da siadosan malo-malo do ho
marmasukkon na dangol ni ama inanta i
127. ulang da siadosan papatar na
dangol ni ama inanta i ihit
128. Nada mauja au da siadosan boru
Enggan na i manyapo
129. marmasukkon na dangol ni ama inanta
i
130. na rintip na tandang marobur do
siadosan siadosanmu na mansada bulung au ihit
131. Ulang da siadosan boru Enggan na
i mangumpe momo rohamu di ama inanta i
132.* muda mauja ho siadosan gumete
pangarohai
133.* indop he diparkalupasangan na
duma bulung ma i ama inanta i ihit
134. O siadosan boru Enggan na i
manyapo
135. ulang da hirim rohamu siadosan na
marangin sipurpuron na mansada bulung au
136. marobur tu harangan
situmalun do siadosanmu na mansada bulung au
ihit
137. Tartar tinggal ma ho jambur
parangin-anginan
138. numma mauja damang dainang
humatulakhon boruna na mansada bulung au ihit
139. i ma da jambur parangin-anginan
140. agonan na ma damang dainang di omas
sigumorsing ulang di boruna ihit
141. Tartar tinggal ma ho sopo partonunan
142. numma mauja damang dainang
humatulakkon boruna
143. dibaen nada au mauja mangandung
sayop ni sitipahon
144. dibaen i ma da sopo partonunan
145. dibaen mauja damang dainang
marlidungkon na so lidung di au mansada
bulung
146. Tartar tinggal ma ho tiang
pangunsandean
147. numma mauja damang dainang
humatulakkon boruna tu siaginon paralangan
148. dibaen nada au mauja mangandung
sayop ni sitipahon dohot sayop ni
sipistuhon
149. i ma da tiang pangunsandean
150. dibaen mauja damang dainang
marlidungkon na so lidung di au mansada bulung
ihit
[Dialog mit ihrer Mutter]
151.* O inang boru angin na
lambok marlidung di borumu
152. ulang kirim rohamu marangin
sipurpuron na mansada bulung au
153. dung ro di tonga ni hasaya ni
na duma bulung
154. marobur ditinggang
lidung ni na duma bulung do borumu
155. dibaen nada mauja borumu
mangandung sayop ni sitipahon ihit
156.* O inang boru Enggan na i
157. mangumpe malo-malo do ho inang
marmasukkon na dangolta i di na duma bulung
158. ulang da inang papatar na dangolta i
ihit
159. O inang boru angin na lambok
marlidung di borumu
160. marobur tu harangan
situmalun do borumu inang
161. dibaen nada mauja borumu marmasukhon na
dangolta i ihit
162. O inang boru Enggan na i
163. mangumpe inang muda mauja ho inang
gumete pangarohai
164. diparkalupasangan na duma
bulung ma inang na sumuan ko dohot ibotmu na dua
tolu ihit.
165. O inang boru angin na
lambok marlidung di borumu
166. marobur di ak ni silumpimpang
dalan do borumu inang
167. Inang, muda mangkuling ronggur ni
sipadalung-dalung di guling mata ni ari
168. siubeon ni borumu ma i
169. na so tarandung payogon
inang
170. Muda maniris-niris sirumondop
udan
171. sipareon ni borumu ma i
172. na ditinggang lidung ni
na duma bulung ihit
173. O inang boru angin na lambok
marlidung di borumu
174. muda dipandungi ho inang
payogon siadosan na dua tolu
175. sanga lupa ho di simanarengku
na mansada bulung ihit
176. Tartar tinggal ma ho pintu horbangan
177. numma mauja damang dainang
humatulakkon boruna tu siaginon paralangan
ihit
178.* Tartar tinggal ma ho pangkiapan
179. numma mauja damang dainang
humatulakkon boruna tu siaginon paralangan
ihit
[Dialog mit ihrer Schwester]
180. O siadosan boru enggan na i
manyapo
181. muda mauja ho siadosan
tarandung simanggurak
182.* sanga lupa ho di amanta inanta i dohot
di ibotta na mansada bulung ihit
183. Nada i lupa au
184.* muda adong di au pola ma i lupa au di
halani
185. sip ma ho, torkis ko, torkis hami
sudena.
Übersetzung
1. Dies ist ein Klagelied einer Frau, die
heiratet.
[Dialog mit ihrem Vater]
2.* Vater, deine Tochter, Vater, kann dieses
Leid nicht mehr ertragen,
3.* Vater, ihr, meine Eltern, bringt eure
Tochter bei dem Reichen ins Verderben.
4.* Es ist nicht, inang, daß ich
dich nicht achte,
5.* wenn er dir zürnt,
6.* dann kehre nach Haus zurück.
7.* Vater, dir ist das Gold lieber als deine
Tochter.
8. Es ist nicht, inang, daß ich
das Gold mehr schätze als dich,
9. ich mache es, da so das Gesetz der
Menschen ist.
10.* Vater, wie groß muß dein
Haß zu deiner Tochter sein,
11.* daß ihr, Eltern, eure Tochter zu
dem Reichen schicken wollt.
12.* Nicht im mindesten hasse ich dich,
inang.
13.* Vater, ist es vielleicht, daß
deine Tochter zu gierig aß,
14. so daß Vater seine Tochter
fortschicken will?
15. Nein, nicht deswegen.
16. Es ist beschämend, sagen die Leute,
verheiratet man seine Tochter nicht,
17. deswegen verheirate ich dich.
18.* Ist es vielleicht wegen des Haarknotens,
der aus dem Kopftuch heraussteht (= wegen meines Übermuts),
19. daß ihr, Eltern, eure Tochter
fortschicken wollt?
20. Nein, es hat nichts mit dir zu tun,
daß ich dich verheirate.
21. Vater, deine Tochter wird als Fremde
sterben, Vater,
22.* sterben Mitten des Weges, Vater, wird
deine Tochter, oh, Vater,
23. sterben beschimpft von dem Reichen,
Vater, wird deine Tochter,
24. denn deine Tochter kann all ihr Leid
nicht mehr aushalten, Vater, oh, Vater.
25. Wenn der Donner ohne Regen
ertönt,
26. das ist der Bauch deiner Tochter,
27. der mittags und nachmittags keinen Reis
bekommen hat, oh, Vater.
28. Wenn der Regen strömt,
29. das sind die Tränen deiner Tochter,
oh, Vater.
30.* Wenn du Reis bekommen hast, Vater,
31.* wirst du mich vergessen.
32. Schweig, inang,
33. ich werde dich nicht vergessen.
34. Vater, hättest du mir viele
Geschwister gegeben, hätte ich mich in Freude um sie
gekümmert, oh.
[Dialog mit ihrem Bruder]
35. O mein Bruder, mein einer Bruder,
36.* meinem Bruder ist das Gold lieber als
seine Schwester.
37.* Was hat den eigentlich mein Bruder
seiner Schwester vorzuwerfen,
38. so daß mein Bruder seine Schwester
fortschickt,
39. in das Dorf des Reichen?
40. Nicht im geringsten hasse ich dich,
41. da so das Gesetz der Menschen ist,
42. deshalb verheirate ich dich,
43. denn es ist beschämend, sagen die
Leute, verheiratet man seine Schwester nicht.
44.* O mein Bruder, ... deine Schwester
nicht,
45. sterben werde ich von Schimpf
überzogen, mein Bruder,
46. komme ich in das Dorf des Reichen,
47. weil ich, deine Schwester, das Leid nicht
mehr ertragen kann, oh.
48.* O mein Bruder, grausam bringen mich
unsere Eltern ins Verderben.
49. Niemand wird es übers Herz bringen,
dir zu zürnen,
50. wenn dir jemand zürnt,
51. dann kehre nach Haus zurück.
52. O mein Bruder, wenn du Reis bekommen
hast,
53. wirst du mich, deine eine Schwester,
vergessen.
54. Ich werde dich nicht vergessen,
schweige.
55. O mein Bruder, ....mich nicht,
56. deine Schwester wird wie eine Fremde
sterben, mein Bruder.
57. Wer tötet dich, daß du so
sprichst?
58. O mein Bruder, deine Schwester kann kein
Kleid geben, oh.
59. O mein Bruder, deine eine Schwester wird
Mitten des Weges sterben.
60. Was macht deinen Haß gegenüber
deiner einen Schwester so groß?
61. Ist es vielleicht, daß deine
Schwester ihrem Bruder kein Kleid geben konnte,
62. so daß mein Bruder seine Schwester
zu dem Reichen fortschickt? Oh.
63. O mein Bruder, ist es vielleicht,
daß deine Schwester ihrem Bruder keine Beteltasche geben
konnte,
64.* so daß mein Bruder seine Schwester
fortschickt in die Wehmut der Fremde? Oh.
65. O mein Bruder, ist es vielleicht, da
deine Schwester zu gierig Reis gegessen hat,
66. so daß mein Bruder seine Schwester
fortschickt? Oh.
67.* O mein Bruder ist es vielleicht,
daß deine Schwester zu viel gelacht hat,
68. so daß mein Bruder seine Schwester
fortschickt? Oh.
69. O mein Bruder, ist es wegen des
Haarbüschels, der aus dem Kopftuch heraussteht (= wegen meines
Übermuts),
70. so daß mein Bruder seine Schwester
fortschickt in die Wehmut der Fremde? Oh.
[Dialog mit ihrem Onkel (Mutterbruder)]
71.* O Onkel, Mutters Bruder, dir ist das
Gold lieber als deine Nichte.
72. Nein, Nichte, ich schätze das Gold
nicht mehr als dich,
73. da so das Gesetz der Menschen ist,
74. daher verheiraten wir dich.
75. O Onkel, Mutters Bruder,
76. wie groß muß dein Haß
gegen mich eine sein,
77. so daß du mich fortschicken willst
in die Wehmut der Fremde? Oh.
78. O Onkel, Mutters Bruder,
79. ist es vielleicht, daß deine Nichte
kein Kleid geben kann,
80. so daß Onkel seine eine Nichte
fortschicken will in die Wehmut der Fremde? Oh.
81. O Onkel, Mutters Bruder,
82. ist es vielleicht, daß deine Nichte
keine Beteltasche geben kann,
83. so daß Onkel seine eine Nichte
fortschicken will? Oh.
84. O Onkel, Mutters Bruder,
85.* glaube nicht, daß ich leben
werde
86. wie eine Fremde wird deine Nichte
sterben, oh.
87. O Onkel, Mutters Bruder,
88. sterben wird deine Nichte, von Schimpf
überzogen,
89. da ich kein Kleid und keine Beteltasche
geben kann, oh.
90. O Onkel, Mutters Bruder,
91. wenn du meinen vielen Geschwistern Reis
geben kannst,
92. dann wirst du mich vergessen.
93. Bleibe zurück, Haus,
94. meine Eltern haben ihre Tochter
fortgeschickt in die Wehmut der Fremde, oh.
95. So ist es, Haus,
96. Vater und Mutter sind es
überdrüssig, mir, ihrer einen Tochter, Reis zu geben,
oh.
97. So ist es, Haus,
98. Vater und Mutter lieben das Gold mehr als
ihre eine Tochter.
99.* Bleibe zurück, Dorfplatz,
100. Vater und Mutter haben ihre Tochter
fortgeschickt in die Wehmut der Fremde, oh.
101.* So ist es, Vater und Mutter sprechen
schon unwirsch mit mir,
102. da ich kein Kleid geben kann und keine
Beteltasche, o Dorfplatz,
103. so daß Vater und Mutter mich eine
fortschicken, oh.
104. So ist es, Dorfplatz,
105. Vater und Mutter lieben das Gold mehr
als ihre eine Tochter, oh.
106. Bleibe zurück, Badewasser,
107. Vater und Mutter haben ihre Tochter
fortgeschickt in die Wehmut der Fremde,
108. da ich kein Kleid und keine Beteltasche
geben kann, o Badewasser,
109. so daß Vater und Mutter schon
unwirsch mit mir sprechen, oh.
110. So ist es, Badewasser,
111. Vater und Mutter lieben das Gold mehr
als mich, oh.
112. Bleibe zurück,
Pangir-Stein,
[53]
113. Vater und Mutter haben ihre Tochter
fortgeschickt in die Wehmut der Ferne,
114. da ich kein Kleid geben kann, o
Pangir-Stein.
115. so daß Vater und Mutter schon
unwirsch mit mir sprechen, oh.
116. So ist es, Pangir-Stein,
117. Vater und Mutter lieben das Gold mehr
als mich, oh.
118.* Bleibe zurück, Garten der
Duftblumen,
119. Vater und Mutter haben mich
fortgeschickt in die Wehmut der Ferne,
120. da ich kein Kleid und keine Beteltasche
geben kann, o Garten der Duftblumen,
121. so daß Vater und Mutter ihre
Tochter fortschicken, oh.
[Dialog mit ihrer Schwester:]
122.* O Schwester vom Enggan Klan,
123.* wenn du, Schwester, Betel bekommen
hast,
124. dann wirst du deine eine Schwester
vergessen.
125. Nein, Schwester vom Enggan Klan, ich
werde nicht meine eine Schwester vergessen.
126. Aber, Schwester, wisse geschickt das
Leid unserer Eltern zu verbergen.
127. Offenbare nicht, Schwester, das Leid
unsere Eltern, oh.
128. Ich kann nicht, Schwester vom Enggan
Klan,
129. das Leid unserer Eltern verbergen.
130. wie eine Fremde wird deine Schwester
sterben, Schwester, oh.
131. O Schwester vom Enggan Klan, verachte
unsere Eltern nicht.
132.* Wenn du unwillig sein solltest,
133.* werden dann nicht unsere Eltern von dem
Reichen zu Sklaven gemacht werden?
134. O Schwester vom Enggan Klan,
135. glaube nicht, Schwester, daß ich
leben werde,
136. ich, deine eine Schwester werde sterben
im Wald, oh.
137. Bleibe zurück, luftige Veranda,
138. Vater und Mutter haben ihre eine Tochter
fortgeschickt, oh.
139. O luftige Veranda,
140. Vater und Mutter lieben das Gold mehr
als ihre Tochter, oh.
141. Bleibe zurück, Hütte zum
Weben,
142. Vater und Mutter haben ihre eine Tochter
fortgeschickt,
143. da ich kein Kleid geben konnte,
144. daher, o Hütte zum Weben,
145. sprechen Vater und Mutter schon unwirsch
zu mir.
146. Bleibe zurück, Hauspfahl zum
Anlehnen,
147. Vater und Mutter haben mich
fortgeschickt in die Wehmut der Fremde,
148. da ich kein Kleid und auch keine
Beteltasche geben konnte,
149. daher, o Hauspfahl zum Anlehnen,
150. sprechen Vater und Mutter schon unwirsch
zu mir.
[Dialog mit ihrer Mutter]
151.* O Mutter, vom Wind-Klan, die gut zu
ihrer Tochter ist,
152. glaube nicht, daß ich leben
werde,
153. wenn ich ins Dorf des Reichen komme,
154. sterben wird deine Tochter,
ausgeschimpft von dem Reichen,
155. weil deine Tochter kein Kleid geben
konnte, oh.
156.* O inang vom Enggan Klan,
157. wisse geschickt unser Leid
gegenüber dem Reichen zu verbergen,
158. offenbare unser Leid nicht, oh.
159. O Mutter vom Wind-Klan, die gut zu ihrer
Tochter ist,
160. deine Tochter wird sterben im Wald,
161. da deine Tochter das Leid nicht mehr
aushalten kann.
162. O inang vom Enggan Klan,
163. nicht doch, inang. Solltest du
Abscheu haben, inang,
164. dann wird Mutter, die dich und deine
Geschwister geboren hat, vom Reichen in die
Sklaverei
verkauft.
165. O Mutter, die sanft zu ihrer Tochter
spricht,
166. sterben Mitten des Weges wird deine
Tochter, Mutter.
167. Mutter, wenn der Donner ohne Regen am
Nachmittag ertönt,
168. das ist der Bauch deiner Tochter,
169. die keinen Reis bekommen hat,
Mutter.
170. Wenn der Regen strömt,
171. das sind die Tränen deiner
Tochter,
172. die von dem Reichen beschimpft wird,
oh.
173. O Mutter vom Wind-Klan, die sanft zu
ihrer Tochter spricht,
174. wenn du den vielen Geschwistern Reis
gibst,
175. dann hast du mich eine vergessen,
oh.
176. Bleibe zurück, Dorfpforte,
177. Vater und Mutter haben mich
fortgeschickt in die Wehmut der Ferne, oh.
178.* Bleibe zurück, Kalkbrennerei,
179. Vater und Mutter haben mich
fortgeschickt in die Wehmut der Ferne, oh.
[Dialog mit ihrer Schwester:]
180. O Schwester vom Enggan Klan,
181. wenn du Betel bekommst,
182.* dann vergißt du unsere Eltern und
deine eine Schwester, oh.
183. Ich vergesse sie nicht,
184.* wie sollte ich sie vergessen
können?
185. Schweig, dir wird es gut ergehen, uns
allen wird es gut ergehen.
Anmerkungen
Abkürzungen
BL IV H.N. van der
Tuuk
,
Bataksch Leesboek IV, Taalkundige
aanteekeningen en bladwijzer, vertaalde stukken en inhoudsopgave tot
de drie stukken van het Bataksche Leesboek, Vierde Stuk.
Amsterdam:Frederik Muller 1862. S.32-34 [Anmerkungen Van der
Tuuk
s zu der in BL II, S. 216ff. publizierten
Klage. Die von Van der Tuuk
in batakscher
Schrift gesetzten Wörter habe ich in Apostrophe gesetzt].
VdT H.N. van der Tuuk
,
Bataksch-Nederduitsch Woordenboek. Amsterdam:Frederik Muller
1861.
a.M. [Angkola-] Mandailingsches
andung-Wort (von VdT gebrauchte Abkürzung)
M. [Angkola-] Mandailingsch (von VdT
gebrauchte Abkürzung)
2 Übersetzung in BL IV : "uwe dochter
vader! is niet in staat al hare ellende binnen te houden (te
verkroppen)!"
3 Übersetzung in BL IV: "gij mijne
ouders brengt uwe dochter wreedelijk in 't verderf bij den rijke.
Men denke hierbij aan de gewoonte der Bataks, soms hunne dochters om
de wille van 't geld aan vreemdelingen uit te huwen.
3 na duma bulung, wörtlich: 'das
reiche Blatt' ist das andung-Wort für na duma 'der
Reiche'.
4 Der Vater redet hier seine Tochter mit
inang 'Mutter' an.
5 halai = halak i 'dieser Mensch =
er'
6 kamu = hamu (vgl. Z. 12)
7 BL IV: "'omas sigumorsing' ('t geel
uitziende goud) is het andung-woord voor goud en geld
beiden; 'omas' is eigentlijk Tobasch (daar men in 't Mandailingsch
sere zegt), en wordt in 't Mandailingsch alleen in versierde taal
gebezigd; 'agonan' is hier verbum, en beteekent met't voorzetsel 'di'
iets liever hebben."
7 simanare ni damang
(andung-Wort, siehe untenstehende Liste sowie Anm. zu Z.
30)
10 kosom = hosom (vgl. Z. 12)
11 VdT: "tulak, humatulakkon (dihatulakkon)
iemand van huis zenden als die hun dochter voor geld naar een
afgelegen land uithuwen (a.M.)."
12 VdT: "bagi = agia (M.)" agia aha,
agiaha irgend etwas; ndang agia aha nicht das
mindeste.
13 VdT: "dulaha = laga; na dulaha morpayogon
die gretig eet (a.M.)."
18 BL IV: "'perper ni sanggul'
(de
opzigtelijkheid van de haarwrong) is figuurlijk voor
brooddronkenheid, overmoed, kwasterigheid. In't Tobasche wordt
ook een vijand in de
tabas altijd
beschreven als een hoofdwrong (bulang-bulang) te hebben, die zich
opzigtelijk hoog voordoet (jumanggal-junggal) om dien's overmoed te
doen uitkomen."
22 ihit ist ein Onomatopoetikon,
welches die schluchzenden Geräusche der Klagenden nachahmt. Die
Übersetzung 'ach' ist etwas schwach.
23 VdT ditinggang lidung (a.M.) =
hona hata ‘beschimpft werden’, wörtlich:
’mit Worten beworfen werden’
30-31 Sie wirft dem Vater vor, er handele aus
Geldgier. Wenn er Reis erhalten hat (hier zu verstehen als
'wohlhabend geworden sein durch den Brautpreis
ihres Mannes'), wird er ihr Schicksal vergessen.
30 BL IV: "'simangido' beteekent in de
andung-taal even als 'simanare' ligchaam, maar dit
laatste dient meer om met de voornaamwoordelijke aanhechtsels
andung-voornaamwoorden te maken (b.v. uw ligchaam =
gij), terwijl 't eerste meer op stoffelij ligchaam wordt
toegepast; mischien zoude men 'simanare' het best door
persoonlijkheid kunnen wedergeven."
Die Bedeutung von simangido ist auch
tangan 'Hand'. Es kann hier also ebensogut heißen: "Wenn
deine Hände Reis empfangen haben..."
31 mansada bulung 'das einzige Blatt'
ist ein andung-Wort mit der Bedeutung 'einziges Kind'. Aus
dieser Klage geht deutlich hervor, daß sie Geschwister hat.
Mansada bulung ist daher mehr als ein Ausdruck des
Gefühls der Verlassenheit zu werten.
36 BL IV: "'aranan' is 't zelfde als 'agonan'
en is eigentlijk een comparative vorm van 'ra' (waarvan ook een
nevenform 'ara') willen, zoodat 't eigentlijk meer
willende beteekent, en van daar liever, enz."
37 BL IV: "'mardabu-dabuhon
(dipardabudabuhon)' beteekent: iets als 't ware tot aanleiding
maken van te vervloeken d.i. iets te verwijten hebben; men
vertale: wat toch zou mijn broeder zijn zuster te verwijten
hebben, dat hij 't over zijn hart verkrijgen kan, zijn zuster naar de
woning van den rijke weg te stooten (te zenden)."
48 BL IV: "hier moet 'di bayomu' moeten
gelezen worden, daar anders 'marsude' zeer duister is."
64 BL IV: "'siaginon paralangan' (letterlijk
onzekere ziekte) is een andung-woord voor
weemoed waaran men in de vreemde lijdt."
67 tarpasurung tarpalobi, ein in den
andung beliebter Pleonasmus mit der Bedeutung 'überaus,
allzuviel'. Die Bedeutung von siriaon ist 'froh, Freude' und
auch andung-Wort für na martata 'der Lachende'
(Or.3410, S.233-236). Parsiriaon ni bayona kann also sowohl
'das Lachen seiner Schwester' als auch 'die Fröhlichkeit seiner
Schwester' sein.
Tartar tinggal ist ein Pleonasmus. Das
Haus wird personifiziert aufgefasst, wie aus ho 'du'
ersichtlich: 'Bleib du zurück, Haus'. Im weiteren ebenso
(Z.99 usw.).
71 ibot ni dainang 'Mutters Bruder'
ist das andung-Wort für tulang 'Mutterbruder'.
Datulang, vgl. dainang (von inang) und
damang (von amang). Da ist ein Präfix, das
gelegentlich vor Verwandtschaftsbezeichnungen gesetzt wird.
85 Vgl. Anmerkung zu Zeile 44; marangin
sipurpuron ist das andung-Wort für mangolu
'leben'; marangin sipurpuron na mansada bulung au 'ich
lebe', die Verbindung zu dem ersten Teil dieses Satzes ist mir nicht
klar.
99 parmanyaman ist lexikographisch
nicht nachweisbar, es scheint sich um ein bislang nicht
nachgewiesenes andung-Wort für alaman zu
handeln.
101 BL IV: "'marlidungkon na so lidung
(zeggen wat geen zegen is) is een andung-woord voor
op een barsche wijze spreken van iemand die verstoord is."
118 porlak parsanggulan ist ein
Garten, wo wohlriechende Pflanzen angebaut werden, die im Haar
getragen werden.
122 Enggan ist ein Beiname des in
Angkola heimischen Siregar Klans. Bujing na i manyapo habe ich
nicht übersetzt, es heißt etwa "Mädchen, das
anspricht" (sapo, manyapo, vgl. Mal. sapa).
123 BL IV: "'siadosan' is hier vocativus:
zoo gij zuster! betel krijgt (of nuttigt), dan zult ge uwe
ééne zuster (mij) mischien vergeeten." Ich habe
mich bei meiner Übersetzung an Van der
Tuuk
s Vorgabe gehalten, obschon seine
Übersetzung gewiss nicht korrekt ist
. Ibot ist das
andung-Wort für
iboto, welches die Bedeutung hat
'Geschwister(teil) vom anderen Geschlecht', also Schwester einer
männlichen und Bruder einer weiblichen Person.
-ta
(ibot-ta) ist Personalsufix für die 1. Person Plural.
Ibotta na mansada bulung müßte hier also
übersetzt werden 'unser einer Bruder'.
Siadosan ist
andung-Wort für
haha 'älterer Bruder,
ältere Schwester' und
anggi 'jüngerer Bruder,
jüngere Schwester',
siadosan leitet sich ab von
dos 'gleich', so daß
siadosan stets das
gleichgeschlechtliche Geschwisterteil ist, also Bruder einer
männlichen, und Schwester einer weiblichen Person. Van der
Tuuk
hat
ibotta wissentlich "falsch"
übersetzt, denn seine Übersetzung drückt das aus, was
der Text meint; unklar bleibt, warum
ibot anstelle von
siadosan verwendet wurde.
Ibotta bezieht sich sicher
auf die Icherzählerin, das Personalsuffix der 1.Person Plural
-ta übersetzt Van der Tuuk
mit der
2. Person Singular. Dies ist korrekt, da es in der gehobenen Sprache
üblich ist die 1. und 2. Person Singular (mein, dein) durch die
1. Person Plural (unser) wiederzugeben. "Wie geht es unserer Mutter?"
sagt man anstatt "Wie geht es deiner Mutter?". Man ist stets geneigt
den Gegensatz von "mein" und "dein" zu vermeiden und das gemeinsame
"unser" zu verwenden.
132 BL IV: "'gumete pangarohai' (kwellende
van gezindheid zijn), slaat hier op den afkeer die soms een pas
getrouwde vrouw jegens haren man koestert, en dezen noodzakt haar met
terugeisching van zijn geld aan de ouders terug te geven; van daar
dat zoo gij 't in uw hoofd krijgt onwillig te zijn, zou dan de
rijke onze ouders niet in slavernij doen verkeren? want de
ouders, zoo zij arme lieden zijn, hebben 't geld dat zij voor hun
dochter ontvangen hebben, hoog nodig, en raken dijkwijls, door dat
zij haar met terugbetaling van de koopprijs moeten terugnemen, diep
in de schulden, en zóó in slavernij."
133 BL IV: "lees 'inda po he'".
151 boru angin 'Frau vom Wind Klan'
werden die Frauen des Harahap-Klans genannt.
BL IV: "'na lambok marlidung' (die
zachtmoedig, of teeder spreekt), wordt in de
andung-taal di[j]kwijls van vriendlijk gezinde personen in 't
algemeen gebezigdt."
156 Die Mutter spricht ihre Tochter mit
inang 'Mutter' an.
178 Der aus Muschelschalen gewonnene Kalk
diente als Ingredienz des Betelpriems.
182 Vergleiche Anmerkung zu Zeile 123
184 BL IV: "'pola ma i lupa au di halani'
hoe zoude ik hen kunnen vergeten."
Die Erklärung, die in der Literatur
für den weit verbreiteten Brauch der Hochzeitsklage gegeben
wird, beinhaltet, daß sie nicht nur die normale Trauer der
Braut ausdrückt, die ihr Elternhaus verlassen muß, sondern
gleichermaßen Ausdruck sexueller Sittsamkeit und Keuschheit
ist. Der Grund für die Klage und den offen gezeigten Widerwillen
gegen den Ehemann liegt demnach im sexuellen Tabu, das Männer
und Frauen voneinander trennt und das mit der
Heirat
gebrochen wird. Haavio, der
feststellte, daß die von ihm untersuchten Klagen in keiner
Weise auf sexuelle Keuschheit Bezug nehmen, kommt zu dem
Schluß, daß sich die Hochzeitsklage ursprünglich an
einen verstorbenen Verwandten richtete, so daß die
Hochzeitsklage ebenso wie die Totenklage
ein
Mittel darstellte, um sich gegen den negativen Einfluß, der von
den Totengeistern ausgehen kann, zu schützen und um die Gunst
der Vorfahren zu werben (Haavio 1934). Beide Interpretationsmodelle
mögen durchaus in bestimmten Fällen zutreffen, doch die
bataksche Tradition der Hochzeitsklage bietet keinerlei Indizien, die
diese unterstützen könnten.
Nenola-Kallio
weist in
ihrer Studie über die Hochzeitsklagen der finno-ugrischen
Völker im Baltikum
und in
Rußland
darauf hin, daß die oben
genannten Erklärungen unbefriedigend seien. In ihrer Analyse,
die sich auf die Übergangsritentheorie Van
Genneps
stützt, sucht sie nach der
Funktion und Bedeutung der Hochzeitsklage. Sie kommt zu interessanten
Ergebnissen, die in vielerlei Hinsicht auch zur Erklärung der
batakschen Hochzeitsklage herangezogen werden können, wenngleich
bemerkt werden muß, daß die Materialbasis letzterer so
dürftig ist, daß jeder Vergleich nur mit
größter Vorsicht gezogen werden darf. Die finno-ugrischen
Hochzeitsklagen sieht sie als Medium zur Bewältigung der sich
wandelnden sozialen Beziehungen zwischen der Braut und ihrer
früheren Bezugsgruppe. Die Bewußtwerdung dieser neuen
sozialen Beziehung wird durch die gemeinsame emotionale Erfahrung
während des Vortrags der Klage gefördert. Zu gleicher Zeit
entladen sich die verschiedenen durch den Wandel der sozialen
Beziehung verursachten emotionalen Stadien, d.h. Trauer, Spannung,
Angst und Feindschaft, in der emotionalen Erfahrung. Der von der
Braut geforderte Ausdruck der Trauer macht ihr den Wandel
bewußt und bereitet sie psychologisch auf die in ihrem neuen
Leben geforderte Demut vor. Zu gleicher Zeit hat sie die Gelegenheit,
ihre durch die Scheidung von ihren Mädchenjahren verursachte
Trauer auszudrücken und Gefühlen des Abscheus und Hasses
Luft zu machen.
Nenola-Kallio
weist
auch darauf hin, daß die Hochzeitsklagen als Bestandteil einer
spezifisch weiblichen Kultur gesehen werden müssen. Obgleich
sozial untergeordnet, beherrschten Frauen
in
der von ihr untersuchten Gesellschaft Teile der religiösen und
sozialen Kultur als rituelle Experten insbesondere im Falle der
Übergangsriten, deren Ausführung weitgehend ihnen
überlassen war. Auch Holst-Warhaft
beobachtet, daß im ländlichen Griechenland, wo Frauen
weitgehend vom öffentlichen Leben ausgeschlossen sind, es doch
zwei Gebiete gibt, an denen sie dominieren: im Haus und am Grab als
Spezialistinnen der Totenklage
.
In der Literatur wird die Stellung der
batakschen Frau
zumeist als unterdrücktes
Arbeitstier ohne Rechte beschrieben. Wenngleich dies sicherlich stark
übertrieben ist, so muß doch festgestellt werden,
daß der batakschen Frau der Zugang zu existentiellen Ressourcen
der Produktion und Reproduktion, das Recht auf Land und das Recht auf
ihre Kinder verwehrt war. Während die Männer einem Klan
(
marga) angehören, werden die Frauen als
boru
(Frauen) der
marga bezeichnet. Mit der
Heirat
verliert die bataksche Frau zwar nicht
ihre ursprüngliche Klanzugehörigkeit, aber sie ist an die
marga ihres Mannes gebunden ohne jedoch mit dieser völlig
verbunden zu sein. Die Heirat stellt ein komplexes Ritual dar, in
welchem durch mannigfaltige Gaben und Gegengaben die neugeschaffenen
sozialen Beziehungen zwischen Brautnehmern und Brautgebern etabliert
werden. In vielen Fällen werden nicht nur neue Beziehungen
geschaffen, sondern ältere bereits vorhandene perpetuiert. Dies
trifft vor allem dann zu, wenn es sich um eine Heirat zwischen
Kreuzbase
n handelt. Diese Form der Heirat wird
als ideal angesehen, da in dieser bereits bestehende Beziehungen
zwischen zwei sozialen Gruppen weiter vertieft werden. Auch heute
besteht manchmal noch ein beträchtlicher sozialer Druck, um
diese Idealheirat durchzusetzen. Früher wurden die Partner
oftmals von den Eltern bestimmt und es kam vor, daß sich die
Eheleute erst am Tag ihrer Eheschließung zum ersten Mal
begegneten. Am schlimmsten betroffen waren die Töchter
ärmerer Familien. Evans-Pritchard
beobachtete, daß “in those societies where any section of
the population is in a servile position, the position of women is
corresponingly low with regard to the male sex and especially in the
married state” (Evans-Pritchard 1965:55). Während die
Batak im allgemeinen als ein egalitäres Volk beschrieben werden,
so trifft dies nur bedingt auf das südliche Batakland, und
insbesondere Mandailing, zu. Mandailing war von allen batakschen
Gesellschaften sozial am höchsten stratifiziert, und die
Sklaverei
war sehr viel weiter ausgebreitet
als etwa bei den Toba oder Karo, wo es in der Regel nur die Form
einer temporären Pfandknechtschaft
annahm. Dies mag erklären, weshalb die Hochzeitsklage nur im
südlichen Batakland verbreitet war. Hochzeitsklagen sind, soweit
mir bekannt ist, nur in Gesellschaften üblich, in der die Heirat
virilokal ist. In Toba und dem nördlichen Batakland war die
virilokale Heirat
zwar auch vorherrschend,
doch gab es auch Ausnahmen. Wenn die Familie eines Mannes nicht den
geforderten Brautpreis
aufbringen konnte, war
es dem Ehemann möglich, einen Teil des Brautpreises bei seinem
Schwiegervater abzuarbeiten. Mir ist nicht bekannt, ob es eine solche
Regelung auch bei den südlichen Batakvölkern gegeben
hat.
Wie die Totenklage
, so
kann auch die Hochzeitsklage als stereotyper Ausdruck der Trauer
gewertet werden. Es besteht ein traditionell vorgegebener Rahmen an
Motiven und Ausdrücken der Trauer und anderer Gefühle, so
daß der Klagenden nur wenig Raum für Improvisation selbst
in der Beschreibung ihres eigenen Geschicks bleibt. Die von
Marbun
und Hutapea
(1987:76ff) publizierte Hochzeitsklage ist der oben aufgeführten
in weiten Teilen sehr ähnlich. Auch dort handelt es sich um eine
Wechselklage, die sich an die Mutter, die Vaterschwester
und
den Mutterbruder richtet. Die Vorwürfe, die die Frau ihrer
Familie macht, gleichen sich: Ihrer Familie ist das Gold mehr wert
als deren Tochter, und sie möchte lieber sterben als in das Dorf
ihres Ehemannes ziehen. Ihre Verwandten trösten sie, man handele
nicht des Geldes wegen, sondern da es so Brauch der Menschen
(adat
ni hajolmaon)[54] sei. Diese Klage nimmt
allerdings einen etwas versöhnlicheren Verlauf, indem die Frau
am Schluß ihren Mutterbruder bittet, ihr ein Tuch zu geben,
welches ihr auch gewährt wird.
Die Tradition der Hochzeitsklage ist in
Angkola noch bekannt, wird aber nach Auskunft meiner Informanten nur
in ganz vereinzelten Fällen noch gepflegt. Der Heimatkundler
Sutan Tinggi Barani
,
Padangsidempuan
, veranstaltete im Jahre 1987
im Rahmen des
Pekan Lomba Seni ke IV einen
andung
Wettbewerb unter angkolaschen Oberschülerinnen. Bei den
vorgetragenen Klagen, von denen mir einige, allerdings z.T. kaum
lesbare Abschriften von Sutan Tinggi Barani
zur Verfügung gestellt wurden, handelt es sich
ausschließlich um Hochzeitsklagen
(andung ni boru na laho
langka marbagas). Auch bei diesen handelt es sich um
Wechselklagen, die sich zumeist an die Eltern und Geschwister
richten; die Themen gleichen weitgehend den oben genannten und einige
bildhafte Ausdrücke sind beinahe identisch:
Muda mangkuling ronggur sipadalung-dalung
boltok siubeon ni borumu ma dainang
na so marpanyogon silamoton
Hs. A 07:
167. Inang, muda mangkuling ronggur ni
sipadalung-dalung di guling mata ni ari
168. siubeon ni borumu ma i
169. na so tarandung payogon inang
Wie in der von Van der
Tuuk
überlieferten Klage, richten sich
auch diese nicht nur an Personen, sondern auch an vertraute Dinge wie
das Haus, die Haustür, die Treppe, das Schlafzimmer, den
Badeplatz, die Feuerholzhütte und den Gemüsegarten, von
denen Abschied genommen wird.
Trotz des stereotypen Ausdrucks der Trauer
und des allgemein formelhaften Charakters dieser Klagen, scheint es
mir unangebracht, die Aufrichtigkeit der Äußerungen zu
bezweifeln. Die Klagen offenbaren vielmehr die soziale Stellung der
Frau
, insbesondere in den ärmeren
Schichten im vor- und frühkolonialen südlichen
Batakland.
In der von Van der
Tuuk
publizierten Klage ist eines der
zentralen Themen die Furcht der Familie der Braut, durch deren
Verhalten (sollte sie ihrem künftigen Ehemann gegenüber
unwillig sein) in die Sklaverei
getrieben zu
werden. Die Schwester der Braut antwortet ihr:
131. O Schwester vom Enggan Klan, verachte
unsere Eltern nicht.
132. Wenn du unwillig sein solltest,
133. werden dann nicht unsere Eltern von dem
Reichen zu Sklaven gemacht werden?
Obschon in dieser Klage nicht erwähnt,
läßt diese ‘Unwilligkeit’ an das Verb
mahilolong denken, von dem Van der Tuuk
folgende Übersetzung gibt: “Een onoverwinnelijken afkeer
hebben tegen zijn vrouw, van een man; tegen haren man van een vrouw;
mahilolonghon, tegen iemand in de minnehandel een
onoverwinnelijken afkeer hebben door zich met haar of hem niet
vleeschelijk te willen vereenigen” (Tuuk 1861a:481).
Warneck
fügt dem
hinzu: “Kommt es dann zur Scheidung, dann (...) muß der
doppelte Brautschatz zurückgezahlt werden” (Warneck
1906).
Der Brautpreis
wird in der Klage metaphorisch mit dem
andung-Wort
omas
sigumorsing 'das gelbe Gold' umschrieben. Der Bräutigam
wird
na duma bulung ‘der reich an Blättern
ist’, das
andung-Wort für ‘der Reiche’,
genannt. Im Falle, daß die Ehe nicht vollzogen wird, hat der
Ehemann das Recht, die Heirat
unter
Rückforderung des doppelten Brautpreises rückgängig zu
machen. Da, wie in dieser Klage erwähnt, die Familie der Braut
arm, die des Bräutigams aber reich ist (und daher einen
entsprechend hohen Brautpreis zu entrichten hat), ist zu vermuten,
daß die Familie der Braut dieses Geld dringend nötig hat
(z.B. um Schulden zu tilgen) und daher nicht in der Lage sein wird,
den bereits erhaltenen Brautprei
s
zurückzuzahlen. In diesem Fall hat die Familie des
Bräutigams das Recht, die Familie der Braut in
Pfandknechtschaft
zu nehmen. Vor diesem
Hintergrund erscheint das Angebot ihres Vaters, sie dürfe
heimkehren, wenn ihr Ehemann ihr zürnt, als leere Phrase. Sie
sieht ihr zukünftiges Leben als Fremde in einer feindlich
gesinnten Umgebung und den Tod als einzige Alternative. In einer
anderen Klage heißt es:
Songon mata ni sitoyuhon ma simalolong ni
boyumu
tumagon ma inang nian sirang marobur sian
dainang
unang disirang sihumisik ni halak na mauli
bulung
Wie die Augen eines Hundes sind die Augen
deiner Tochter
lieber möchte ich durch den Tod von dir
scheiden, Mutter,
als geschieden zu werden durch das Geld des
reichen
Menschen
Marbun und
Hutapea
1987:77
3.2 Die andung-Terminologie
Charakteristisch für die orale wie
schriftliche Tradition der Toba, Angkola und Mandailing ist der
Gebrauch einer metaphorischen Klageliedterminologie (
hata
andung), die etwa 500 Wörter
umfaßt. Legenden über den Ursprung der
hata
andung sind weit verbreitet. Obschon diese
häufig beträchtlich voneinander abweichen, ist der Kern der
Legende doch stets derselbe. Ein junger Mann kann die von ihm
umworbene Frau erst bekommen, wenn er die Aufgabe gelöst hat,
Ersatzwörter für eine Anzahl alltagssprachlicher
Ausdrücke zu finden. Eine Variante dieser Legende findet sich
als Episode in der Legende um die Entstehung des Zauberstabs
(
tunggal panaluan), wie sie von Loembantobing (1920)
publiziert wurde. Da diese
turi-turian
bislang unübersetzt blieb, lasse ich hier eine Zusammenfassung
des Textes folgen, insoweit er für unser Thema relevant ist:
Pambarbar na Sumurung ist schon lange
verheiratet, aber seine Frau gebiert ihm keine Kinder. Ein
datu, den er um Rat fragt,
erklärt, seine Kinderlosigkeit werde durch sein Medizinhorn
(
naga-naga) verursacht. Kindersegen würde sogleich
eintreten nachdem er sich ein neues gemacht hat. Pambarbar na
Sumurung geht in den Wald um Holz für ein neues Medizinhorn zu
suchen. Man erzählt, daß ein Baum von einzigartiger
Stärke im von Geistern bewohnten Wald
Rumbun Rea zu
finden sei. Nach einer Weile findet er den Baum, aber alle Versuche,
ihn zu fällen bleiben erfolglos. Nachdem er bitterlich über
sein Mißgeschick geweint hat, verrät ihm schließlich
ein Falke das Geheimnis. Er soll ein Zuckerrohrblatt als Axt, und
eine kleine Gurke als Hammer nehmen. So kann er den Baum fällen
und beginnen, eine anthropomorphe Gestalt zu schnitzen. Als er sie
aber ins Dorf bringen will, läßt sie sich nicht aufheben.
Wieder weint er bitterlich und der Falke tröstet ihn:
“Weine nicht, du wirst berühmt werden”. So kehrt er
unverrichteter Dinge ins Dorf zurück.
Drei Marktgänger sehen auf ihrem Weg die
Statue und sind von ihrer Schönheit entzückt. Sie kleiden
sie mit den Tüchern, die sie zum Markt bringen wollten, und
schmücken sie. Als sie schließlich weiterziehen wollen,
lassen sich die Kleider nicht mehr entfernen. Traurig kehren sie in
ihr Dorf zurück.
Der Magier Datu na Sumurung hört von der
Geschichte, läßt seine Sklaven seine gesamten Zaubermittel
in den Wald bringen und erweckt das Bild zum Leben. Sie stellt sich
ihm vor als seine Tochter mit dem Namen Si Boru Jongjong Anian Si
Boru Tibal Tudosan. Zusammen kehren sie ins Dorf zurück und ein
großes Fest wird gefeiert. Datu Sumurung repariert sein
pantangan (ein von den
datu
benutztes Gebäude, in dem sie ihre
pustaha aufbewahren), wo er seine neue
Tochter weben läßt. Die Schlaglade ihres Webstuhls macht
solch ein donnerndes Geläut, daß es die jungen
Fürsten (
situan raja doli) magisch anzieht. Im Dorf
angekommen, sind sie sprachlos von ihrer Schönheit, doch keiner
kann ihre Gunst gewinnen.
Der berühmte Magier Guru Satia Bulan
hört von Si Boru Jongjong Anian Si Boru Tibal Tudosan und macht
sich auf ins Dorf von Datu Sumurung. Nach einigen Schwierigkeiten,
die er aber durch seine Zauberkunst zur Verwunderung Datu Sumurungs
und seiner Tochter löst, wird er von ihr auf ihre
pantangan eingeladen. Guru Satia Bulan weist die Einladung
allerdings mit der Ausrede, daß er noch Wichtiges zu erledigen
habe, ab, als er sieht daß die Treppe scharf wie ein
Schermesser ist.
Guru Satia Bulan vertieft sich ins Studium
der Magie, und mit neuen Zaubermitteln kehrt er ins Dorf von Datu
Sumurung zurück. Auf dem Weg sucht er Schutz vor dem Regen in
einer Höhle, die sich aber als Rachen einer Schlange
herausstellt. Er wird von der Schlange verschluckt. Als er aber in
ihr Herz stechen will, unterwirft sich die Schlange und verspricht
ihm ihren Schwanz. Mit der Hilfe des Schlangenschwanzes gelingt es
ihm, die Wächter des Dorfes - einen Hund, eine Schlange, einen
Bär und einen Tiger - zu besänftigen und auf die
pantangan der Si Boru Jongjong Anian Si Boru Tibal Tudosan zu
steigen.
Schließlich hält er um ihre Hand
an und bezahlt einen zauberhaften Braupreis: Aus Tierhaaren, die er
in einem Bambusgefäß gesammelt hat, zaubert er Herden von
Büffeln, Rindern und Pferden. Als der Brautschatz
überreicht war, stellt ihm Datu na Sumurung eine Bedingung, die
er erfüllen muß, bevor er seine Tochter bekommt. Er
muß Ersatzwörter für die Namen aller
Körperteile, Verwandtschaftsbezeichnungen, als auch für
Tuch, Jacke, Gold, Geld, Reis, Salz, Wasser und alle Namen des
Hausrats finden.
Guru Satia Bulan kehrte heim und weint
bitterlich da er nicht weiß wie er die Forderungen seines
künftigen Schwiegervaters erfüllen soll. Eine alte Frau
spricht ihn an und er erzählt ihr die Geschichte. Ich
möchte lieber sterben als sie nicht zu meiner Frau zu bekommen,
sagt er. Sie fragt ihn welche Worte es seien, die er nicht
aussprechen dürfe. Er antwortet, Kopf, Auge, Büffel, Pferd,
Gold, Schwein, Kanu und viele andere Wörter. Weine nicht,
spricht, sie, es ist doch ganz einfach. Wenn du nicht
‘Kopf’ sagen darfst, sage
simanjujung ‘den
ich trage’, das Auge nenne
simalolong. So lehrt sie ihm
alle Wörter, die seitdem als
hata
andung bekannt sind. Sein Schwiegervater
in spe stellt ihm noch zwei weitere Aufgaben, die er, auch wieder mit
der Hilfe der alten Frau, lösen kann, so daß er
schließlich mit seiner neuen Frau in sein Dorf ziehen kann.
Interessant ist an dieser Geschichte,
daß Guru Satia Bulan, der die Attribute trägt “der
Schlagfertige, der Redegewandte, der Gelehrte, der Wissende”,
der jedes Hindernis durch die Kraft seines Zaubers überkommen
kann, in Tränen ausbricht und hilflos ist, als er von seinem
Schwiegervater seine Aufgaben bekommt. Es ist eine alte Frau, deren
Namen nicht einmal erwähnt wird, die ihm zur Hilfe kommen
muß. Die Autoritäten in der
Klageliedsprache
und im Vortrag der
Klagelieder sind nicht die
datu oder
andere männliche Spezialisten, sondern schlichte alte
Frauen
.
Es gibt in den Bataksprachen eine Anzahl von
Idiomen, die von Van der Tuuk
erstmals
beschrieben wurden. Er unterscheidet folgende
taalsorten:
1.
hata
andung, das
Klageliedidiom,
2.
hata poda,
das von den
guru in den
pustaha gebrauchte Idiom,
3.
hata tabas,
das Idiom der
mantra,
4. hata ni begu siar, das Idiom der
von den Ahnengeistern (begu) besessenen Medien
(paniaran; von siar, niederkommen auf das Medium),
5.
hata pangaraksaon, das von den
guru bei der Anrufung der Geister
gebrauchte Idiom,
6. hata ni partodung, das Idiom der
Kampfersucher (partodung).
Die
hata poda
war als Grapholekt der
guru im ganzen
Batakland verbreitet. Van der Tuuk
(1971:xlvii) erwähnt, daß die
hata
andung bei den
Pakpak-Dairi
unbekannt war. An anderer Stelle
(1861b:vi) erwähnt er, daß die
hata begu siar auch
bei den Pakpak-Dairi in Gebrauch war. Er teilt jedoch nicht mit, wie
es sich mit den anderen Idiomen verhielt.
Hariara
erwähnt, daß die
hata
partodung in Pakpak-Dairi und Angkola bekannt war.
[55] Soweit mir bekannt ist,
hat es bei den Simalungun und Karo keine Idiome gegeben, die einen
spezifischen Namen tragen wie es bei den oben genannten der Fall
ist.
Es sind nicht nur die
guru und
Kampferholer
, die spezielle Termini für
ihre Gerätschaften und Gegenstände, mir denen sie in ihrer
Arbeit konfrontiert sind, kennen, sondern dies trifft für
Spezialisten im allgemeinen zu. Die Spezialisten, zu denen neben
guru und Musikern auch die
pandé (Hausbauer,
Schmied und Silberschmied) gehörten, bildeten in der batakschen
Gesellschaft einen eigenen Stand, der bei den Karo
si
erjabat-jabaten genannt wird (die beiden anderen "Stände"
sind die
raja und die
ginemgem 'Untertanen'). In der
Regel wird der Beruf vom Vater an die Söhne weitergegeben. Ihre
Arbeit ist göttlichen Ursprungs und daher weitgehend
ritualisiert mit eigenen Regeln, Opfern, Tabus und magischen Formeln
(Neumann 1903:115; Voorhoeve 1975:44).
Neumann
(op.cit. 17f.) und Joustra
(1902b:4)
erwähnen einige Beispiele dieser Fachsprachen, die zeigen,
daß diese Termini ebenso gebildet werden, wie es in der
hata
pangaraksaon der Fall ist.
Hariara
(1987)
faßt die Idiome 1 - 5 unter dem Begriff
hata hadatuon
'Sprache der
datu' zusammen, ebenso verfährt
Sarumpaet
(1982). Er beschreibt diese
vornehmlich aus Substantiven bestehende
"medico-magic
language" wie folgt:
Personification is the main characteristic of
this linguistic variety. Since inanimate objects and non-humans are
believed to have spirits, they are entitled to the respect that
distinguished human beings normally enjoy. Thus, rather than calling
an object in a direct manner by its common name in the standard
language, the datu
uses an appellation or
title in the form of a descriptive phrase. [...] The vocabulary can
be divided into eleven groups, nine of them using a personifier or
honorific: (1) si
he one who; he who; the one called; (2) boru
Miss; (3) nan or nai
mother of; (4) deang or dayang
young maiden; (5) putri
Princess; (6) naga
lord
mythical serpent; (7) tuan
lord; master; (8) aji
hero;
knight; lord; (9) raja
King; lord; (10) terms without
honorific; and (11) non-substantives. (op.cit. 37)
Sarumpaet
s
vornehmliche Quelle ist Hariara
s
Hata Batak
Maninggoring. Die mit Abstand wichtigste Quelle, nämlich Van
der Tuuk
s Wörterbuch, hat er jedoch nicht
zu Rate gezogen. Van der Tuuk
hat seine
Informanten umfangreiche Wortlisten der verschiedenen Idiome
anfertigen lassen, die sich heute in der Universitätsbibliothek
Leiden befinden und von Voorhoeve
(1977:148-150; 166f; 187f.) inventarisiert wurden. Einen Teil dieses
Materials hat Van der Tuuk
in sein
Wörterbuch aufgenommen. Sarumpaet
s
Beschreibung der
"medico-magic language" trifft insbesondere
auf die
hata pangaraksaon zu (vgl. Tuuk
1971:xlix).
[56] In der
hata begu
siar hingegen werden Personifizierungen ausschließlich mit
dem Personalpräfix
si- gebildet.
Sarumpaet
erwähnt auch nicht, daß
es sich bei den Wörtern der
hata begu siar vornehmlich um
Lehnwörter aus dem Malaiisch
en handelt.
In einer Wörterliste des Pakpak-Dairi
Dialekts (Or. 3410 f.21-25) zählte ich zehn Wortbildungen mit
si-, 16 Malaiismen und acht andere
Wortbildungen.
[57] Lehnwörter
aus dem Malaiische
n kommen auch in der
hata
poda und
hata
tabas häufig vor. Auch in dem von
Neumann
(1905) publizierten
tabas der
Karo kommen zahlreiche Malaiismen vor.
Hauptmerkmal aller oben aufgeführter
Idiome der
guru,
Kampferholer
und Medien, aber auch der
fachspezifischen Termini der anderen Spezialisten ist die
Personifizierung von Gegenständen, die im Zusammenhang mit der
Arbeit (=Ritual) eines Spezialisten stehen. Die Personifizierung ist
sicher aus dem Bedürfnis entstanden, Gegenstände, die
beseelt gedacht sind, respektvoll zu bezeichnen, und jene geneigt zu
machen, sich dem Willen des Spezialisten zu unterwerfen. Bei den
meisten Termini handelt es sich also um Eigennamen, die, wie
Neumann
(1903:17, siehe Zitat weiter unten)
erwähnt, in Zusammenhang mit einer
turi-turian stehen und dort ihren
Ursprung haben. Der Gebrauch von Malaiismen, bei den Karo auch von
Tobaismen (Neumann 1903:17f), verleiht diesen Gegenständen eine
besondere Kraft
[58], und sie dienten
sicherlich auch dazu, das Ansehen der Spezialisten
(pandé)
zu erhöhen, denn sie waren die einzigen, die diese
beherrschten:
"Zonder van een bepaalde smidstaal te kunnen
spreken heeft de smid toch nog andere benamingen voor zijne
werktuigen dan de dagelijksch in gebruik zijnde. Aan wenigen, buiten
het vak staande, zijn deze namen bekend en de smid zelf is er zeer
geheimzinnig mede. Daar hier bijna alle gebruiken op verhalen
berusten, zijn deze namen stellig aan een verhaal ontleend en staan
zeker in onmiddelijk verband met het ijzer. Geen
pandé
wilde ze mij noemen in tegenwoordigheid zijner gereedschappen en dan
nog steeds met een zekeren schroom." (Neumann
1903:17)
Im Gegensatz zu den oben genannten
Fachjargons ist das Klageliedidiom an keine soziale Gruppe gebunden,
es handelt sich auch nicht um eine Geheimsprache, sondern die
Beherrschung dieses Idioms ist Voraussetzung, um einem Verwandten den
gebührenden Respekt am Totenbett erweisen zu können. Van
der Tuuk
(1971:XLVIII) charakterisiert die
andungtaal als
"[...] the language used by women wailing
over the corpse. It consists of elaborate expressions which are
sometimes archaic words and at other times circumscriptions which by
means of the prefix si acquire the form of a proper name,
e.g., simandjodjak - The One That Strides, instead of
pat - leg. In Mandailing especially, texts are composed in
andung in which the writer bemoans his unhappy fate, accuses
his parents of cruelty as they did not want to take him with them to
the other world, and so on. In stories generous use is made of
andung words."
Die
hata andung
ist nur in der südlichen Dialektgruppe der Bataksprachen,
nämlich in Toba, Angkola und Mandailing bekannt. Van der
Tuuk
s Wörterbuch (Tuuk 1861a) ist eine
der wichtigsten Quellen für das
andung-Vokabular. Er
macht
andung-Wörter kenntlich durch "(a[ndung].)" und
"(a[ndung].M[andailing].)", wobei er auch
andung-Wörter
aus Angkola als "(a.M.)" kennzeichnet. Der Vergleich mit
Warneck
s Wörterbuch (1977) zeigt,
daß zahlreiche der von Van der Tuuk
als
(angkola)-mandailingsch bezeichneten Termini auch in Toba bekannt
sind. Es gibt nur recht wenige
andung-Wörter, die in
Angkola und Mandailing, nicht aber in Toba bekannt sind (und
wahrscheinlich auch umgekehrt). Man kann daher sagen, daß es
sich bei der
hata andung um eine
Sprachvariante handelt, der in der ganzen südlichen
Dialektgruppe mit nur geringen regionalen Abweichungen verbreitet
war.
Einige wenige
andung-Wörter, die
Körperteile
bezeichnen, werden auch in der gehobenen,
formellen Sprache bei feierlichen Gelegenheiten und gegenüber
Personen, denen man Respekt zollt, gebraucht
[59]. Marcks nennt diese Sprachvariante daher
"Häuptlingssprache", ein Begriff, der eher irreführend ist,
wie er selbst feststellt:
"Von einer besonderen Sprache, die man den
Häuptlingen gegenüber brauchen m u ß, kann
man bei den Tobabatak nicht wohl reden. [...] Allerdings vermied man
die Worte des gewöhnlichen Lebens gerne, wenn man ihnen
sonderlich 'zur Kehr gehen' wollte, etwas von ihnen getan, besorgt
haben wollte; man brauchte dann für die gewöhnlichen Worte
Umschreibungen."
[60] (Marcks
1930:132)
Jeder Tote wird unabhängig von seiner
sozialen Stellung mit einem Klagelied beweint, und die oben
erwähnten andung-Wörter für Körperteile
werden in der formellen Sprache nicht nur gegenüber sozial
höher stehenden Personen, sondern auch gegenüber den
eigenen Eltern, Großeltern, Schwiegereltern und Brautgebern
gebraucht.
Van der Tuuk
hat seine
Informanten Listen mit
andung-Wörtern anfertigen lassen,
die sich heute in der Universitätsbibliothek Leiden befinden
(Or. 3410 S.233-236; Or. 3402 S.21-23; Or. 3404 S.1-3).
In Or. 3402 sind die
andung-Wörter nach Sachgebieten geordnet:
1. Portuturan ni halak
(Verwandschaftstermini)
2. Pamatang (Körperteile)
3. Porhohas ni jolma / suan-suanan
(Gerätschaften und Pflanzen)
Tatsächlich lassen sich die meisten
andung-Wörter einem dieser drei Sachgebiete
zuordnen
[61].
Verwandtschaftstermini gibt es äußerst viele: Der Vater
ist 'der Pflanzende', die Mutter 'die Gebärende', der
Großvater wird 'der zu Verehrende' und der Bruder 'der Gleiche'
genannt. Während
andung-Wörter im allgemeinen einen
Begriff umschreiben, werden Verwandtschaftstermini dagegen vielfach
konkretisiert: Der
nantulang wird
ibot ni dainang
'Mutterbruder', der Vaterbruder
siadosan ni damang
'Vaterbruder' genannt. In den
andung werden nicht nur
Verwandtschaftstermini, sondern überhaupt alle Wörter, die
Menschen benennen, vermieden und durch
andung-Wörter
ersetzt.
Simanjujung, das
andung-Wort für 'Kopf',
wird als Hilfszählwort für Personen gebraucht:
na dua
simanjujung i = na dua halak i 'diese zwei Leute'.
Auch Personalpronomen werden durch
andung-Wörter ersetzt:
simanarengku 'ich, mein',
simanaremu 'du, dein' etc.
Personen werden auch häufig mit
bulung 'Blatt'
umschrieben: Ein Reicher wird
na mauli bulung, 'ein
schönes Blatt', die Familienältesten werden
punsunan ni
bulung 'Blattspitze' und Jugendliche werden
na poso bulung
'junges Blatt' genannt. Welches Denkmodell sich hinter diesen Termini
verbirgt, ist nicht einfach zu erklären. Eine wichtige Rolle
spielt sicher das Bedürfnis, die in den
andung genannten
Personen respektvoll anzureden. Im Zusammenhang mit dem
Totenritua
l ist es besonders notwendig, einen
verstorbenen Verwandten nicht nur durch ein aufwendiges Totenfest und
die Gabe von Opfern zu ehren, sondern auch und insbesondere durch das
Wort, welches an sich schon eine Art Opfer darstellt:
"It is regarded as most important to utter
the right word in the right place at the right time. Hata i do
pardebataon
The quality of worship is in the utterance says
one proverb, underlining the supreme importance of propriety in
speech and of precise code-switching. Another well-known proverb says
that Pantun
do hangoluan, tois do hamogoan
Politeness brings life, whereas bad behaviour and bad manners are
destruction." (Sarumpaet 1982:27)
Dies ist aber sicherlich nur ein Aspekt. Von
Informanten wurde mir mitgeteilt, daß die
andung-Terminologie auch dazu dient, unheilbringende Geister,
die insbesondere bei Totenritual
en anwesend
sind, in die Irre zu führen.
[62]
Dies würde erklären, weshalb es gerade für
Verwandtschaftstermini und Personenbezeichnungen so viele
andung-Wörter gibt.
Die Nennung von Körperteilen ist in der
batakschen Gesellschaft weitgehend tabuisiert. Die Nennung des Kopfes
sowie seiner Sinnesorgane gilt, zumindest einer respektierten Person
gegenüber, als unhöflich, das Berühren des Kopfes ist
tabuisiert. Das Haupt ist Symbol des Reinen, die Füße des
Unreinen. Die andung-Wörter, die Körperteile
betreffen, sind sicherlich aus dem Bedürfnis entstanden, einen
Ersatz für die tabuisierten Wörter zu schaffen.
Während Personen vielfach mit
bulung bezeichnet sind, werden Dinge, die am Körper
getragen werden in der
andung-Terminologie mit
saep
oder
sayop gebildet (siehe
Tabelle
5, ferner
saep ni sitimpulhon 'das Rauchende' =
isap 'Zigarette',
saep siteburon 'das lang
Herunterhängende' =
baju-baju 'Jacke' etc.).
Rindang ist ein weiterer begriffbildender Terminus. Nach Van
der Tuuk
(Tuuk 1861a) ist die Bedeutung
'Ding', es scheint sich aber vornehmlich um runde Dinge zu
handeln:
rindang sipagoon 'Reissack',
rindang
sirompuaon 'Ring um eine Reuse oder Tonne',
rindang
sililiton 'Messingarmband' usw.
In den beiden oben genannten
andung
der oralen Tradition und in dem weiter unten transliterierten und
übersetzten
andung der schriftlichen Tradition findet
sich eine Reihe von
andung-Wörtern, die ich in einer
Tabelle zusammengefaßt habe, die nur einen kleinen Teil des
andung-Vokabulars umfaßt, das nach meinen bisherigen
Erhebungen aus etwa 500 Wörtern und einer geringeren Anzahl von
komplexeren Wendungen und
Gleichnis
s
en besteht.
In Spalte 1 der untenstehenden Tabelle wird das
andung-Wort,
in Spalte 2 seine alltagssprachliche Entsprechung
(hata na somal)
und in Spalte 3 die Bedeutung des Wortes genannt. In Spalte 4
findet sich die Angabe, in welcher der in dieser Arbeit
übersetzten
andung das betreffende Wort zu finden ist
(a =
andung paragat von Ompu Hotma, b = UBL
Cod.Or. 3410, S.236-248; c = UBL Cod.Or. 3411,
S.187-93; d =
andung ni si doli von Ompu Tambok
Pangaribuan
e =
Marbun
und Hutapea
,
1987:16f.). In der zweiten, eingerückten Zeile habe ich das
andung-Wort unter Absetzung seiner Formanzien wiederholt, um
die morphologische Struktur der
andung-Wörter deutlich zu
machen und eine wörtliche Übersetzung des Begriffes
hinzugefügt. Eine hochgestellte "2" kennzeichnet die
Wortwiederholung.
Tabelle 5 Wörterverzeichnis
ausgewählter andung-Wörter
|
Hata andung
|
Hata na somal
|
Bedeutung
|
|
|
among na marsinuan
mar=s/=in=/uan
|
amang
|
Vater,
Vater, der pflanzt
|
a
|
|
ANDUNG
|
|
|
|
|
nipandungan
ni=pa=andung=an
|
dilehon
|
gegeben werden
beklagt werden
|
c
|
|
tarandung
tar=andung
|
(1) mangalehon
(2) dapot
|
(1) geben, (2) bekommen
beklagt
|
b
|
|
antaran na bidang
antar=an na bidang
|
alaman
|
Dorfplatz
das weit Ausgestreckte
|
a
|
|
BULUNG
|
|
|
|
|
mansada bulung
maN=sada bulung
|
|
das einzige Kind
das einzige Blatt
|
b
|
|
na duma bulung
|
na duma
|
der Reiche
der reich an Blättern
ist
|
b
|
|
na tua bulung
|
na tua
|
alt, der Alte
das alte Blatt
|
c
|
|
mauli bulung
|
gabe
|
reich
das schöne Blatt
|
c
|
|
dulaha
|
laga
|
gierig
|
b
|
|
dua tolu
|
torop
|
viel, die Vielen
zwei, drei
|
b c
|
|
gumayung-ayung
g/=um=/ayung-ayung
|
mangambe
|
mit den Armen schlenkernd laufen
hängen, aber nicht bis zum
Boden reichen
|
c
|
|
humatulakkon
h/=um=/a=tulak=hon
|
|
ausheiraten
fortschicken
|
b
|
|
hayu na so marbulung
hayu na so mar=bulung
|
bayangan
|
der Block
blattloses Holz
|
c
|
|
ibot
|
iboto
|
Schwester
|
b c
|
|
inang na mangintubu
maN/=in=/tubu
|
inang
|
Mutter
Mutter, die gebärt
|
a
|
|
na ipinuja (na pinuja)
p/=in=/uja
|
ibebere
|
Neffe, Nichte
|
c
|
|
jumampar jumarorap
j/=um=/ampar j/=um=/arorap
|
|
sich ohne Hoffnung fühlen
unordentlich, durcheinander
sein
|
c
|
|
lambok marlidung (marlilung)
mar=lidung
|
|
gutmütig, freundlich
sanft sprechen
|
c
|
|
lidung (lilung)
|
hata
|
Wort
|
|
|
lobang2 panareon
paN=tare=on
|
parhinamago
|
ein Elender
hingehaltene Lücke
|
a
|
|
malongas
ma=longas
|
mate
|
sterben
|
c
|
|
marangin sipurpuron
mar=angin=si=purpur=on
|
mangolu
|
leben
wehen
|
c
|
|
mardabu2 siluluton
mar=dabu2 si=lulut=on
|
|
fluchen
|
c
|
|
marlidung (marlilung)
mar=lidung
|
marhata
|
sprechen
|
b c
|
|
marobur
mar=robur
|
mate
|
sterben
schmelzen
|
b e
|
|
marpaiogon, Siehe paiogon
|
mangan
|
essen
|
d
|
|
marsiluluton
mar=si=lulut=on
|
tangis
|
weinen
|
c
|
|
marsiriaon
mar=si=ria=on
|
martata
|
lachen
fröhlich sein
|
a
|
|
marsuncang une
mar=suncang une
|
marbalik
|
zurückkehren
die Spur
zurückverfolgen
|
c
|
|
padang silungunon
si=lungun=on
|
hamamatean
|
der Tod, das Jenseits
Feld der Einsamkeit
|
c e
|
|
paiogon
|
eme, indahan
|
Reis
|
a b
|
|
papan na tumotap
t/=um=/otap
|
papan
|
Boden
festes Brett
|
d
|
|
parpidoan
par=pido=an
|
huta, bagas
|
Dorf, Haus
Platz der Einladung
|
b
|
|
parsimalolonghon
par=si=ma=lolong=hon
|
marnida
|
sehen
|
a
|
|
payogon
|
Siehe paiogon
|
|
|
|
pinaribot
p/=in=/ar=ibot
|
iboto
|
gegengeschlechtliches
Geschwisterteil
|
e
|
|
rindang sibalunon
si=balun=on
|
amak
|
Matte
das Aufgerollte
|
d
|
|
sayop ni sitipahon
ni si=tipak=on
|
abit
|
Kleidung
das Gewobene
|
b
|
|
sayop ni sipistuhon
ni si=pistuk=on
|
hajut, haronduk
|
Beteltasche
das Geflochtene
|
b
|
|
siadosan
si=ados=an
|
haha, anggi
|
Bruder, Schwester
das Gleiche
|
b c
|
|
siaginon
si=agin=on
|
(1) begu
(2) nyae
|
(1) Ahnengeist
(2) Krankheit, Schmerz
|
e
|
|
siaginon paralangan
par=alang=an
|
|
Wehmut
unsichere Krankheit
|
b
|
|
sibongkihon
si=bongkik=on
|
aek
|
Wasser
|
b
|
|
sigumorsing
si=g/=um=/orsing
|
omas, sere
|
Gold
das Glänzende
|
b
|
|
sihabornginan
si=ha=borngin=an
|
borngin
|
Nacht
|
d
|
|
sihumisik
si=h/=um=/isik
|
hepeng
|
Geld
das Klingende
|
a
|
|
siluluton
si=lulut=on
|
onso
|
Fluch
|
c e
|
|
silumimpang
si=l/=um=/impang
|
dalan
|
Weg
|
c
|
|
simalolong
si=ma=lolong
|
mata
|
Auge
|
a d
|
|
si=maN/tare
|
pamatang
|
Körper
das Hingehaltene
|
b c
|
|
simangarudok
si=maN/rudok
|
(1) bohi
(2) rungkung
(3) pamatang
|
(1) Angesicht, (2) Hals, (3)
Körper
|
d
|
|
simanghudap
si=maN/hudap
|
baba
|
Mund
der Schmatzende
|
d
|
|
simanggurak
si=maN/gurak
|
napuran
|
Betel
|
b
|
|
simangido
si=maN/ido
|
tangan
|
Hand, Arm
die Fordernde
|
b c e
|
|
simanginon
GW ?
|
tangan
|
Hand
|
a
|
|
simanjojak
si=maN/jojak
|
pat
|
Fuß, Bein
das Schreitende
|
c e
|
|
simanjujung
si=maN/jujung
|
ulu
|
Kopf
das
Auf-Dem-Kopf-Getragene
|
a c e
|
|
simarangin2
si=mar=angin2
|
alogo
|
Wind
das Wehende
|
c
|
|
simarhuruk
si=mar=huruk
|
manuk
|
Huhn
das Brütende
|
a
|
|
sinaiton
si=nait=on
|
hau, soban
|
Holz, Brennholz
das Flammende
|
c
|
|
sinuan beu
siN/suan beu
|
boru
|
Tochter
|
a e
|
|
sinuan tunas
s/=in=/uan tunas
|
anak
|
Sohn
der gepflanzte
Sprößling
|
a c e
|
|
sioparpidoan
[siehe parpidoan]
|
bagas
|
Haus
|
c
|
|
sipareon
|
pinggol, ilu
|
Ohr, Träne
|
b
|
|
sipurpuron
si=purpur=on
|
hosa
|
Atem
das Wehende
|
b c
|
|
siriaon
si=ria=on
|
na martata
|
der Lachende
der Fröhliche
|
a
|
|
sirumondop
|
udan
|
Regen
|
b
|
|
sisumbaon
si=sumba=on
|
(1) ompung,
(2) pahompung
|
(1) Großvater, (2) Enkel
|
a c
|
|
siteuhon
si=teuk=on
|
biang
|
Hund
|
a
|
|
sitombomon
si=tombom=on
|
pandudaan
|
(Reis-)Stampfplatz
das heftig Stoßende
|
c
|
|
situmalun
si=t/=um=/alun
|
tombak
|
Wald
das brach gelassene Land
|
b c
|
|
situmandok
si=t/=um=/andok
|
tano
|
Erde
das Niedrige
|
c e
|
|
situriak
si=turiak
|
(1) tata
(2) hata
|
(1) Gelächter; (2) Wort,
Gespräch
|
d
|
|
siubeon
si=ube=on
|
boltok
|
Bauch
dem Reis gegeben werden
muß[68]
|
b c e
|
|
siulubalang ari
si=ulubalang ari
|
(1) mata ni ari
(2) hajolmaon
|
(1) Sonne, Tag; (2) Menschheit,Welt
Vorfechter des Tages
|
e
|
|
talaga panduduran
paN/dudur=an
|
parhinamago
|
ein Elender
|
a
|
|
tonga ni hasaya
|
huta
|
Dorf
Mitte des Nützlichen
|
b
|
|
tonga ni lobangon
lobang=on
|
hauma
|
Reisfeld
Mitte der Saatlöcher
|
a
|
|
tumaria-taria
|
moga-oga
|
Freude haben
|
b c
|
Daneben finden sich noch einige
komplexe feststehende Wendungen:
tumorjak hayu na so marbulung
'blattloses Holz betreten' = tu bayangan = 'in den Block
geschlossen werden' (c)
t/=um=/orjak hayu na so mar=bulung
jumujur ak ni silumimpang dalan 'die
Mitte des Weges auswählen' = mordalan 'gehen' (b, c)
j/=um=/ujur ak ni si=l/=um=/impang
dalan
jumampar jumarorap jumojori sioparpidoan
ni na dua tolu 'nicht wissend, an wen man sich wenden kann, der
Reihe nach die Häuser der Vielen besuchen = aus
Verzweifelung um Essen bitten (c)
j/=um=/ampar-j/=um=/ajorap j/=um=/ojor=i
si=o=par=pido=an ni na dua tolu
tumantan simanjojak gumayung-ayung
simangindo 'mit hängenden Beinen und schlenkernden Armen'
(c)
t/=um=/antan si=maN/jojak
g/=um=/ayung-ayung si=maN/ido
na jongjong marangin sipurpuron 'der
mich lebend gemacht hat' = 'der mich erzeugte' (c)
na jongjong mar=angin si=purpur=on
na lambok marlidung oder na lambok
marlilung' der/die sanft Sprechende' = 'der/die stets gut zu mir
gewesen ist' (a,b,c)
na lambok mar=lidung
ditinggang lidung ni na dua tolu 'von
den Worten der Zwei, Drei, niedergeworfen werden' = hona hata ni
halak 'von den Leuten beschimpft werden' (b)
na aloat marlidung 'der/die fremd
Sprechende' = jau 'Malaie, allgemein auch: Fremder'
marlidung na so lidung 'Worte
sprechen, die keine sind' = 'unfreundlich sprechen' (b).
Wie obenstehender Tabelle zu entnehmen ist,
haben die meisten
andung-Termini neben ihrer
Bedeutung
als
andung-Wort eine Grundbedeutung, die zumeist eine
Umschreibung darstellt. Es gibt allerdings auch eine Anzahl von
andung-Wörtern, deren Grundwort nur als
andung-Terminus vorkommt (
lidung, payogon, siaginon,
siluluton, simalolong etc.). Es scheint sich bei diesen
Fällen um Archaismen zu handeln. Nur gelegentlich ist das
Grundwort, wenn auch nicht immer mit Sicherheit, zu
rekonstruieren.
[71]
Bei den
andung-Wörtern handelt es
sich vornehmlich um Substantive. Die meisten dieser werden durch das
Personalpräfix
si- gebildet, welches an das Stammwort
tritt. Diese Stammwörter wiederum sind meist Verben, die zumeist
mit den Verbalformanzien
mar-, maN-, -um und
-in-
gebildet sind. Durch das Personalpräfix
si- wird das
Stammwort personifiziert. Verben sind im Verhältnis zu den
substantivierten Formen weniger häufig vertreten. Sie werden
zumeist durch das Verbalpräfix
mar- gebildet:
mar=payogon 'Reis haben, zu essen
bekommen' mar=si=lulut=on
'weinen' (es handelt sich hier nicht um das Verbalpräfix
mar-si- ! Vgl. Tuuk (1971:141).
Eine besondere Art verbaler
andung-Wörter sind die, welche vom Grundwort
andung 'Klage' und lidung bzw. lilung 'Wort'
gebildet werden. Einige der Derivate vom GW andung sind in
obiger Tabelle angeführt. Das Verb mangandung 'klagen'
hat in der andung-Terminologie die Bedeutung mamunu
'töten' als auch mamasa 'lesen'; tarandung hat
auch noch die Bedeutung dapot 'können'. Vom GW
lidung gibt es die Derivate palilungan =
panganon 'Essen'; palilungkon = mangalehon
'geben' als auch mangan 'essen'.
Gelegentlich wird den
andung-Wörtern ihre alltagssprachliche Entsprechung
vorangestellt:
alogo simarangin-angin, harangan situmalun, hayu
sinaiton.
3.3 Die schriftliche Klageliedtradition in Angkola und Mandailing
Abgesehen von zwei Klageliedern, die Van der
Tuuk
(1861a) in batakscher Schrift, jedoch
ohne Transliteration und Übersetzung, publizierte, ist die
schriftliche Klageliedtradition der Angkola- und Mandailing bisher
nur in Wörterbucheinträgen und Katalogwerken vermerkt
worden.
1991-1992 hatte ich die Gelegenheit, den
Nachlaß Van der Tuuk
s in der
Universitätsbibliothek Leiden zu studieren. Auf Papierbogen im
Folio-Format hatte er seine Informanten Texte aus der oralen wie aus
der schriftlichen Tradition niederschreiben lassen. Insgesamt sind
zwölf
andung überliefert - eine kurze Beschreibung
dieser Hss. findet sich in Voorhoeve (1977:148ff.). Drei der
zwölf Hss. sind Niederschriften von Klagen der oralen Tradition,
die im vorigen Kapitel behandelt wurden, neun sind Abschriften von
Bambusmanuskripten (Hss. A 02-10). Vier weitere auf Bambusabschnitten
geschriebene
andung habe ich selbst transliteriert (Hss. A 01
und A 11-13):
Tabelle 6 Andung Hss.
|
Nr.
|
Museum
|
Inventar Nr.
|
|
Herkunft
|
|
A 01
|
Amsterdam, KIT
|
A 4155
|
|
?
|
|
A 02
|
Leiden, UB
|
Cod.Or.3409, S.118-117
|
|
Mandailing
|
|
A 03.
|
Leiden, UB
|
Cod.Or.3409, S.118-119
|
|
Angkola
|
|
A 04.
|
Leiden, UB
|
Cod.Or.3410, S.217-219
|
|
Angkola
|
|
A 05.
|
Leiden, UB
|
Cod.Or.3411, S.187-193
|
|
Mandailing
|
|
A 06.
|
Leiden, UB
|
Cod.Or.3411, S.195-198
|
=Cod.Or.3394
|
Mandailing
|
|
A 07.
|
Leiden, UB
|
Cod.Or.3411, S.199-204
|
|
Mandailing
|
|
A 08.
|
Leiden, UB
|
Cod.Or.3411, S.260-265
|
|
Mandailing
|
|
A 09.
|
Leiden, UB
|
Cod.Or.3421, S.101-105
|
|
Angkola
|
|
A 10.
|
Leiden, UB
|
Cod.Or.3422, S.117-126
|
Tuuk 1861:245ff.
|
Mandailing
|
|
A 11.
|
Leiden, MvV
|
370-2823
|
|
Angkola
|
|
A 12.
|
Leiden, MvV
|
370-2824
|
|
Angkola
|
|
A 13.
|
London, BM
|
7562
|
|
Mandailing
|
Van der Tuuk
hielt sich von 1852 bis 1857 im Batakland auf. Anzunehmen ist daher,
daß die Klagelieder seiner Sammlung wahrscheinlich aus den
fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts stammen. Nach
Voorhoeve
(1977:148ff) sind sechs der Hss. aus
der Sammlung Van der Tuuk
s mandailingschen,
und drei angkolaschen Ursprungs (siehe Tabelle). Hs. 05, die weiter
unten in vollem Wortlaut wiedergegeben ist, scheint von einem
Informanten Van der Tuuks zu stammen.
Voorhoeve
schreibt, daß “een der
Mandailingse leermeesters [Van der Tuuks] was afkomstig uit
Sulangaling
aan de Batang
Gadis
, maar het is ons niet gelukt uit te
finden, welke stukken hij precies geschreven heeft” (Voorhoeve
1927:9). Da Sulangaling in Hs. 05 erwähnt wird, halte ich es
für sehr wahrscheinlich, daß diese Hs. vom erwähnten
Lehrmeister verfaßt wurde.
Zu Hss. A 01 und 13 liegen keine Angaben
über den Sammler vor. Auch das Datum der Aufnahme in die
Museumssammlungen ist nicht bekannt. Hs. 13 ist, wie aus dem
Klannamen Nasution hervorgeht, von einem Mandailing geschrieben. Bei
Hs. 01 bin ich mir nicht sicher, aus welcher Region der Verfasser
stammt. Ich habe, abgesehen von geringen dialektischen
Sprachverschiedenheiten, keinen Unterschied zwischen andung
aus Angkola und Mandailing feststellen können.
Die Hss. A 11 und 12 stammen aus der
Sammlung, die für die Kolonialausstellung
(Koloniaale
Tentoonstelling) von 1883 zusammengetragen wurde, und sind
offensichtlich von einer Person geschrieben worden. Nach Angabe der
Karteikarte des Museums sollen die beiden Hss. aus dem Oberland von
Kota Pinang
stammen und von timur-batakscher
Schrift sein.
[72] Unter Cod.Or.
12605n befindet sich eine kurze Beschreibung der beiden Hss. durch P.
Voorhoeve
. Er vermutet, daß Kota
Pinang
am Panai Fluß in
Asahan
gemeint ist. Dies ist korrekt,
allerdings liegt Kota Pinang
im Kabupaten
Labuhan Batu
, nur wenige Kilometer vom
Kabupaten Asahan entfernt. Als Ursprungsort wird in den Hss. Huta
Sabungan am Sunge Kanan genannt. Der Kanan ist ein kleiner Fluß
im Kecamatan Langgapayung
, Kabupaten Labuhan
Batu
. Linguistisch und kulturell ist diese
Region angkolabataksch. Voorhoeve
vermutet
weiter, daß die beiden
andung von J.B.
Neumann
(Autor von: "Het Pane- en
Bila-stroomgebied" in TNAG 1886) für die Kolonialausstellung
gesammelt wurden.
[73]
Drei der von mit transliterierten
andung sind auf etwa einem Meter langen
Bambusrohren
von etwa fünf cm Durchmesser
niedergeschrieben, nur die Londoner Hs. (eine
Schreibübung
) ist mit etwa 30 cm
Länge wesentlich kleiner. Die Bambusstücke sind alle
unverziert. Liberty Manik
(1973:242) hat unter
den 500 von ihm transliterierten und katalogisierten Batakhss. nur
drei
andung gefunden. Eine dieser Hss. ist eine
Schreibübun
g und eine weitere ist beinahe
gänzlich unleserlich. Diese drei Hss. aus dem Berliner Museum
für Völkerkunde haben alle einen Durchmesser von etwa sechs
cm, zwei Hss. sind knapp einen Meter lang, die dritte ist über
zwei Meter lang. Auch diese Bambusrohre sind unverziert.
Wie die Originale der neun Hss. aus der
Sammlung Van der Tuuk
s ausgesehen haben, ist
nicht bekannt. Aus dem Text geht hervor, daß sie
ursprünglich auf Bambus geschrieben waren. Vier verschiedenen
Bambusarten werden genannt, am häufigsten
aor leman (5x).
Zweimal wird
aor tobol und jeweils einmal
aor riman und
aor duri genannt. Bei
aor leman und
aor riman
handelt es sich um zwei Namen für dieselbe Bambusart. In den
Hss. A 07 und 09 sowie A 06 und 10 ist im Text angegeben, daß
der Bambus aus fünf bzw. sieben Bambusabschnitten besteht. Es
ist anzunehmen, daß auch die anderen Hss. auf längeren
Bambusrohren von drei bis sieben Abschnitten geschrieben wurden. Die
Länge der Texte ist ein weiteres Indiz dafür, daß es
sich nicht um Hss. auf kurzen Bambusstücken
handelt.
[74]
Die beiden Hss. aus dem
Völkerkundemuseum in Leiden (Hss. 11 und 12) bestehen aus
fünf bzw. drei Abschnitten. Ihre Länge beträgt 168
bzw. 100 cm und der Durchmesser 7 bzw. 5,5 cm (Abb. viii). Als
Bambusarten sind
aor duri und
aor riman genannt,
dieselben, die auch in den Hss. aus der Sammlung Van der
Tuuk
s genannt werden.
Diese 13 Hss. können, abgesehen von der
Frage nach ihrer Provenienz, in zwei Gruppen eingeteilt werden. Bei
den Hss. 01 und 13 handelt es sich um
Schreibübung
en
.
Manik
(1973:243) bezeichnet im Register seines
Katalogs der batakschen Handschriften in deutschen Sammlungen elf
Hss. als
Schreibübung
en
.
Interessant ist, daß bis auf nur zwei Ausnahmen alle diese
Schreibübun
ge
n ein
Klagelied zum Gegenstand haben, sei es ein
bilang-bilang der
Karo, ein
suman-suman der Simalungun oder ein
andung
der Angkola und Mandailing. Die Tatsache, daß stets Klagelieder
Übungstexte des Schreibunterrichts sind, ist ein Indiz
dafür, daß die Klageliedtradition so weit verbreitet
gewesen sein muß, daß ein jeder zumindest einige
Wendungen dieses Genres beherrschte, und daß daher die
Klagelieder geeignet waren, sich das erste Mal in der batakschen
Schrift zu versuchen
. Die beiden genannten
Schreibübung
en gleichen sich
auffällig. Beide beginnen mit der gleichen formelhaften Wendung:
"Dies ist eine Anleitung
(poda) von jemandem, der das Lesen
der Schrift erlernen möchte. Möge der
datu marajar ni aji [der lehrende
Magier] mir wohlgesinnt sein, mich zu lehren, mich zu unterrichten."
Danach folgen einige kurze Zeilen, die das Unglück des
Icherzählers beschreiben. Interessant ist, daß nur bei den
Schreibübung
en der Angkola und Mandailing
auf den “lehrenden Magier” verwiesen wird.
Möglicherweise bilden diese Texte einen feststehenden
Bestandteil des Schreibunterrichts als Einleitung in die
Datu-Wissenschaft.
Bei den anderen elf Hss. handelt es sich um
Schicksalsklagen
. Wie oben erwähnt, ist
in der oralen Tradition die Grenze zwischen Toten- und
Schicksalsklage fließend. Ebenso verhält es sich im Falle
der Klagelieder der schriftlichen Tradition. In allen diesen elf
Klagen wird neben dem eigenen unglücklichem Los auch der Tod von
Verwandten beklagt. Dennoch handelt es sich nicht um
Totenklage
n im eigentlichen Sinne, da in den
letzteren in der Regel nur der Tod einer Person beklagt wird. In den
schriftlichen Klageliedern der Angkola und Mandailing sind es stets
mehrere Personen, deren Tod beklagt wird. Es handelt sich zudem um
Klagen, in denen das eigene unglückliche Los im Vordergrund
steht, so daß ich diese Klagen als
Schicksalsklagen
bezeichne.
Im folgenden werde ich eine exemplarische
Klage der schriftlichen Tradition vorstellen. Bei dieser Klage aus
der Sammlung Van der Tuuk
s (Cod. Or. 3411
S.187-93) handelt es sich nach Voorhoeve
(1977:117,150) um "een weeklacht van een jongeman uit Mandailing die
na de dood van zijn ouders ten slotte bij een jongere broer van zijn
vader in Barus
terechtgekomen is." Die
Sternchen in der Zeilennummerierung verweisen auf die Anmerkungen
weiter
unten.
Mandailingsche Schicksalsklage (Hs. A
05)
Transliteration 2
1.* Ia tue ale anggi bulu aor leman
2.* ulang ko mardabu-dabu siluluton di
bayo na manyurat
3.* tu raut sala matajom ko mardabu-dabu
siluluton
4.* i do na maraya ni roa di
simanaremu i
5.* o ma i na mantak parsitinggiran ni unggas
mamolus
6.* na sundat ko dioloi alogo
simarangin-angin di tonga ni arangan situmalun
7. na suangkon galoga diapas angin
8.* malepat tu jae malepat tu julu
simanaremu i
9. diombus alogo simarangin-angin
10. I pe sai ma i jolo ma dangol ni
simanaremu i
11. upaiyut hupatompang do ma jolo na dangol
ni simanarengku i
12. dibaen na lobi parsaitan pardangolan ni
simanarengku i
13.* Tumaria-taria simanarenami rangkon
dongan siadosanku i
14.* dung malongas simanare ni damang na
tua bulung
15.* suangkon parsarak ni borong-borong
jantan simanarenami
16.* rangkon dongan siadosanku i
17.* rangkon ibotku i na dua
simanjujung
18.* na ipinujanami na opat
simanjujung i
19. Anta na dung malongas ma i dainang di
tano Mandailing
20. dibaen na lolot ma dung kutadingkon
rangkon ibotku i
21. sada simanjujung di tano
Mandailing
22.* sada di tano Rao ditaban adabuan ni
oncongku bonjo lang
23. so marsuo dope simanarengku i
baya
24.* Targan di tano Batang
Gadis
simanarenami
25.* mingkat muse ma simanarenami tu
tano Singkuang
26. adong sataon kami di tano Singkuang
27.* mingkat muse ma tu tano
Sulangaling
simanarenami
28. rangkon damang na tua bulung
29. rangkon dainang na tua bulung
30. rangkon dongan siadosanku i
31.* Jadi mingkat muse ma simanarenami
tu tano rura Mandailing
32.* jumujur ak ni silumimpang dalan
dongan siadosan
33.* tu tano rura Angkola tumunjungi
na ipinuja ni damang
34. adong sabulan di tano Angkola
35. malongas ma dongan siadosanku
i
36. jumujur ak ni silumimpang dalan ma
simanarengku i sumapai dongan siadosan tu tano rura
Angkola
37. disungkun simanarengku ma na
ipinuja ni damang di tano Angkola:
38.* "Ma dung sumuruk situmandok diparunok
kayu sinaiton"
39. ning na ipinuja ni damang
40.* jadi bulus tangis marsiluluton
simanarengku i
41. Jadi mulak ma simanarengku tu tano
rura Mandailing
42. umjamita sajo do di dainang na tua
bulung
43. rangkon ibotku na sada
simanjujung
44. ami sapai ma dainang na tua
bulung
45. sanga tu dia damang na tua
bulung
46.* marlidung ma dainang di
simanarenami rangkon dongan siadosan:
47.* "Ma dung kehe tu tano rura Batang Natar
mangaliang mangalogot"
48. ning parlidung ni dainang na
tua bulung
49. Jadi langka ma simanarengku
sumapai simanare ni damang tu Batang Natar
50. jadi marsuo ma ami di arangan
situmalun
51. jadi ujamita on ma di simanare ni
damang:
52. "O amang ma dung marobur simanare
ni dongan siadosan di tano rura Angkola"
53. ning simanarengku marlidung di
damang na tua bulung
54. jadi bulus markatompuk-katompuk ma damang
na tua bulung di arangan situmalun
55. jadi marlidung ma
simanarengku i
56.* "Mulak ma ita marbalik marsuncang une tu
Mandailing
57.* anta na dung tumorjak kayu na so
marbulung ma dainang di tano rura Mandailing"
58. ning simanarengku marlidung di
damang na tua bulung
59. Jadi jumujur ak ni silumimpang
dalan ma simanarenami timon tano rura Batang Natar
60. tibo di Mandailing adong sabulan
61. dung tu Mandailing malongas muse ma
simanare ni damang di Mandailing
62. ngada ditontang dongan siadosanku
i ami rangkon ibotku manontang simanare ni damang na
malongas di Mandailing
63. suangkon amamate ni dagang mamolus do i
damang na tua bulung i
64. sadari malongas damang na tua
bulung
65.* sadari ma au tumorjak kayu na so
marbulung
66. dibaen martaonkon dainang na tua
bulung
67. rangkon ibotku i na sada
simanjujung i
68. Jadi marlidung ma
simanarengku di simanare ni dainang
69.* "Langka jolo simanarengku jumujur ak
ni silumimpang dalan na tumantan simanjojak gumayung alang
simangido
70. tu tano rura Angkola tumunjungi na
ipinuja ni damang na tua bulung"
71. Tibo di tano Angkola
72. jadi marlidung ma
simanarengku di na ipinuja ni damang na tua
bulung i
73.* "Au langka dope au tu tano rura
Barus
manjamita on ca di damanguda
siadosan ni damang na dung malongas damang
na tua
bulung i"
74.* ulang irim roha ni damanguda lang na
jongjong marangin sipurpuron damang na tua bulung
75. Jadi langka simanarengku timon
tano rura Angkola
76. lalu tu tano rura
Barus
on
77. jadi ujamita on ma di siadosan ni
damang
78.* O amanguda ulang be irim roamu di damang
na tua bulung
79. na jongjong marangin sipurpuron ni
simanarengku i
80. jadi tangis
marsiluluton ma
damanguda di tano rura Barus
on
81. jadi marlidung ma simanare
ni damanguda di simanarengku:
82. "Ulang tinggalkon au"
83. ning damanguda marlidung di
simanarengku i
84.* jadi marsait ma simanarengku di
sioparpidoan ni damanguda i
85. suangkon sait ni dagang mamolus do sait
ni simanarengku na di sioparpidoan ni damanguda
86. Jadi suangkon aek di rodang
simanarengku i
87.* jumampar-jumarorap jumojori
sioparpidoan ni na dua tolu
88.* andang-andang marbulu-bulu poso
siubeonku i
89.* na so nipandungan payogon i do
manyiak-nyiak siubeonku
90.* taringot ma simanarengku di
damang dainang na lambok marlidung
91.* na sayang marsinuan tunas damang
dainang
92. na apogan marobur ma damang na
tua bulung
93.* tumopotkon sisumbaonku di
padang silungunon
94. mauja muse ma dongan siadosan
mandapoti simanare ni damang na tua bulung i tu
padang silungunon
95. Dung malongas damang rangkon dongan
siadosan
96. suangkon aek di rodang
simanarenami rangkon ibotku i, rangkon dainang, rangkon
dongan siadosanku
97. sada di tano Rao,
98. sada di Mandailing
99. rap rangkon dainang na tua bulung i
simanarengku
100.* suangkon
payogon na tarpisik di
sitombomon simanarengku tu tano rura
Barus
101. dibaen di son do i siadosan ni
damang na tua bulung i
102. jadi di son ma simanarengku i
103. Songon on ma tompa ni badan ni iba
on
104. sai ma jolo na dangol lao tu
simanaremuyu
105. ngada tarrengreng dope i na
dangolmuyu
106. lalat ari potang
107*. dibaen ngada dong dapot bujing di
au
Übersetzung
1.* O anggi Leman-Bambus,
2.* fluche nicht dem Mann, der auf dir
schreibt.
3.* Die Schärfe des Messers gefällt
dir nicht, fluchst du,
4.* neidisch bist du.
5.* Du bist es, auf der die vorbeiziehenden
Vögel nicht mehr sitzen werden,
6.* der Wind in der Mitte des Waldes wird dir
nicht mehr gehorchen,
7. wie Riedgras vom Wind hin- und
hergeweht,
8.* stromab, stromauf wirst du gebeugt,
9. vom Wind geweht.
10. Daher soll dein Leid erst einmal ein Ende
haben,
11. mein Schmerz und mein Leid werde ich auf
dich laden,
12. denn zu groß sind mein Leid und
mein Schmerz.
13.* Zahlreich waren wir mit meinem
Bruder.
14.* Nachdem unser alter Vater gestorben
war,
15.* wurden wir verstreut wie [der Staub]
einer holzbohrenden Hummeldrohne,
16.* wir mit meinem Bruder,
17. und meinen beiden Schwestern,
18. und den vier Kindern von Vaters
Schwester.
19. Ob Mutter wohl schon in Mandailing
gestorben ist,
20. denn ich habe sie und meine Schwester
schon lange verlassen,
21. eine im Land von Mandailing,
22.* eine im Land von Rao als Beute gemacht,
Platz meiner Klagen,
23. ich habe sie immer noch nicht getroffen,
Ach.
24.* Als wir im Land des Batang
Gadis
-Flusses waren,
25.* zogen wir weiter ins Land Singkuang.
26. Nachdem wir ein Jahr in Singkuang
waren,
27.* zogen wir wiederum ins Land von
Sulangaling
,
28. mit unserem alten Vater,
29. mit unserer alten Mutter,
30. mit meinem Bruder.
31.* Dann zogen wir wiederum ins Land von
Mandailing,
32.* mein Bruder machte sich auf den Weg
33.* ins Land von Angkola die Kinder von
Vaters Schwester aufzusuchen.
34. Nachdem er einen Monat im Land von
Angkola war,
35. starb mein Bruder.
36. Ich machte mich auf den Weg, um nach
meinem Bruder im Land von Angkola zu fragen,
37. ich fragte den Neffen meines Vaters in
Angkola.
38.* "Er ist schon begraben, im Sarg".
39. sagte der Neffe von Vater.
40.* Sogleich löste ich mich in
Tränen auf.
41. Dann ging ich zurück ins Land von
Mandailing,
42. es der alten Mutter zu berichten,
43. und meiner einen Schwester.
44. Wir fragten unsere alte Mutter,
45. wohin unser alter Vater wohl sei.
46.* Es sprach Mutter zu mir und meinen
Geschwistern:
47.* "Er ist schon ins Land vom Batang
Natar-Fluß gegangen, umherziehend",
48. sagte meine alte Mutter.
49. Dann ging ich los nach meinem Vater zu
fragen im [Land von] Batang Natar.
50. Im Wald sind wir uns begegnet.
51. Dann berichtete ich Vater:
52. "O Vater, Bruder ist schon im Land von
Angkola gestorben",
53. sprach ich zu meinem alten Vater
54. Sogleich schlug und schlug Vater sich auf
die Brust, im Wald.
55. So sprach ich:
56.* "Laßt uns nach Mandailing
zurückkehren,
57.* vielleicht ist Mutter in Mandailing
schon in das blattlose Holz getreten",
58. sprach ich zu meinem alten Vater.
59. So machten wir uns auf den Weg vom Land
Batang Natar,
60. nach einem Monat kamen wir in Mandailing
an.
61. Als wir in Mandailing angekommen waren,
starb Vater in Mandailing,
62. ohne daß mein Bruder und meine
Schwester Vater gesehen haben, der in Mandailing starb,
63. wie ein vorbeiziehender Fremder starb
Vater,
64. verschied eines Tages Vater.
65.* Eines Tages werde ich in das blattlose
Holz treten,
66. denn ich muß für Mutter
sorgen,
67. und für meine eine Schwester.
68. So sprach ich zu meiner alten Mutter:
69.* "Ich mache mich auf den Weg mit
hängenden Beinen und schlenkernden Armen
70. ins Land von Angkola zum Neffen meines
alten Vaters".
71. Als ich in Angkola ankam,
72. sprach ich zum Neffen meines alten
Vaters:
73.* "Ich gehe in das Land von
Barus
um Onkel zu berichten, daß mein
alter Vater gestorben ist.
74.* [....]
75. Dann ging ich aus dem Land von
Angkola
76. in dieses Land von
Barus
.
77. Dann berichtete ich meinem Onkel:
78.* "O Onkel, sei meinem alten Vater nicht
[...?...]
79. der mich erzeugt hat".
80. Dann weinte Onkel in diesem Land von
Barus
.
81. Dann sprach Onkel zu mir:
82. "Verlasse mich nicht"
83. sagte Onkel zu mir.
84.* Arm wurde ich im Haus von Onkel,
85. arm wie ein vorüberziehender Fremder
war ich im Haus von Onkel.
86. So war ich wie Wasser im Morast,
87.* ohne Ausweg, ging in fremde Häuser
um nach Essen zu fragen,
88.* manchmal war wie junger Bambus mein
Bauch,
89.* dem man kein Reis gegeben hat, so
biß mich mein Bauch.
90.* Ich erinnerte mich an meine
gutmütigen Eltern,
91.* die mich gerne als Sohn hatten.
92. Zu früh starb mein alter Vater,
93.* suchte meine Ahnen im Jenseits auf,
94. auch mein Bruder wollte meinen alten
Vater ins Jenseits folgen.
95. Nachdem Vater und Bruder gestorben
waren,
96. waren wir mit meiner Schwester, mit
Mutter und meinem Bruder wie Wasser im Morast,
97. der eine in Rao,
98. der andere in Mandailing,
99. zusammen mit meiner alten Mutter,
100.* wie Reis der aus dem Reisstampfplatz
fällt ging ich nach Barus
,
101. da hier der Bruder meines alten Vaters
ist.
102. Daher bin ich jetzt hier.
103. So ist die Gestalt dieses Leibes,
104. mein Leid werde ich auf dich
lasten,,
105. dein Leid läßt sich nicht
mehr darlegen.
106. Spät wird es Nachmittag,
107*. da ich kein Mädchen bekomme.
Anmerkungen
Abkürzungen:
E = (Eggink 1936)
1 anggi 'jüngerer Bruder oder
Schwester'.
2 mardabu-dabu siluluton (a.).
3 tu raut sala matajom, etwa 'zum
Messer (was das Messer betrifft) ist die Schärfe
mangelnd/fehlerhaft', evtl. 'das Messer ist nicht scharf genug'.
4 simanaremu (a.) 'du, dein'.
5 o = ho; initiales <h> wird in
dieser Hs. beinahe regelmäßig mit <a> wiedergegeben:
Vgl. Z. 11 upaiut = hupaihut; Z. 22 adabuan =
hadabuan; Z.44, 50 und 62 ami = hami; Z.56 ita =
hita; Z.63 amamate = hamamate; Z.74 und 78 irim =
hirim; Z.78 roa = roha; na mantak = na sundat.
6 alogo simarangin-angin (a.),
arangan situmalun (a.).
8 jae und julu =
'stromabwärts, stromaufwärts', auch im Sinn von 'nach
rechts und links, hin und her'.
13 Nach VdT ist
taria das GW von
tumaria-taria (a.)
= moga-oga 'fröhlich sein'.
Taria ist meines Erachtens von
ria abgeleitet. W :
"ria fröhlich, lebhaft, belebt". In VdT findet sich unter
ria diese Bedeutung nicht, obschon er
Pakpak-Dairi
riah mit derselben
Bedeutung nennt und auch
siriaon, das
andung-Wort
für 'lachen'. Bei W findet sich kein Eintrag
taria, wohl
aber bei E : "
tumaria-taria hüpfen wie ein Vogel".
Egginks Übersetzung ist in dieser Hs. sicherlich unpassend. Die
Bedeutung von
ria ist nach W (ebenso kb. und pb.
riah)
'fröhlich, lebhaft, belebt, zahlreich'. Ich vermute, daß
tumaria-taria hier in der Bedeutung 'zahlreich' zu verstehen
ist. In dieser Übersetzung macht auch erst
dung 'nachdem,
seid' einen Sinn.
siadosan (a.) 'Bruder, Geschwister'
hier verstärkt durch dongan 'Freund'.
14 malongas (a.), na tua bulung
(a.).
15 Der Vergleich mit der holzbohrenden Hummel
findet sich auch in Cod.Or. 3409:118-117. Nach dem Tod der Eltern hat
es die Kinder in verschiedene Richtungen verschlagen, so wie der
Holzstaub der holzbohrenden Hummel in alle Richtungen fliegt.
16-18 Die Aufzählung von Personen mit
rangkon, dohot oder doot (Z.16-18) ist typisch für
die andung der Angkola und Mandailing; ibot (a.);
simanjujung (a.) ist hier Hilfszählwort für
Personen; ipinuja (a.).
22
Bonjo lang habe ich nicht
übersetzt.
Bonjo ist die mandailingsche Bezeichnung
für die orthodoxe muslimische Sekte der
Padri
, die in der ersten Hälfte des 19.
Jahrhunderts Mandailing und Angkola mit Kriegen überzogen und
islamisierten. Ein Anführer der Padri war Tuangku Imam Bonjol
(bonjo lang = Bonjol?). Einer der Heerführer, die das
Batakland unterwarfen, war Tuangku Rao
aus dem
minangkabauschem Ort Rao
(auch: Rau) im
Grenzgebiet zu Mandailing. Vielleicht ist seine Schwester
während der Padrikriege nach Rao verschleppt worden
(ditaban
'im Krieg erbeutet werden')
.
24-30 Während im vorhergehenden Absatz
der Erzähler die Vermutung äußerte, seine Mutter sei
bereits gestorben, wird hier berichtet, daß er mit seiner
Mutter und seinem Vater umherzieht. Da hier auch der Vater noch lebt,
dessen Tod in Zeile 14 erwähnt wird, muß angenommen
werden, daß es sich hier um eine Rückblende handelt.
24 Batang Gadis
, ein
Fluß in Mandailing.
25 Singkuang, ein Ort an der Mündung des
Batang Gadis
, Kecamatan
Natal
, Kabupaten Tapanuli Selatan.
27 Sulangaling
, ein
Ort in Mandailing am Batang Parlampungan, einem Nebenfluß des
Batang Gadis
(Kecamatan Batang Angkola), etwa
30 km östlich von Singkuang.
31 tano rura Mandailing 'Talland
Mandailing'. Es finden sich sowohl die Formen tano...
als auch tano rura... (vgl. Z.33 und 34).
32 jumujur ak ni silumimpang dalan
(a.)
33 ipinuja ni damang (a.) kann auch
Singular sein.
38 VdT: sumuruk 'in oder unter etwas
kriechen'; situmandok 'Erde' (a.) von tumandok 'dicht
an der Erde sein, klein von Menschen'; sumuruk situmandok
'begraben sein'; unok 'Mark von Pflanzen'; sina(h)iton
= hayu (=kayu) 'Holz' (a.); hayu sinahiton =
sinahit, soban 'Brennholz' (a.); diparunok hayu sinaiton,
wörtlich: 'zu Mark gemacht durch das Brennholz' = 'im Sarg'
(a.).
40 marsiluluton (a.).
46 marlidung (a.).
47 Batang Natar, heute: Batang Natal. Der Ort
Natar bzw. Natal liegt an der Mündung des Batang Natal, etwa 60
km südlich von Singkuang.
56 marsuncang une (a.) .
57 kayu na so marbulung 'das blattlose
Holz' (a.) = bayangan 'Block, Strafblock'; tumorjak kayu na
so marbulung 'das blattlose Holz betreten' (a.) = tu
bayangan 'in den Block gesperrt'.
65-67 Nach dem Tod seines Vaters ist er
für seine Familie verantwortlich. Anscheinend ist er nicht in
der Lage für deren Lebensunterhalt zu sorgen und muß auf
Kredit leben. Der Block war ein beliebtes Mittel, die
Angehörigen eines Schuldners zu zwingen, die Schulden zu
begleichen.
69 Für gewöhnlich heißt es
gumayung-ayung. Vielleicht ist alang 'nicht
genügend, unzureichend' ein Schreibfehler für ayung;
simangido (a.).
73
damanguda, 'jüngerer Vater'
werden die jüngeren Brüder des Vaters genannt;
siadosan
ni damang 'Vaters Bruder' (a.). Barus
, der
bekannte Handelsort an der Westküste im Kabupaten Tapanuli
Tengah, liegt etwa 250 km nordwestlich von Mandailing.
74 VdT hirim = rimpu 'meinen, denken';
W so panghirimon ni roha 'unerwartet'; lang ??; na
jongjong marangin sipurpuron 'der mich gezeugt hat (a.)'.
78 siehe Z. 74.
84 E sa(h)it 'krank, Not leiden'; VdT
morsahit = pogos 'arm'.
87 VdT jumampar-jumarorap 'sich
ausweglos fühlen wie jemand, der aus Armut nicht weiß, an
wen oder wohin er sich wenden soll'; E "überall hin- und
herkriechend von einer Pflanze, in der Andung-Sprache oft benutzt, um
auszudrücken, daß man nicht mehr weiß, wohin, keinen
Ausweg mehr sieht". VdT jumojori porpidoan ni na dua tolu "von
einem Haus zum anderen gehen, um nach Essen zu fragen (a.)",
wörtlich: 'der Reihe nach die Häuser der Vielen
aufsuchen'.
88 Man könnte hier an das knarrende
Geräusch denken, das entsteht, wenn sich die Bambusrohre durch
den Wind aneinander reiben. Dies erklärt aber weder poso
'jung' noch die Reduplikation von bulu..
89 siubeon (a.) = butuha, W:
maniak butuhangku "mein Leib beißt mich, d.h. ich habe
Hunger" (maN=siak, tb. maniak, mb. manyiak);
payogon (a.).
90 lambok marlidung (a.).
91 sinuan tunas (a.).
93 sisumbaon (a.); padang
silungunon (a.).
100
sitombomon (a.), VdT (S.344) gibt
folgende Übersetzung: "
als rijst die buiten 't vijzelblock is
gespild; aldus spreken de verhalers uit nederigheid van zich
zelve (M[andailing]." Im Kontext dieses
andung ergibt sich
aber ein anderes Bild: Der Icherzähler geht nach
Barus
, weil er von seiner Familie getrennt
ist. Die Reisstampfe symbolisiert die Einheit der Familie.
107 Dies ist das einzige mir bekannte
andung, das so endet. Dieser Schluß erinnert an die
Liebesklagen
der Karo, ist aber gänzlich
untypisch für die Klagelieder der Angkola und Mandailing, die im
allgemeinen nicht erkennen lassen, daß es sich um eine
Liebesklag
e handeln könnte.
Wie ich weiter oben gezeigt habe, ist ein
Charakteristikum der oralen Tradition der Klagelieder, daß
diese eine recht ausgewogene Silbenstruktur haben (eine
Notwendigkeit, die sich aus dem oralen Vortrag ergibt) und daß
die Zeilen häufig mit dem Demonstrativpronomen
i oder
on auslauten. Am Beispiel der
Hochzeitsklage
habe ich die Hypothese
aufgestellt, daß der weniger gebundene Stil der Hochzeitsklage
möglicherweise darauf zurückzuführen ist, daß
diese (für Van der Tuuk
) aufgeschrieben
wurde. In Hs. 05, eine Klage der schriftlichen Tradition, sind einige
Merkmale der oralen Tradition noch erhalten. Die Silbenstruktur der
Zeilen ist nicht so ausgewogen wie bei der oralen Klage, aber ein
gewisser Rhythmus läßt sich noch feststellen. Auch der
Zeilenauslaut auf
i ist in vielen Zeilen noch vorhanden.
Parallelismen sind zahlreich, und der Text wird, ebenso wie in der
oralen Tradition, gegliedert, indem gleiche oder ähnliche
Wendungen als Absatzauftakt gebraucht werden:
Jadi mulak ma...
(Z.41),
jadi langka ma ... (Z.49, 75),
jadi marlidung
ma... (Z.55, 68, 72, 81) etc.
Die schriftliche Tradition unterscheidet sich
also von der oralen Tradition nicht qualitativ, sondern
höchstens quantitativ. Durch die Entbindung vom oralen Vortrag
fallen einige der strukturellen Voraussetzungen weg, die beim oralen
Vortrag zwingend sind, aber die meisten Strukturen der oralen
Tradition sind auch in der schriftlichen deutlich erkennbar.
3.3.1 Die Auftaktformel
Anhand der Auftaktformel
läßt sich das Kompositionsschema eines Klagelieds
besonders prägnant darstellen. Die erste Zeile bildet eine kurze
Formel, die das Genre spezifiziert. Dies ist ein Charakteristikum
beinahe aller batakscher Hss. So beginnen
Briefe
der Tobabatak stets mit der Formel:
Ahu surat tinongos ni ... 'Ich bin der Brief, geschrieben von
... [es folgt der Name des Schreibers]'.
Drohbriefe
der Karo beginnen:
Énda
surat kucanggung 'diesen Brief hänge ich auf'. Auch in den
pustaha haben die einzelnen Textarten
eigene Einleitungen, Orakel
werden mit
jaha 'wenn' eingeleitet, Texte über Anleitung zur
Herstellung von magischen Präparaten etc. beginnen mit
poda
ni ... 'Anleitung zu ...' usw.
Die erste Zeile, die eigentliche
Auftaktformel
, ist stets sehr stereotyp. Es
gibt folgende Varianten:
[75]
|
A 02.
|
ia
|
tue
|
|
ale
|
|
anggi
|
bulu
|
aor
|
leman
|
|
A 03.
|
ia
|
tehe
|
|
ale
|
|
|
bulu
|
aor
|
riman
|
|
A 04.
|
ia
|
tehe
|
baya
|
|
|
anggi
|
bulu
|
aor
|
duri
|
|
A 05.
|
ia
|
tue
|
|
ale
|
|
anggi
|
bulu
|
aor
|
leman
|
|
A 06.
|
ia
|
tehe
|
|
ale
|
baya
|
anggi
|
bulu
|
aor
|
tobol
|
|
A 07.
|
ia
|
bo
|
baya tue
|
|
|
anggi
|
bulu
|
aor
|
tobol
|
|
A 08.
|
ia
|
bo
|
baya
|
|
|
|
bulu
|
aor
|
leman
|
|
A 09.
|
ia
|
bo
|
|
ale
|
|
anggi
|
bulu
|
aor
|
leman
|
|
A 10.
|
ia
|
bo
|
|
ale
|
|
|
bulu
|
aor
|
leman
|
|
A 11
|
ia
|
tehe
|
|
ale
|
baya
|
anggi
|
bulu
|
aor
|
duri
|
|
A 12
|
|
|
|
|
|
anggi
|
bulu
|
aor
|
riman
|
Aus der Reihe fällt lediglich
Hs. 12. In dieser werden die anderen Elemente der Formel erst in
Zeile 4 aufgenommen.
Dieser Auftaktformel
folgen stets eine Anzahl von
Versatzstück
en, die in unterschiedlicher
Zusammenstellung und in einigen Varianten kombiniert werden
können und in der Regel an die Auftaktformel gebunden sind. Ich
nenne diese daher die erweiterte
Auftaktforme
l. Sie umfaßt in Hs. 05
zwölf Zeilen und ist damit von etwa durchschnittlicher
Länge. Die kürzeste besteht aus nur fünf Zeilen (Hs.
03), die längste aus 28 Zeilen (Hs. 04). Die Versatzstücke
der erweiterten Auftaktformel beziehen sich alle auf den Bambus, der
durch
anggi personifiziert ist, schildern sein Schicksal und
setzen es in Beziehung zum Schicksal des Erzählers. Man kann
folgende Versatzstücke unterscheiden (nur Mehrfachnennungen sind
aufgenommen):
A.
ulang ko mardabu-dabu siluluton di bayo
na manyurat[76]
Du [Bambus] sollst den Mann, der auf dir
schreibt, nicht verfluchen
Hss. 02, 04, 05, 07, 08, 09, 10, 12
B
tu raut [lading, gadubang] sala matajom
[mapincur][77]
die Schärfe des Messers gefällt dir
nicht
Hss. 02, 07, 09, 10, 11
C
di anak ni bayo Toba
Silindung Julu do ho mardabu-dabu
siluluton
dibaen i do na patupa-tupa [pajadi-jadi]
situlison
anso dalan marongas marobur badan
simanaremi
verfluche den Mann aus
Ober-Silindung
, Toba,
der dich zum Schreibbambus macht,
so daß dein Leib stirbt
Hss. 04, 09, 10, 11, 12
D. na maraya ni roha
du bist neidisch
Hss. 02, 05, 07
E. Beschreibung dessen, was dem Bambus nicht
mehr vergönnt ist :
(Wird stets durch na sundat (ko) oder na
mantak (ko) 'du wirst nicht mehr' eingeleitet)
E 1 na sundat (ko) sayur matua
bulung
alt bist du nicht geworden
Hss. 02, 04, 06, 07, 08, 09, 11
E 2 na sundat (ko) maginjang
magodang
groß und lang bist du nicht
geworden
Hss. 03, 06, 11, 12
E 3
na sundat (ko) parsitinggiran na
unggas mamolus[78]
du wirst den vorbeiziehenden Vögeln
keinen Rastplatz mehr bieten
Hss. 02, 05, (07), 08, (09)
E 4 na sundat (ko) panirin-nirinan ni
tarias kede-ede
die Papageien werden auf dir nicht mehr
rufen
Hss. 02, 04 (07), 08, (09), 11, 12
E 5 na sundat (ko) tangkolan ni anggogok
(na godang)
die (großen) Tauben werden auf dir
nicht mehr rasten
Hss. 04, 11
E 6 na sundat (ko) panubung-nubungan ni
imbo gagang na godang di harangan situmalun
du wirst den großen Gibbons im Wald
keinen Halt mehr bieten
Hss. 02, 08
E 7 na sundat (ko) parsilaungan ni ursa
pongguk na godang di harangan tombak habagasan
du wirst den großen Hirschbullen im
Wald keinen Schatten mehr spenden
Hss. 11, 12
E 8 na sundat (ko) sibebean ni alogo
simarangin angin di harangan situmalun
der Wind im Wald wird durch dich nicht mehr
rauschen
Hss. 02, 07, 08
E 9 na sundat (ko) dioloi (ama inamu)
alogo simarangin-angin (sirumondop udan)
du wirst von (deinen Eltern), dem Wind (dem
Regen) nicht mehr geliebt werden
Hss. 04, 05, 06, 07, 08, 09, 11, 12
F suangkon galoga diapas angin
malepat tu jae, malepat tu julu
Wie Riedgras im Wind
sich hin und her beugt
Hss. 02, 05
G i pe sai ma jolo na dangol ni
simanaremu
dein Leid dauert fort
Hss. 02, 04, 05, 06, 07, 08, 10, 11, 12
H. hupaihut hupatompang do ma jolo na
dangol
ich werde dir erst mal mein Leid
aufbürden
Hss. 02, 04, 05, 07, 08, 10
Die Auftaktformel
der
karobatakschen Klagelieder zeigt einige deutliche
Übereinstimmungen. Die erste Zeile besteht vornehmlich aus einer
Reihe von Interjektionen; anschließend wird die Bambusart
genannt und gelegentlich folgt die Angabe, aus wieviel Abschnitten
der beschriebene Bambus besteht. Bei den Klageliedern der Karo werden
gelegentlich die Wachstumsphasen des Bambus beschrieben. Anders als
bei den
andung wird bei den Klageliedern der Karo das Leid des
Bambus nicht beklagt. Nur bei einer karobatakschen Klage (Hs. B 18)
wird der Bambus in einer Art adressiert, die deutliche Parallelen zu
den
andung aufweist:
11. Daher sollst du, dicker Bambus,
12. mich nicht verfluchen
13. wenn du auch von deinen Brüdern
scheiden mußt
14. so soll daran dein Herz nicht
zerbrechen
15. dein Los ist ein gutes,
16. du wirst in einen König
verwandelt,
17. mein Los ist es, das unglücklich
ist.
3.3.2 Die Themen
Der Tod von Verwandten ist das häufigste
Thema der mir zur Verfügung stehenden angkola-mandailingschen
Klagelieder. Beklagt wird der Tod
des Vaters 03, 04, 05, 06, 07, 08, 11, 12
der Mutter 03, 11
der Schwester 02, 04
des Bruders 05, 06, 08
des Großvaters 02, 06, 11
der Vaterschwester 04
des Vaterbruders 12
des Mutterbruders 04
Der Icherzähler macht in vielen
Fällen den Eltern Vorwürfe, daß sie ihn allein
hinterlassen haben. Das Thema des Todes von Verwandten ist das
zentrale Thema der andung, alle anderen Themen stehen meist in
Zusammenhang mit dem Tod der Eltern bzw. eines Elternteiles.
Dies ist auch der Fall beim Thema der Armut.
Dieses wird zumeist dadurch ausgedrückt, daß der
Icherzähler Hunger leiden muß (Hss. A 03, 04, 06, 08, 10,
11). In einigen Hss. wird auch berichtet, daß der Reichtum der
Eltern an Büffeln (Hs. A 03) und Sklaven (Hss. 03, 04) nach
deren Tod verschwand. In Hs. 10 berichtet der Icherzähler,
daß sich sein Vaterbruder des Goldes des verstorbenen Vaters
bemächtigen wollte.
Eine Steigerung des Armut-Themas ist das
Thema der Versklavung (Hss. A 02, 03, 07, 08, 09). Entweder der
Icherzähler selbst, oder ein Geschwisterteil ist bereits in die
Sklaverei
verkauft worden bzw. es wird die
Vermutung geäußert, daß dieses geschehen wird.
Auch das Thema des Vagabundierens steht
vielfach in Zusammenhang mit dem Tod von Verwandten (Hss. A 02, 05,
06, 08, 09, 10). Gelegentlich werden Ortsangaben gemacht, zumeist
wird aber nur berichtet, daß der Icherzähler in ein fernes
Land
(tano hadaoan), oder zu den "fremd Sprechenden, den sich
linkisch Kleidenden"
(na aloat marlidung, na jaluk marabit)
zieht. Letzteres ist eine Umschreibung für die
Malaien
.
Der Wille, anstelle des Leides lieber den
Freitod zu wählen, wird in drei Hss. (A 03, 09, 10)
ausgedrückt.
3.3.3 Interpretation
Wie ich bereits oben erwähnte, ist niemals
über die schriftliche Tradition der Klagelieder der Angkola und
Mandailing geschrieben worden. Es ist nicht bekannt, ob und wie die
Klagen vorgetragen wurden, für wen sie bestimmt waren und welche
Funktion sie innehatten. Es ist auch nicht bekannt, wann die
Tradition zu existieren aufhörte.
Evident ist, daß die schriftliche
Klageliedtradition der Angkola und Mandailing deutliche Parallelen
zur mündlichen Tradition des Klagelieds aufweist, das nicht nur
Totenklage
, sondern auch Hochzeits-, Liebes-
und
Schicksalsklage
ist. Die schriftliche Klage unterscheidet sich von der oral
tradierten insbesondere durch die
Auftaktformel
, die auch der Schlüssel zum
Verständnis dieses Genres ist.
Als Schriftträger
aller
andung der Angkola und Mandailing werden
Bambusabschnitte gebraucht. In den meisten Hss. wird der Bambus
anggi (jüngerer Bruder / jüngere Schwester) genannt.
Die Personifizierung des Bambus als
anggi läßt
erkennen, daß man sich den Bambus beseelt denkt.
Hs. A 04
1. Ia tue ale anggi bulu aor leman
2. na sundat ko sayur matua bulung
3. dibaen diandung silumampis bibir
simanaremu i
1. O Bruder/Schwester Leman-Bambus
2. der du nicht alt geworden bist
3. getötet wurdest du von einem
Messer.
Anders als in Toba, wo sich anggi nur
auf das gleichgeschlechtliche Geschwisterteil beziehen kann, kann
sich anggi in Angkola wie in Mandailing als term of
address auch auf gegengeschlechtliche Geschwister beziehen. Es
ist also nicht klar ob der Bambus männlich oder weiblich
ist.
Niessen
nimmt an,
daß Bambus Symbol des Männlichen ist:
"This "shuttle" (turak) is often decorated
with Batak script. The script, its form, and also the material from
which it is made, are suggestive of the male character of this piece
of equipment. In The Origin of Humans, Raja Ilik is transformed into
bamboo (l.405-410) and in another version (Tobing 1956:67) he
descends to the underworld in a piece of bamboo. Bamboo is also the
container for sanggar and banyan tree twigs used as the "male"
elements in fertility rituals for the rice fields." (Niessen
1985:118)
Niessen
s Argumentation
ist allerdings nicht in allen Punkten überzeugend. Nicht Raja
Ilik verwandelt sich in Bambus, sondern lediglich seine Beine
(op.cit. 32f.). Bambus als
Behälter für
"männliches"
sanggar und
banyan weist eher darauf
hin, daß dieser weiblich ist. Es bleibt also nur die Form des
Weberschiffchens
, die in der Tat phallisch
wirkt (und auch von den Batak so interpretiert wird), sowie
Niessen
s ethnographische Vergleiche mit
anderen Völkern des indonesischen Archipels. Weberschiffchen aus
Bambus sind in der Tat Symbol des männlichen Prinzips, welches
aber nicht auf das Material Bambus zutreffen muß.
Niessen bleibt auch eine Erklärung
schuldig, wieso die Schrift einen männlichen Charakter
suggeriert. Die Schrift wird auf den Bambus mit der Spitze eines
Messers eingeritzt (in den
andung werden verschiedene
Messersorten genannt:
raut, lading und
gadubang). Piso,
ein weiteres Wort für 'Messer', wird auch das Geld- oder
Sachgeschenk genannt, daß bei einer
Heirat
die Familie des Bräutigams an die
Brautfamilie gibt. Hier, in diesem Fall stimme ich
Niessen
zu, verkörpert
piso das
männliche Prinzip (Niessen 1985:92ff).
Niessen
irrt sich aber
sicherlich, wenn sie annimmt, daß die Schrift den
männlichen Charakter des Weberschiffchens
suggeriert. Nach Van der Tuuk
(1861a:276)
sind
sowohl
situlison 'das Beschriebene; das, was
beschrieben wird' als auch
boru ni situlison 'Tochter des
Beschriebenen'
andung-Wörter für
surat
'Schrift'.
[79] Nach
Warneck
(1977) ist die Bedeutung von
situlison jedoch
bulu 'Bambus'.
Hariara
(1987:50) übersetzt
situlison wie auch
boru ni situlison als 'Schrift'
(surat) und auch als
bulu suraton 'Schreibbambus'.
Die Verwendung des Terminus
boru
(Tochter) macht deutlich, daß man sich Schrift als
Verkörperung des weiblichen Prinzips sieht.
[80]
Hariara
s Übersetzung von
boru ni
situlison als
bulu suraton weist ferner darauf hin,
daß auch der Bambus weiblich sein kann.
Für die angenommene "Weiblichkeit" des
Bambus spricht auch seine Verwendung in einem Ritual der Karo: Nach
Tarigan
(1974) wurde für einen
verstorbenen Jungen eine rituelle Hochzeit abgehalten, in der die
geschlechtliche Vereinigung vollzogen wurde, indem ein Abschnitt von
jungem Bambus, der zuvor über Feuer erwärmt wurde,
über den Penis gestülpt wurde.
Alle diese Indizien weisen deutlich darauf
hin, daß Bambus als Schreibmaterial ebenfalls weiblich sein
kann. In 13 Hss. wird der Bambus als
anggi bezeichnet
wird
[81]. Nur in Hss. A 03 und 08
wird keine geschlechtsspezifische Anrede gebraucht. Bei Hss. A 01 und
A 13 handelt es sich um
Schreibübung
en
;
der Bambus wird nicht angeredet, aber die Schrift wird als
boru ni
situlison bezeichnet. Nur in Hs. A 10 wird der Bambus
boru ni
situlison genannt, die Anrede
anggi fehlt hier
ebenfalls:
Hs. A 10 Universiteitsbibliotheek Leiden, Or.
3422, S.117-26
11. Ale bulu aor leman di Toba
Silindung
Julu [k]o mardabu-dabu siluluton
12. i do na pajadi-jadi boru ni situlison
13. ale bulu aor leman
14. anco dalan na malongas marobur
simanaremu
15. iale bulu aor leman na pitu ruas
16. i pe da ale bulu aor leman na pitu
ruas
17. sai ma i jolo parsaitan pardangolan ni
simanaremu
18. iale bulu aor leman na pitu ruas.
19. Upaiyut hupatompang do ma jolo parsaitan
pardangolan ni simanarengku on
20. ale bulu aor leman.
11. O Leman-Bambus richte deinen Fluch nach
Ober-Silindung
, Toba,
12. dies (oder: dort) ist es, das [dich] zum
Schreibbambus macht.
13. O Leman-Bambus
14. daher mußt du sterben,
15. O Leman-Bambus von sieben
Abschnitten.
16. Sei es auch so, O Leman-Bambus von sieben
Abschnitten
17. soll dein Schmerz und Leiden erst mal ein
Ende haben
18. O Leman-Bambus von sieben Abschnitten
19. Ich werde meinen Schmerz und mein Leid
auf dich laden
20. O Leman-Bambus
Situlison kommt in den Klageliedern in
zwei unterschiedlichen Kontexten vor. Hier ist es pajadi-jadi
(in anderen Hss.: patupa-tupa ...) boru ni situlison,
das sich wahrscheinlich auf den Bambus und nicht auf die Schrift
bezieht. Ein Vergleich mit anderen Hss. zeigt allerdings, daß
der Bambus oftmals nicht als boru ni situlison, sondern
schlicht als situlison bezeichnet wird:
Hs. A 04
9. ia mardabu-dabu siluluton do ho anggi
10. di anak ni bayo Toba
Silindung
Julu do ho mardabu-dabu
siluluton
11. dibaen i do na patupa-tupa situlison
Hs. A 09
12. mardabu-dabu siluluton ko ale tu Toba
Silindung
julu
13. i do na pajadi-jadi situlison
Hs. A 11 Text 1
16. tu Toba onan
Silindung
Julu ho mardabu-dabu olso
17. i do na pajadi-jadi situlison
Hs. A 12
10. di na mora pande bosi i do ho
mardabu-dabu silungunon
11. i do na pajadi-jadi situlison
Der Terminus
boru ni situlison kommt
normalerweise in Zusammenhang mit
mangandung (wörtlich:
‘klagen’), das
andung-Wort für
‘lesen’, vor. In diesem Zusammenhang bezieht sich
boru
ni situlison sicherlich eher auf die Schrift als auf den
Schriftträger
:
Hs. A 01:
1. Ia poda ni andung-andung n[a] giot
mangandung boru ni situlison
Dies ist die Klage von einem, der bestrebt
ist, lesen zu lernen
Hs. A 09
64. ... ale siriaon ni na mangandung boru ni
situlison
...O Freunde, die ihr diese Schrift
lest.
Hs. A 13
1. ia poda ni manongon ribut anak Nasution
Mandailing Godang
2. na giot mangandung boru ni situlison
Dies ist eine
Schreibübung eines Mannes des Nasution
Klan aus Groß-Mandailing
der bestrebt ist, lesen zu lernen
Gelegentlich scheint sich auch
situlison auf die Schrift zu beziehen. Hier hat der Schreiber
statt mangandung das alltagssprachliche mambaso
‘lesen’ verwendet:
Hs. A 11 Text 2
8. ... baya na mambaso situlison ihit
ihit
Das Problem ist also nicht eindeutig zu
lösen. Hs. A 10 ist die einzige Hs., in der der Bambus eindeutig
als weiblich bezeichnet wird. In allen anderen Hss. bestehen Zweifel,
ob sich die durch
boru angezeigte Weiblichkeit auf den
Schriftträger oder auf die Schrift bezieht. Nicht
auszuschließen ist ferner, daß Bambus als
Schriftträger sowohl männliche als auch weibliche
Charakteristiken aufweisen kann. In der batakschen
Pflanzensymbolistik können bestimmte Pflanzen je nach Situation
und Funktion das weibliche oder das männliche Prinzip
verkörpern und sogar hermaphrodit sein (Hans
Angerler
, persönliche Kommunikation).
Trotz dieser angebrachten Zweifel erscheint
es mir als sehr wahrscheinlich, daß sich
anggi hier auf
das weibliche Geschlecht bezieht. Die Schrift, die stets als
boru
ni situlison 'Tochter des Beschriebenen' bezeichnet wird, kann
insofern als Frucht der magischen Verbindung des männlichen
Messers mit dem weiblichen Bambus gedacht sein. Diese Befruchtung
erfolgt allerdings erst
post mortem, nachdem der Bambus "vom
Messer getötet"
(diandung silumampis bibir, Hs. A 02)
wurde. Die Auftaktformel
dient sicherlich
dazu, die Seele des getöteten Bambus zu
besänftigen.
[82] Denn dieser
ist "neidisch"
(maraya ni roha), da er dem Leben entrissen
ist. Ausführlich wird beschrieben, was dem Bambus vergönnt
bleibt. Anschließend wird dem Bambus geraten, er solle nicht
dem zürnen, der seine Lebensspanne verkürzte und ihn um die
Freuden des Lebens brachte, sondern er soll seinen Fluch "nach
Ober-Silindung
, Toba" richten:
Hs. A 12 Museum voor Volkenkunde Leiden Nr.
370-2824
4. I pe da anggi bulu aor riman
5. ulang ko mardabu-dabu holso di badan
simanare on
6. dibaen na sundat ko magodang maginjang
7. ko dioloi ama inamu sirumondop udan dohot
alogo simarangin-angin.
8. Ia mardabu-dabu siluluton pe ho anggi bulu
aor riman
9. tu Toba Silindung
Julu ho mardabu-dabu silungunon
10. di Na Mora Pande
Bosi
i do ho mardabu-dabu silungunon
11. i do na pajadi-jadi situlison
4. Daher, anggi Stachelbambus,
5. verfluche mich nicht
6. weil du nicht hoch und groß geworden
bist
7. nicht mehr von deinen Eltern dem Regen und
dem Wind geliebt wirst.
8. Wenn du schon fluchst, anggi
Riman-Bambus,
9. dann fluche nach Toba,
Ober-Silindung
,
10. verfluche den Fürsten Pande
Bosi,
11. er ist es, der dich zum Schreibbambus
macht.
Na Mora Pande Bosi
ist
der Stammvater des mandailingschen Lubis-Klans. Wörtlich
übersetzt bedeutet sein Name allerdings Fürst Schmied. Der
Schreiber weist also seine Schuld am Tode des Bambus von sich ab,
richtet sie auf das Messer und ultimativ auf den Schmied. Der Bezug
auf die tobabataksche Landschaft
Ober-Silindung
ist mir nicht ganz deutlich.
Möglicherweise haben die Mandailing von dort ihre
Metallwerkzeuge bezogen. Möglich ist es aber auch, daß der
Verfasser den Zorn des beseelten Bambus auf einen fernen Ort und auf
eine vergangene Zeit (die Anspielung auf den Stammvater des Lubis
Klans) bannen will. Das Messer scheint jedenfalls eine doppelte
Funktion zu haben. Es tötet den Bambus, ist aber als
Schöpfer der Schrift zugleich auch lebensspendend.
In der Auftaktformel
wird auch deutlich gemacht, welcher Funktion die
andung
dienten. Der Bambus soll das Leid des Verfassers aufnehmen:
Hupatompang hupaihut do ma jolo na dangol ni simanarengku i
'ich bürde dir erstmal meinen Schmerz und mein Leid
auf’. Hieraus kann man folgern, daß die Klagelieder, oder
konkreter das personifizierte Schriftmedium Bambus, den Menschen
symbolisierend, die Funktion hatte, das Leid des Verfassers
aufzunehmen, der dieses mittels der magischen Kraft der Schrift
auf den Bambus überträgt und so von
sich selber abwendet.
[83]
Die bataksche Kultur kannte und kennt
verschiedene Maßnahmen, Unheil und Krankheit abzuwehren. Die
Ursache von Krankheit, aber auch von Erfolglosigkeit und Unglück
im allgemeinen, wird häufig darauf zurückgeführt,
daß ein Ahnengeist
(begu) oder einer der zahlreichen
anderen Geisterwesen, die an heiligen Plätzen, in den Bergen und
anderswo lokalisiert sind, einen störenden Einfluß auf ein
Individuum ausüben. Die Mittel, sich dieses Einflusses zu
erwehren, sind unterschiedlich. In der Regel wird ein
guru konsultiert, der die Diagnose
stellt und eine Therapie versucht. Der Geist wird Mittels eines
Mediums kontaktiert, und es wird versucht, dessen Motivation
herauszufinden. In einigen Fällen genügt ein Opfer, um den
Geist zufrieden zu stimmen. Wenn dies nicht hilft, bleibt die
Möglichkeit mit aggressiven Mitteln gegen den störenden
Geist vorzugehen oder diesen zu täuschen. In letzterem Fall wird
eine anthropomorphe Figur aus einer Bananenstaude geschnitzt. Diese
wird dann in einen Fluß oder eine Schlucht geworfen. Der
guru signalisiert dem Geist dann, daß die Person, auf
die er störend eingewirkt hat, bereits tot sei. Die aus einer
Bananenstaude geschnitzten Menschenfiguren nennt
Winkler
(1925:157ff) "Ersatzmittel" - eine
beinahe wörtliche Übersetzung des batakschen
porsili, abgeleitet vom Grundwort
silih 'wechseln,
austauschen, ersetzen'. Hierbei scheint es sich um eine im
indonesischen Raum weit verbreitete Vorstellung zu handeln, die in
etwa dem Malaiischem
'buang sial' entspricht. Der Gedanke der
Übertragung und damit Bannung von Unheil könnte auch bei
den Klageliedern eine Rolle spielen. Vom Bambus bzw. vom Klagelied,
das man auf diesen geschrieben hat, erhofft man sich die Lösung
des Schmerzes, wie dies in Hs. 04 beschrieben wird:
16. ho ma hape baya anggi bulu aor duri
17. na pasundur-sundur bulu
18. na pasiga-siga bulung gaol
19. na pasunggul-sunggul lungun
20. humarkari sude ni na dangol
21. na marlamlam ni bio-bio
22. na buruk bari marrappean
23. na margantung marraisan
24. na marandor ni rabian
25. sude ni na dangol teman boltok
siubeon
16. du bist es doch, anggi
Stachelbambus,
17. der Vermittler ist des Bambus
18. der Bananenblätter
zerreißt
19. der die Einsamkeit weckt
20. allen Schmerz löst
21. der faulig ist wie die Kriechpflanze
bio-bio,
22. verfault und modrig
aufeinanderliegend,
23. herabhängend und verhakt,
24. kriechend im Unterholz
25. den ganzen Schmerz aus dem Bauch.
Wenngleich auch diese Textpassage nicht ganz
verständlich ist (was wird vermittelt, warum zerreißt
Bambus Bananenblätter?), so wird hier dennoch deutlich,
daß man von dem Bambus mit der in ihm eingeritzten Klage die
Lösung des Leides
erwartet.
4. DIE KLAGELIEDER DER SIMALUNGUN
Die schriftliche Klageliedtradition der
Simalungun ist bislang, abgesehen von Wörterbucheinträgen
und Aufnahmen in Handschriftenkatalogen, niemals beschrieben worden.
Meine Versuche, vor Ort Informationen über diese Klagen zu
sammeln, waren leider erfolglos. Mir ist es nicht gelungen, auch nur
eine Person zu finden, die noch Kenntnisse über das Genre
simalungunscher
suman-suman hatte. Offensichtlich ist diese
Tradition schon sehr früh in Vergessenheit geraten. Es befinden
sich nur sehr wenige
suman-suman-Hss. in öffentlichen
Sammlungen obgleich deren
Schriftträger
in
der Regel sehr ansprechend gestaltet sind. Es handelt sich oft um
etwa 40 cm lange Bambusköcher
(
parlilian), die zur Aufbewahrung der
lili, Stäbchen, die zum Weben benötigt wurden,
dienten. Die
parlilian sind stets sehr
sorgfältig und reichhaltig mit Ornamenten
versehen.
[84] Da dennoch nur sehr
wenige
suman-suman Eingang in europäische Sammlungen
fanden, kann angenommen werden, daß die Tradition schriftlicher
Klagelieder bei den Simalungun weniger verbreitet war als bei den
benachbarten Karo.
Mir sind nur dreizehn Klagelieder der
Simalungun bekannt. Nur von Hss. S 01 bis 05 und Hs. S 13 liegen mir
Transliterationen vor. Ich habe zusammen mit Petrus
Voorhoeve
den Versuch unternommen, diese Hss.
zu übersetzen. Mir selber ist die Sprache der Simalungun nur
wenig geläufig. Voorhoeve, ein guter Kenner der Sprache, konnte
auch nur einige wenige Textpassagen übersetzen. Meine Versuche,
Klagelieder durch Informanten in Simalungun übersetzen zu
lassen, schlugen ebenso fehl.
Suman-suman sind u.a. daher
besonders schwierig zu übersetzen, da sie ausgiebig von
Pantun
Gebrauch machen. Die
sampiran
der Pantun sind, wie dies auch der Fall bei den Pantun der anderen
Batakvölker ist, nicht übersetzbar, sondern bestehen aus
einer Aneinanderreihung von Reimwörtern.
Liste der suman-suman in öffentlichen
Sammlungen
|
S 01.
|
Amsterdam, KIT 432-24
|
|
|
S 02.
|
Leiden, UBL, Or. 14.439.
|
|
|
S 03.
|
Leiden, UBL, Or. 23.065.
|
Parlilian
|
|
S 04.
|
|
Parlilian
|
|
S 05.
|
Singapur, Raffles-Museum Z 1742
|
Parlilian
|
|
S 06.
|
Berlin, MfV, 13664 (82) [86]
|
Bambusabschnitt mit drei weiteren
Texten
|
|
S 07.
|
Berlin, MfV, 13665 (83)
|
Bambusabschnitt mit Text zur
Herstellung eines Schutzmittels
|
|
S 08.
|
Berlin, MfV, 17050 (86)
|
Bambusabschnitt.
Schreibübun g
|
|
S 09.
|
Berlin, MfV, 37684 (134)
|
Bambusabschnitt (Abb.)
|
|
S 10.
|
Berlin, MfV, 39872 (44)
|
Pustaha
|
|
S 11.
|
Berlin, MfV, o.N. a (162)
|
Bambusabschnitt.
Schreibübun g
|
|
S 12.
|
Frankfurt, MfV, N.S. 8097 (264)
|
Bambusabschnitt.
Schreibübun g
|
|
S 13.
|
Privatsammlung Uli Kozok
|
|
Die simalungunschen Klagelieder
werden
suman-suman genannt, welches man vielleicht am
treffendsten als 'Gleichnis
' übersetzen
kann. Die Bedeutung der Grundwortes
suman ist nach J.E.
Saragih (1989) "1. tetap seperti, 2. cocok, 3. serupa" ('genau wie,
zutreffend, gleich'). Nach Saragihs Wörterbuch wurden
suman-suman außer auf
parlilian auch auf
Weberschiffchen
geschrieben, allerdings ist
mir keine solche Handschrift bekannt.
Wie bei den Klageliedern der Karobatak
richten sich auch die
suman-suman an eine männliche
Person, den "Freund Leser". Den Texten ist allerdings zu entnehmen,
daß die
parlilian für die
Geliebte angefertigt wurden. Das Weben ist bei allen
Batakvölkern ausschließliche Angelegenheit der
Frau
en gewesen. Ich vermute daher, daß
es sich bei den
parlilian ebenso wie bei vielen
Schriftträgern der
bilang-bilang um
Liebesgeschenk
e an die Geliebte handelt.
Gleiches kann auch angenommen werden für die
Liebesklage
der Hs. S 13 sowie für die
Hss. auf Weberschiffchen
, deren Existenz
allerdings nicht nachgewiesen werden kann
Zwei kurze
suman-suman (Hss. S 02 und
10) bilden Teil einer
pustaha. Die
suman-suman aus dem Museum für Völkerkunde Berlin
sind bis auf Hs. S 10 auf Bambusabschnitten von 12 bis 25 cm
Länge und 2,2 bis 4,4 cm Durchmesser geschrieben. Zwei
Bambushss. enthalten außer dem Klagelied auch noch andere
Texte, u.a. eine Vorschrift zur Herstellung eines
pagar
'Schutzmittels'. Dies weist darauf hin, daß auch bei den
Klageliedern der Simalungun die
Amulettfunktion
eine wichtige Rolle gespielt
haben könnte, wie ich es bei den
bilang-bilang
beschrieben habe. Wie die Klagelieder der Karo und auch der Angkola
und Mandailing dienten einige
suman-suman als
Schreibübungen
.
Die simalungunschen Klagelieder beginnen
meist mit der Auftaktformel
poda ni
suman-suman, ale amang na mamasai e, ulang na patidakkon
kadatuon 'Unterricht über ein
Gleichnis
[suman-suman], O Freund
[wörtlich: Vater], der dies liest, es ist nicht, daß ich
mein Wissen zeigen möchte'. In den karobatakschen Klageliedern
lautet die Auftaktforme
l in vielen Fällen
ähnlich, auch hier wird der "Freund Leser" angesprochen und
erwähnt, daß es nicht so sei, als wolle man von seiner
Klugheit berichten. Die Klagen werden als
poda 'Anweisung,
Vorschrift, Unterricht' bezeichnet. Üblicherweise werden in den
pustaha Instruktionen, über die
Bereitung eines Zaubermittels beispielsweise, mit
poda ni...
'Vorschrift über...' eingeleitet.
Poda ist im Kontext der
Klagelieder nicht als "Unterricht" oder "Anweisung" zu verstehen,
sondern vielmehr als ein Wort, mit welchem Texte im allgemeinen
eingeleitet werden.
In Ermangelung einer vollständigen
Übersetzung eines
suman-suman möchte ich dennoch den
Versuch der Übersetzung des Anfangs eines simalungunschen
Klagelieds anbieten, um zumindest einen Einblick in dieses Genre
simalungunscher Literatur zu gewähren. Die (von mir
überarbeitete) Übersetzung habe ich Herrn
Voorhoeve
zu verdanken:
Hs. 03
Transliteration 2
1. Poda ni suman-suman ni na tarsulei
malungun ma inon
2. ale amang na mamasai e
3. ulang amang nagoran na patidakkon
hadatu
on
4. amang na mamasai e
5. bisara guro-guro do i
6. amang na marholong ni atei e.
7. I ma amang lottik ni solpah
8. pinartali ni etet
9. marangrang pe gan buluh
10. so dong na marsigeisi ia
11. adong na marsigeisi padugur-dugur
bulung.
12. I ma borit ni jolma
13. na girah tading maetek
14. mapingor pe gan ulu
15. so dong na maniseisi ia
16. adong maniseisi palungun-lungun uhur do
hassa
17. alo amang na mamasai e.
18. Ai ma nian nini uhurhu
19. ase husuratkon bani buluh
parlilian
ni parbotoanta on
20. atek ijon do hassa jolma juppahan
ajar
21. sadia saganupan amang na sahutahon
22. na rukkon inang na sahutahon.
23. Mattagang gattar bolak do saganupanna
24. na ulang tarpalit tardais borit ni
pinangindouhu
25. alo amang na mamasai e.
26. Tongon do nini uhurhu homani
27. alo amang na marholong ni atei e.
28. Birei-birei ni solpah
29. ratting ni pangulhulan
30. bilei do hape jolma
31. na hurang paruhuran
32. alo amang na mamasai e.
33. Sebe amang na tarturi-turihon sombuni
saganupan
34. Husulhon namin hasang hasang pe lang
marbuah
35. alo amang na mamasai e.
36. Husuba namin lajang-lajang pe lang
marubah
37. atek na mahua ma jolma na rukkon halak
saganupan
38. alo amang na mamasai e
39. suman-suman ni buluh
parlilian
ma use
40. alo amang na mamasai e.
41. Ulang ham inang na ransah bani buluh
parlajaran ni dakdanak
42. dainang parbotoan ne bani bonang badiri
pe
43. ulang maransah i do inang hasoman hundul
na rukkon jongjong
44. alo inang parbotoan ne age barang
sanrotap bonang badiri
45. na ulang do tarolol laho alo parbotoan ne
sali
46. na ulang do jolma dainang makkatahon na
marayoh
47. boti inang so dong boi huparombohon
badanku bani amang na sahutahon
48. na rukkon bani inang na sahutahon
49. atek na mahua ma jolma na rukkon halak
gonupan
50. alo amang na mamasai e
51. loppou ma nassa sibar sule nassa adangan
boritni lang pinindou
52. alo inang na marholong ni atei e
53. ai ma dainang nabaen borikkononmu i bagas
paruhuranmu
54. alo botokku e.
55. Marliot ma bokbokan hian-kian
56. marliok pinarbuah sapadang
57. marlingot ma panonggur hian-kian
58. marlingot-lingot dolok singgalang
59. alo parbotoan ne ama dainang.
60. Ase ulang ho maransah marpodah bani
akkula badanku
61. atek ra tolap podahmu inang parba.
Übersetzung
1. Unterricht über eine Parabel eines
tief Unglücklichen,
2. O Freund, der dies liest.
3. Es ist nicht, daß ich mein Wissen
zeigen möchte,
4. Freund, der dies liest.
5. Es ist nur eine Spielerei,
6. mein wohlgesinnter Freund.
7. --- Reim- ---
8. --- zeilen ---
9. --- ---
10. --- des ---
11. --- sampiran ---
12. Das ist der Schmerz eines Menschen,
13. der früh eine Waise wurde.
14. Dreht sich ihm auch der Kopf,
15. so ist niemand da, der ihm freundlich
zuspricht.
16. Spricht ihm jemand zu, dann macht er
seine Gedanken nur noch betrübter,
17. O Freund, der dies liest.
18. Daher kam ich auf den Gedanken
19. es auf diesem Bambus zu schreiben, in dem
meine Geliebte die Stäbchen für ihre Webarbeit bewahrt, zu
schreiben.
20. Vielleicht kann ich so einen Rat
bekommen
21. von allen Männern des Dorfes
22. und von allen Frauen des Dorfes.
23. (Aber) sie heben alle einen großen
Schild,
24. damit mein Unglück sie nicht
anstecke
25. O Freund, der dies liest.
26. Recht haben sie, denke ich mir,
27. O wohlgesinnter Freund.
28. --- Reim- ---
29. --- zeilen ---
30. Verachtet wird der Mensch,
31. der nicht nachzudenken weiß,
32. O Freund, der dies liest.
33. Freund, es ist unbeschreiblich, wie mich
alle ächten.
34. --- sampiran ---
35. O Freund, der dies liest.
36. Es änderte nichts, würde ich in
die Ferne ziehen,
37. es scheint, ich sei den Menschen
gleichgültig,
38. O Freund, der dies liest,
39. dieses Klagelied auf dem Parlilian
liest,
40. O Freund, der dies liest.
41. Mißachte nicht, Mutter, diesen
Bambus der dem Kinde als Lehrstück dient,
42. Mutter, Schwester .....
43. verachte nicht den Freund, der sitzt und
steht
44. O Mutter, Schwester ....
45. .....
46. .....
47. Es ist, weil ich mir keine Gunst
verschaffen konnte bei den Männern des Dorfes
48. und den Frauen des Dorfes,
49. es scheint, ich sei den Menschen
gleichgültig,
50. O Freund, der dies liest.
Bei aller Ermangelung dieser kurzen und
unvollständigen Übersetzung lassen sich doch einige
Aussagen über dieses Genre ableiten, die von anderen
simalungunschen Klageliedern bekräftigt werden. Dies ist zum
einen der überaus häufige Gebrauch von Pantun, bei denen,
wie üblich, das
sampiran unübersetzbar ist. Pantun
werden auch in den Klageliedern der Karo,
Angkola und Mandailing gebraucht, jedoch niemals in solch einer
Häufigkeit wie bei den simalungunbatakschen
suman-suman
(Hs. 04 besteht beinahe ausschließlich aus einer
Aneinanderreihung von Pantun). Zum anderen lassen die genannten
Themen Parallelen zu den Klageliedern der Karo, Angkola und
Mandailing erkennen. Es handelt sich hier um eine Klage eines
Waisenjungen, der früh seine Eltern verlor, von der
Dorfgemeinschaft verachtet wird und daher erwägt, in die Ferne
zu ziehen. Das Themeninventar der simalungunschen
suman-suman
deckt sich weitgehend mit dem der
bilang-bilang und
andung. Es handelt es sich bei diesem Text um eine
Schreibübung
, denn es wird erwähnt,
daß es sich um ein Lehrstück handelt - dieses macht
allerdings eher den Eindruck einer Gesellen- oder Meisterarbeit.
Zusammenfassend kann trotz der schlechten
Quellenlage festgestellt werden, daß die Klagelieder der
Simalungun sich im Themeninventar nur unwesentlich von den
bilang-bilang und
andung unterscheiden. Insgesamt
scheinen sie den Klageliedern der Karo näher zu stehen als den
andung der Angkola und Mandailing, da einige
suman-suman offensichtlich die Funktion einer
Liebesklage
hatten, wobei anzunehmen ist,
daß das mit dem Klagelied beschriebene Objekt
(
parlilian,
Betelkalkdose
und vielleicht auch
Weberschiffchen
) als
Liebesgeschen
k an die Geliebte diente. Auch
gibt es einen (wenn auch nur schwachen) Hinweis darauf, daß die
suman-suman ebenfalls eine
Amulettfunktio
n innegehabt haben
könnten.
5. DIE KLAGELIEDER DER KARO
Während Hss. von Klageliedern aus
Simalungun, Angkola und Mandailing nur recht selten in
Museumssammlungen anzutreffen sind, ist es um die Materiallage
karobatakscher Klagelieder sehr viel besser bestellt. In den
Sammlungen der größeren europäischen
Völkerkundemuseen sind meist auch einige Klagelied-Hss. der Karo
anzutreffen. Dennoch ist bislang nur wenig über diese
geschrieben worden. Die Missionare der NZG
J.H. Neumann
und M.
Joustra
, die Ende des letzten und Anfang
dieses Jahrhunderts den Versuch unternahmen, die Karobatak zum
Christentum
zu bekehren, haben nur wenige
kurze Artikel über die schriftliche Klageliedtradition der Karo
verfaßt (Joustra 1902c; Neumann 1929; 1930; 1933).
Bereits zuvor hatte
der
Controlleur voor Bataksche Zaken
C.J. Westenberg
, zu seiner Zeit einer
der besten Kenner der karobatakschen Kultur, diese Klageliedtradition
kurz beschrieben (Westenberg 1897:16). Seitdem wurden nur noch zwei
kurze Artikel verfaßt, in denen jeweils ein Klagelied mit
Übersetzung publiziert wurde (Barus 1960; Purba 1978),
die aber sonst keine neueren Erkenntnisse
über dieses Genre brachten.
Das von Neumann
1929
veröffentlichte
bilang-bilang ist jüngst im Rahmen
einer Vorlesungsreihe während des 36. Pasar Malam in Den Haag
von Juara Ginting
vorgetragen und in einer
Sammlung erneut herausgegeben worden (Koolhof 1994). Im Begleittext
dazu heißt es auf Seite 26f:
"De voordracht geschiedt altijd door mannen
voor een publiek van mannen. De wijze van zingen is echter die welke
gewoonlijk woordt gebruikt door vrouwen bij een lijkzang."
Diese Anmerkungen den Vortrag betreffend
müssen als reine Spekulation zurückgewiesen werden. Ginting
hat das
bilang-bilang nicht, wie angegeben, im Stil der
Totenklage
n vorgetragen, sondern hat sich des
Stils der
mangmang (Beschwörungsformeln der
guru) bedient.
[87] Auf Seite 36 hat er die
ersten zwei Strophen des
bilang-bilang in batakscher Schrift
wiedergegeben und so den Eindruck erweckt als handele es sich um eine
Abschrift des Originals. Dies ist nicht der Fall (der Verbleib der
Originalhandschrift ist unbekannt - ich vermute, daß die Hs.
aus der Sammlung des Raya Museums, Karohochfläche, stammt, die
während des indonesischen Unabhängigkeitskriegs in Flammen
aufgegangen ist), und Gintings Schreibversuche in batakscher Schrift
verraten zudem, daß er nicht viel von dieser versteht.
Die 117 von mir transliterierten und
übersetzten Klagelieder der Karobatak (
bilang-bilang)
stammen aus 21 Museen, Bibliotheken oder Privatsammlungen. 101 Hss.
habe ich selbst transliteriert, meist vor Ort, oft auch nach Vorlage
von Fotos oder Fotokopien, die mir von einigen Museen
freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurden. Von Dr. Petrus
Voorhoeve erhielt ich zehn weitere, von ihm angefertigte
Transliterationen
[88], während
Hs. 72 von Prof. Mary Steedly
transliteriert
wurde. Die restlichen fünf Hss. habe ich den Publikationen von
Barus
(1960)
[89], Joustra
(1902c)
[90] und Neumann (1927; 1929;
1933)
[91] entnommen.
Nur ein Teil der hier veröffentlichten
bilang-bilang ist jemals katalogisiert worden (siehe
Konkordanzliste in Band 2). Nach Auswertung der umfangreichen
Collectanea Voorhoeve bin ich mir sicher, den
größten Teil der sich in öffentlichen Sammlungen
befindlichen karobatakschen Klagelieder erfaßt zu
haben.
[92]
Hss., die ich in dieser Arbeit nicht berücksichtigten konnte,
sind im “Verzeichnis nicht aufgenommener Hss.” in Band 2
aufgeführt.
Ich habe im Handschriftenteil (Band 2) alle
Hss. aufgenommen, die in der Auftaktforme
l
als
bilang-bilang bezeichnet werden, wie auch diejenigen, die
nicht als
bilang-bilang bezeichnet werden, deren
Zugehörigkeit zum Genre des Klagelieds aber ohne Zweifel
ist.
Nicht Gegenstand dieser Untersuchung sind
Hss. 99 und 108. Beide Hss. habe ich 1990-1991 im Karoland
transliteriert. Sie sind offensichtlich neueren Ursprungs und
wahrscheinlich als Souvenirs hergestellt. Bei beiden Hss. handelt es
sich um Ritualbeschreibungen. Sie haben nichts mit den Klageliedern
gemeinsam (siehe Beschreibung im Handschriftenteil). Ich habe sie nur
deshalb aufgenommen, weil sie ausdrücklich als
bilang-bilang bezeichnet werden - ein deutlicher Hinweis
darauf, das zum Zeitpunkt ihrer Entstehung das Wissen um die
Tradition des karobatakschen Klagelieds bereits stark nachgelassen
hatte.
[93]
Während meiner Feldforschung im Karoland
(1990-1991) mußte ich feststellen, daß sich nur noch
wenige Angehörige der Generation der über
Siebzigjährigen an die Tradition der
bilang-bilang
erinnerten. Die wenigen Auskünfte, die ich bekommen konnte,
sind überdies vage. Die Mehrzahl der Informanten benannten sie
als
sejarah (Ind. ‘historische Geschichte’), ein
Terminus, der nach karobatakschem Sprachgebrauch alles von
legendärer Übermittlung bis zur Geschichtswissenschaft
umfassen kann. Die Tradition ist heute beinahe gänzlich in
Vergessenheit geraten. Der Professor der Linguistik und Heimatkundler
Henry Guntur Tarigan
hat sich bemüht,
diese Tradition wieder zu beleben, in dem er sein eigenes
bilang-bilang verfaßte, aber auf Papier, in einem
gebundenem Buch und in lateinischen Druckbuchstaben wirkt dieses Werk
doch eher befremdlich und hat auch keine weiteren Nachahmer gefunden
(Tarigan and Tarigan 1979:9f.).
5.1 Typologie der Handschriften
Von den 115 Hss., die Gegenstand dieser
Untersuchung sind, stammen 33 Hss. von einem
Verfasser.
[94] Diese zeigen eine
Vielzahl von Übereinstimmungen in ihrer äußeren und
literarischen Form sowie in ihrem Inhalt. Eine dieser Hss. ist auf
das Jahr 1915 datiert und in einer anderen nennt sich der Verfasser.
Er war der
Upas (ndl.
oppasser 'Offiziersbursche')
des
Sibayak der Landschaft
Barusjahé
, eine der fünf
Landschaften, in die die Karohochfläche von der
Kolonialverwaltung eingeteilt worden war. Die
Upas waren als
Hilfspolizisten u.a. mit der Eintreibung der
Steuer
n betraut. Diesen 33 Upas
-Hss.,
wie ich sie im weiteren nennen werde, ist ein eigenes Kapitel
gewidmet.
Die verbleibenden 82 Hss. sind auf
unterschiedliche Objekte niedergeschrieben, die ich im folgenden
Schriftträger nenne. Auf einigen
Schriftträgern befinden sich mehrere Texte, dennoch bezeichne
ich jeden einzelnen Schriftträger als eine Hs., die einzelnen
Texte einer Hs. sind durchnumeriert: Text 1, Text 2 usw. Die meisten
Schriftträger sind aus Bambus. Hierzu gehören Tabak- und
Betelkalkdosen
, lange
Bambusrohre
,
Flöt
e
n,
Weberschiffchen
,
Nähgarnspule
n
sowie eine Opiumdose
und eine
Schießpulverdose
. Knochen des
Wasserbüffels bilden die zweite wichtige Art von
Schriftträgern. Zu den Knochenhss. gehören
Rippen
- und
Schulterknochen
sowie
Amulettgürtel
, die aus mehreren
Knochenplatten bestehen, die durch Stoffbänder miteinander
verbunden sind. Andere Schriftträger
von
untergeordneter Bedeutung sind
pustaha
'Rindenbücher' und Papier.
Befinden sich auf einer Hs. (= einem
Schriftträger) mehrere Texte, so ist mindestens ein Text ein
bilang-bilang. Die anderen Texte sind entweder
Orakel
oder
tabas 'Zauberspruch,
mantra'.
Die
Texte habe ich in fünf
Texttypen klassifiziert. Ein Text kann dabei durchaus mehreren Typen
zugerechnet werden: Eine Liebes- oder
Schicksalsklage
kann als
Schreibübung
gedient haben, und einige
“fragmentarische Klagen” sind immerhin noch so lang (bzw.
lesbar), daß sie auch als Schicksals- oder
Liebesklage
bezeichnet werden können
(siehe
Tabelle
10).
5.1.1 Schicksalsklagen
Als solche bezeichne ich
bilang-bilang,
die von persönlichem Leid und unglücklichem
Lebenslos
berichten.
Grundlage der
Klassifizierung als Schicksalsklage
ist die
positive Definition als Klage, die von Leid und/oder
unglücklichem Lebenslos berichtet als auch die negative
Definition, daß es sich nicht um eine
Liebesklage
, wie ich sie unter Punkt 2
definiert habe, handelt.
[95]
5.1.2 Liebesklagen
Als solche bezeichne ich
bilang-bilang,
die sich an die Geliebte wenden.
Die Geliebte wird sowohl
turang 'Schwester' als auch
nandé 'Mutter'
genannt. In den Klageliedern wird häufig auch die Mutter
angesprochen, niemals jedoch die Schwester. Daher bezeichne ich alle
Klagen, die sich an die
turang wenden, als
Liebesklag
e
n. Die
Texte, die sich an die
nandé wenden, bezeichne ich nur
dann als Liebesklagen
, wenn es aus dem
Zusammenhang offensichtlich ist, daß
nandé sich
auf die Geliebte und nicht die Mutter bezieht.
5.1.3 Historische Klagen
Als historische Klagen bezeichne ich solche, die
auf historische Ereignisse Bezug nehmen. Hierzu gehören die Hss.
des Upas des Sibayak von Barusjahé
,
die von der Annexion der Karo Hochfläche
durch die niederländische Kolonialmacht im Jahre 1904 berichten
(siehe “
Typologie der
Upas-Hss.”). Auf die Annexion
geht
auch Hs. 109 ein, die außerdem noch die Revolte gegen
Steuer
last und
Zwangsarbeit
im Jahre 1908 erwähnt. Hs.
13 handelt von der Flucht der Karobatak in die Berge während der
Polizeiaktionen der niederländischen Kolonialarmee in den Jahren
1947-1949.
Als Schicksalsklag
e
historischen Charakters kann auch die von
Neumann
(1927) publizierte
Hs. 90 bezeichnet werden. Es ist das einzige
karobataksche Klagelied in einer
pustaka (Pustaka
Kembaren). Bei dieser
pustaka handelt es sich, ebenso wie
bei der
Pustaka Ginting (Neumann 1930), um eine
Klan-Genealogie.
[96]
5.1.4 Schreibübungen, kurze und fragmentarische Klagen
Sechs Hss. werden im Text als
Schreibübung
en
bezeichnet. Anzunehmen ist, daß auch ein Teil der
fragmentarischen Klagelieder als
Schreibübung
en gedient haben ohne jedoch
als solche bezeichnet worden zu sein. Als fragmentarische Klagelieder
bezeichne ich zehn Texte, die sehr kurz sind (6 - 44 Wörter),
meist nur die Auftaktformel
und gelegentlich
noch ein, zwei Sätze enthalten und dann abrupt
abbrechen.
[97]
Hss. 17 und 58 sind mit sorgfältig
aufgebrachten Ornamenten versehen. Trotz ihrer Kürze sind sie in
sich abgeschlossen, es handelt sich also nicht um fragmentarische
Hss. Ich nehme an, daß es sich bei diesen Hss. um Erzeugnisse
einer frühen Souvenirproduktion
handelt
(die Hss. wurden 1894 bzw. 1901 in die Museumssammlung aufgenommen).
Hs. 58 nennt sich zwar
bilang-bilang,
erzählt aber nur, daß der Verfasser die
Tabakdose
von einem
chinesischen
Handwerker gegen Bezahlung
herstellen lassen hat. Hs. 17 ist ein sehr kurzes
bilang-bilang, indem lediglich erwähnt wird, daß es
sich bei dem Objekt um eine Opiumdose
handelt. Auf Schreibübung
en wird auf
Seite 1 näher
eingegangen.
5.1.5 Orakel und magische Formeln
Auf einigen
Schriftträger
n befinden sich außer
Klageliedern auch Orakel
texte und/oder
magische Formeln
(tabas). Bei den
Orakeln handelt es sich a) um Orakel, die zur Bestimmung des
günstigen Zeitpunktes zum Aufbruch in ein fremdes Dorf dienen,
und b) um Orakel, die in Zusammenhang mit
Liebesmagie
(durma) stehen. Die unter
a) genannten Orakel beziehen sich auf das in den
bilang-bilang
häufig genannte Thema des Umherziehenden, die unter b) genannten
Orakel stehen in Beziehung zur Liebesmagie. Die
tabas sind zum
größten Teil unverständlich, bei einigen handelt es
sich aber sicher um magische Formula der Liebesmagie (-> S.
1).
5.1.6 Andere Textsorten
Obige sehr vereinfachende Klassifizierung
läßt sich auf alle Texte anwenden. Einige Besonderheiten
sollen an dieser Stelle noch genannt werden: Hss. 51 und 52 haben je
zwei Texte. Während die Texte 2 kurze Klagen sind, geht aus
den Texten 1 hervor, daß die Hss. von einem Europäer
aus dem "stromabwärts gelegenen Land", d.h. dem Plantagengebiet
der Ostküste
, in Auftrag gegeben wurden.
Der Europäer sei auf die Hochfläche gekommen und hätte
gesagt, er wolle die Hs. "nach Übersee bringen". Diese beiden
Schulterknoch
en wurden 1896, also acht Jahre
vor Annexion
der Hochfläche, vom
Landesmuseum Hannover erworben. Zu dieser Zeit hatten erst sehr
wenige Europäer Zugang zur Hochfläche
gehabt.
[98]
Hs. 23 Text 2, Hs. 39 Text 2 und Hs. 68
richten sich an Europäer
. In Text 2
der Hs. 23 schreibt der Verfasser, er möchte vom
Tuan
Gambar 'Herrn Foto(graf)' fotografiert werden, damit sein Bild
bei seiner Familie bleibt, falls es ihn in die Ferne verschlagen
sollte. Als Gegenleistung bietet er dem Fotografen die
Betelkalkdose
an. In Text 2 der Hs. 39
wird erwähnt, daß der
Rippenknochen
als Geschenk für "Vater
Hellauge"
[99] gedacht ist. Durch das
Geschenk will der Verfasser sich dessen Gunst erwerben, um sich so
die Gunst seiner Brautnehmer und Klangenossen zu erwerben. Anzunehmen
ist, daß der Verfasser die Freundschaft eines Europäers
sucht, um dadurch seinen Status gegenüber seiner Familie zu
erhöhen. Auch Hs. 68 auf einer
Garnspule
ist als Geschenk für einen
Europäer gedacht, der allein, so schreibt der Verfasser, Mitleid
mit ihm hat.
Diese Hss. weisen auf ein allgemeines
Problem. Es ist durchaus möglich, daß einige Hss.
Erzeugnisse einer kommerziellen
Souvenirproduktion
sind. Sichere Indizien
dafür gibt es nicht. Zahlreiche Hss. sind mit keinen oder nur
sehr einfachen Ornamenten versehen. Dies spricht gegen die genannte
Annahme.
Bei Hs. 81 handelt es sich um ein
tabas in
bilang-bilang-Form auf
einer ledernen Patronentasche
. Aus dem Text
geht hervor, daß es sich um ein Mantra zur Abwehr feindlicher
Kugeln handelt. Auf den Amulettgürtel
(Hss. 95 und 116) befinden sich neben Orakel
n
und
tabas sehr kurze
bilang-bilang. Diese drei Hss.
habe ich zusammen mit den Knochenhss. beschrieben, da bei
letztgenannten ebenfalls der Amulettcharakter
dieser Hss. evident ist (-> S.
1).
5.2 Schriftträger
Während die
andung der Angkola und
Mandailing stets auf langen und unverzierten Bambusrohren geschrieben
wurden, gebrauchten die Karobatak verschiedene Materialien als
Schriftträger.
5.2.1 Schriftträger der Klagelieder des Upas von
Barusjahé
Die Klagelieder des Upas von
Barusjahé
wurden auf
Betelkalkdosen
, lange
Bambusrohr
e und in einem Fall auch auf ein
Weberschiffchen
(tuldak)
geschrieben.
Die
Betelkalkdosen
(Abb. i und ii) sind stets aufwendig ornamentiert. Sie haben
einen Stöpsel, durch den ein oder mehrere Stoffbänder
gezogen sind, so daß dieser bequem herausgezogen werden kann.
Diese Bambusköcher sind dünnwandig (2-3 mm) und von
geringem Durchmesser (3-3,8 cm). Die Länge variiert zwischen
16,4 und 20 cm. Es wird stets eine hellgelbe Bambusart verwendet, die
in sechs Hss. als
buluh belangké bezeichnet wird. Der
Boden der Betelkalkdosen
wird durch den
Knoten des Bambus gebildet. Da der Knoten an der Außenhaut mehr
oder weniger starke und zumeist unregelmäßige Aufwerfungen
bildet, wurden diese, offenbar als unschön empfunden, dadurch
eliminiert, daß dort zwei tiefe Einkerbungen vorgenommen
wurden. Dabei entstand in der Mitte ein dünner Steg. Unter- und
oberhalb dieser Einkerbungen sind Ornamente angebracht. Dann folgt
der Text, der etwa 7 bis 11 cm einnimmt. Oberhalb des Textes sind
dann wieder Ornamente angebracht. Textanfang und Textende werden
durch einen langen Ornamentstreifen voneinander abgesetzt. Die
insgesamt 22 Betelkalkdosen
ähneln
einander so auffällig, daß auf den ersten Blick erkennbar
ist, daß sie von der gleichen Person hergestellt worden sein
müssen.
Neun Handschriften wurden auf
lange
Bambusrohre geschrieben
[100],die in der Länge zwischen 0,95 und 1,25
m variieren bei einem Durchmesser von weniger als 2,5 cm. Diese
Bambusrohre bestehen in der Regel aus zwei oder zweieinhalb
Abschnitten, die durch Knoten voneinander getrennt sind. Auch hier
wieder sind bei den Knoten Einkerbungen vorgenommen worden. Die
Ornamente sind bei den langen Bambusrohren
in
der Regel weniger elaboriert als bei den
Betelkalkdosen
. Die Klagelieder auf den
langen Bambusrohren
haben eine mittlere
Länge von 950 Wörtern. Die kürzeste Klage ist Hs. 89
(435 Wörter) und die längsten sind Hss. 02 (1.388
Wörter) und 92 (1.395 Wörter).
Hs. 107. ist, wie aus dem Text hervorgeht,
auf ein
Weberschiffchen (tuldak
pertenunen) geschrieben. Der Verbleib der Hs. ist
unbekannt.
5.2.2 Schriftträger der nicht vom Upas verfaßten
Klagelieder und deren Funktion
Das häufigste Medium der übrigen
Klagelieder sind
Tabakdosen aus
Bambus. Tabakdose
n sind stets mit einem
hölzernen Deckel verschlossen, der in der Regel mit wenigen
Ornamenten verziert ist. Bei den Hss. 13 und 80 ist der Deckel mit
einer geschnitzten Reiterfigur versehen. Einige
Tabakdose
n sind außerordentlich
aufwendig gearbeitet und mit sehr feinen Ornamenten verziert (Abb. iv
und v).
Bei neun Hss. wird im Text erwähnt,
daß es sich um eine Tabakdose
(tabung pertimbakon) handelt.
[101] Bei elf weiteren mit Deckeln versehenen Dosen
ist es wahrscheinlich, daß es sich ebenfalls um
Tabakdose
n handelt.
[102] Das Material der
Tabakdos
en ist
buluh minak
'Ölbambus'. Dieser ist etwas dickwandiger als
buluh
belangké und hat eine dunkelgelbe, glänzende
Oberfläche. Andere Bambusarten der
Tabakdose
n sind
buluh kayan, buluh
sembulo und
buluh mbelin. Nur eine
Tabakdose
n-Hs. (Hs. 13) ist auf
buluh
belangké geschrieben. Dieser Umstand läßt sich
eventuell dadurch erklären, daß diese Hs. erst nach dem
zweiten Weltkrieg
verfaßt wurde - zu
einem Zeitpunkt als sowohl die Tradition der
bilang-bilang,
als auch die der Herstellung von Tabakdose
n
aus Bambus schon weitgehend in Vergessenheit geraten war. Bei den
Dosen, die nicht im Text als Tabak- oder
Betelkalkdosen
bezeichnet werden, hatte ich
nach Ansicht entschieden, ob es sich um eine Tabak- oder eine
Betelkalkdose handelt. Erst jetzt habe ich die Dosen auf ihre
Proportionen (Verhältnis von Höhe zu Durchmesser) hin
untersucht, und die Ergebnisse bestätigen meinen ersten
Eindruck. Die Höhe der Tabakdose
n
beträgt zwischen 10 und 14 cm bei einem Durchmesser von 7 bis 9
cm. Bei einigen Dosen ist der Durchmesser gar größer als
die Höhe. Das Verhältnis von Durchmesser zu Höhe
beträgt zwischen 1:0,9 und 1:2,2. Nur Hs. 58, bildet mit
Proportionen von 1:3,1 eine Ausnahme. Dennoch handelt es sich
zweifelsohne um eine Tabaksdose, denn sie wird im Text als solche
bezeichnet.
Bei fünf weiteren Hss.
[103] ist es unsicher, ob es sich um
Tabakdose
n handelt, denn diese Dosen haben
keinen Deckel. Dennoch ist es möglich, daß sie
ursprünglich mit Deckel hergestellt worden waren, diese aber im
Laufe der Zeit verlorengingen. Die Proportionen dieser Dosen betragen
zwischen 1:1,4 und 1:2,8. Es ist daher möglich, daß es
sich bei den meisten dieser Behälter ebenfalls um
Tabakdose
n handelt.
Acht Handschriften sind auf
Betelkalkdosen geschrieben (Abb.
ii),
[104] von diesen wird nur Hs.
79 im Text als solche bezeichnet. Bei den anderen ist es aber
aufgrund der Proportion von Höhe zu Durchmesser deutlich,
da&sz